Quentin Tarantino, ein rosa Klo und ich

 

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Herrlich, einfach herrlich: Dieses Klo, drei Meter hohe Decke, Altbau, ist halbhoch in dem unverschämtesten Schweinchenrosa gestrichen, das ich je gesehen habe. Und das Beste: Wenn man das Licht einschaltet, springt das Radio an, das jemand auf ein Regal in luftiger Höhe gestellt hat – und alle Lichterketten, die sich um den Spiegel und durch den Rest des Raumes winden, fangen an zu leuchten! Eine unerwartete Explosion für alle Sinne. Wahnsinn. Ich liebe es. Ich liebe die Farbe Rosa, ich geb’s an dieser Stelle zu, und ich liebe den kreativen Vibe, den dieses Klo und die ganze dazugehörige Studenten-WG ausstrahlt – auch wenn man sich die Kloschüssel besser nicht genau anschaut, auch wenn der Wanne im Bad, die von orangefarbenen Roststreifen verziert ist, gerade die komplette Vorderfront fehlt, so dass man auf grauen Mörtel und Estrich guckt, sobald man den Blick vom silbernen Gaffa-Tape, das rings um den Rand geklebt ist, gelöst hat – auch wenn der Küche die Arbeitsplatte abhanden gekommen ist und der sich gelb verfärbte Kleber auf dem Schränkchen darunter sich anklagend wie ein schlimmer Ausschlag ins Licht streckt – aber es steht ein Klavier im Flur, denn hier wohnen Musiker, und Gitarren lümmeln auf dem weißen Sofa, und ein wunderschöner blau-roter Perserteppich liegt da – und es gibt Fischgrät-Parkett, einen tollen Balkon ins Grüne und ein himmelblaues Treppenhaus mit kunstvoll blau-bunt verzierten Glasfronten zu den Wohnungen, die bestimmt 100 Jahre alt sind, und beim Reinkommen riecht es nach frischer Farbe und Zitronen – und all das mitten in der Stadt, nur fünf Gehminuten vom angesagtesten Platz mit der besten Eisdiele überhaupt entfernt.

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Ich beneide die Leute, die hier wohnen ein bisschen, irgendwie. Auch wenn mir gerade einfällt, als ich das Licht in der Toilette an und aus mache, nur aus Jux und Tollerei, dass unser Klo zu Hause tatsächlich auch rosa ist, halt nur ganz zart, und die Kinder haben vor Jahren eine Wand bunt bemalt, mit Regenbogen, Blumen, Grinsgesichtern und viel Fantasie… Eine Art Seelenverwandtschaft also, von Klo zu Klo. Obwohl ich eine Ahnung habe, dass diese Toilette hier doch anders ist, also – anders gemeint… ich glaube fast, all das hier ist ironisch gemeint… glaube ich – was meint Ihr? Irgendwie so cool halt.

Eine Offenbarung in Richtung Coolness hatte ich vor sehr langer Zeit: Da kam in den Skaterladen, in dem mein Sohn damals seine Klamotten kaufte, ein junges Mädchen herein, die eine beigefarbene patentgestrickte Wollmütze auf dem Kopf trug, die meine Oma im Winter höchstens noch zur Gartenarbeit angezogen hätte, wenn es im Winter etwas im Garten zu arbeiten gegeben hätte. Sie hatte sie nicht ordentlich am Rand aufgerollt oder umgeschlagen, sondern trug das ziemlich lange Ende wie eine Schlumpfmütze tief im Nacken. Auf ihrer Nase prangte eine riesige Hornbrille, die sehr ernsthafte Sparkassendirektoren in den 70er-Jahren trugen – ich konnte einfach meine Blicke nicht von ihr wenden und begriff damals zum ersten Mal: Es gibt Menschen, die meinen ihre Klamotten nicht so, wie sie sie tragen. Auch dieses Mädchen musste wissen, dass es eigentlich Vorteilhafteres für sie gegeben hätte – aber sie wollte es eben genau so – sie trug ihre Klamotten nicht im Ernst, sondern sie waren ironisch gemeint. Das fand ich ziemlich cool, aber ich wusste: Für mich würde das nie in Frage kommen…

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Und jetzt, wie ich am Küchentisch sitze, der natürlich nicht fehlt, an diesem wackligen, unendlich gemütlichen Küchentisch, bin ich ein bisschen wehmütig. Denn hier, zwischen den vielen Weinflaschen im Regal und den vertrocknenden lila Astern auf dem Balkon, riecht es nach Freiheit und Abenteuer, nach durchgemachten Nächten, nach Unabhängigkeit, nach Neubeginn im Denken und Fühlen, nach ersten Malen aller Art, nach Kultur und Kreativität … genau davon hätte ich gerne auch ein bisschen mehr, bitte. Ich bin schon so lange einfach nur mit Gesundwerden beschäftigt…

Was wohl Quentin Tarantino zu diesem Klo sagen würde? Letztens sah ich ihn im Fernsehen, lässig redend, mit einem schwarzen T-Shirt, auf dem „classicism“ stand, und ich verstand nicht, warum. Da traf es mich wieder wie eine Offenbarung: Dieser Mann und seine Filme, die ich eigentlich nur vom Hörensagen kenne, weil ich jegliche Art von Gewalt einfach nicht anschauen kann, da sie mir körperlich weh tut – also dieser Mann, der Schöpfer von „Kill Bill“, „Inglorious Basterds“ und seinem neuesten Werk „Once Upon a Time in Hollywood“ und ich, wir sind so unterschiedlich, wie Menschen nicht unterschiedlicher sein können: Der Mann wirkte einfach so unendlich cool. Wieso bin ich nicht auch cool, fragte ich mich dann, ich bin es nicht und war es nie … dann aber die plötzliche Erkenntnis: Dazu bin ich nicht auf die Welt gekommen. Ich bin nicht auf die Welt gekommen, um Filme zu machen, in denen Gewalt eine große Rolle spielt, offensichtlich gute Filme, wohlgemerkt! Ich will hier nicht urteilen über etwas, das ich gar nicht gesehen habe!

Ich bin dazu auf die Welt gekommen, zu sein, wie ich eben bin, hochsensibel, empathisch, verträumt manchmal, oft unorganisiert und Unordnung verbreitend, mit einem Faible für die Farbe Rosa, das ich nicht ironisch meine (na ja, außer Schweinchenrosa vielleicht) und einem Talent für Sprache und dafür, Leuten das Gefühl zu geben willkommen zu sein … kennt Ihr das auch, dass manchmal eine Erkenntnis vom Kopf ins Herz rutscht, so dass man sie dann erst wirklich richtig begriffen hat? Nicht nur verstandesmäßig, sondern samt dazugehörigem Gefühl? Eigentlich wusste ich das nämlich alles längst, theoretisch, aber beim Anblick dieses so unglaublich selbstsicher wirkenden Tarantinos, sagte ich mir: Probier’s gar nicht erst, so zu sein wie er, das hat keinen Sinn – und das ist auch gar nicht deine Aufgabe. Zum ersten Mal gab ich mir die Erlaubnis, genau so zu sein, wie ich bin. So uncool.

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Was ist meine Aufgabe? Als ich noch berufstätig war, habe ich es geliebt, Menschen Worte an die Hand zu geben, mit denen sie ihre Gefühle und Bedürfnisse ausdrücken konnten, in Konfliktsituationen zum Beispiel, mithilfe der Empathischen Kommunikation nach Rosenberg oder der Erkenntnisse aus der Systemik oder ihnen interkulturelle Kompetenz zu vermitteln. Und ich liebe es mich selbst auszudrücken, beim Schreiben, Tanzen, Singen, Ukulele spielen, Malen, Schauspielern … und das konnte ich auch mit meinen TeilnehmerInnen in meinen Kursen machen, was einfach wunderbar war… und eigentlich macht Tarantino das ja auch, sich ausdrücken – halt nur ganz, ganz anders als ich…

Und im Moment, wo ich noch nicht wieder arbeite, halte ich mit meinen Fähigkeiten die Familie zusammen, denke ich. Gebe den Kindern noch ein bisschen Wurzeln, noch ein bisschen Gelegenheit zum Reden und Zuhören, da ich die Zeit gerade habe, damit sie ihre Flügel spreizen können – was sie ja auch schon tun.

Als ich wieder zu Hause bin, gehe ich in meinen kleinen, aber feinen Garten (nicht nur auf einen Balkon!) und freue mich an dem Anblick des frisch eingeölten und gar nicht wackligen, sondern sehr stabilen Gartentisches, an dem es sich auch herrlich sitzen lässt, noch dazu unterm Apfelbaum. Und eine Arbeitsplatte hat doch auch noch nie geschadet, denke ich, als ich in meine Küche gehe… nur Lichterketten! Die fehlen uns noch im Klo! Aber, denke ich hoffnungsvoll, jetzt haben wir Ende August – bald gibt es Lebkuchen, da können doch Lichterketten auch nicht weit sein. Ich will welche. Viele. Und das meine ich gar nicht ironisch!

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Und ich kann doch auch mit meinen noch begrenzten Möglichkeiten mehr Kultur in mein Leben holen – letztens hatte ich so eine Stimme im Kopf, die sagte: Geh mal in die Staatsgalerie, such dir ein Bild aus, setz dich stundenlang davor – das hilft dir runterzukommen und zu gesunden. Das mach ich am nächsten Regentag!

Und heute Abend stoße ich mit einem Glas Lillet – die Entdeckung des Sommers für mich! – auf uns an und sage: „Quentin Tarantino – du, die rosa Klos und ich – wir sind alle okay so, wie wir sind. Voll okay. Cheers!“

„Coolness kannst du dir nicht kaufen. Cool bist du dann, wenn du ganz du selbst bist. Aber versuch ja nicht, cool zu sein – das ist extrem uncool.“

-Will Smith-

Spaßprogramm darf nie fehlen an dieser Stelle! Also erzähle ich euch, was mein kleiner Nachbar Lukas und ich letztens erlebt haben: Lukas ist vier Jahre alt und total süß, wie aus dem Bilderbuch, mit großen blauen Augen und Haaren, die er fast schulterlang und gelockt trägt… Er spielte mit seiner etwas älteren Schwester bei uns auf der Wendeplatte „Pferdles“, dazu hatte man ihm ein rotes Geschirr um den Bauch gelegt und seine Schwester, die die „Zügel“ in der Hand hielt, und er galoppierten immer im Kreis. Das war ein so netter Anblick, ich habe mich so gefreut, als ich die beiden gesehen habe – „Pferdles“ war definitiv eines meiner Lieblingsspiele, als ich ein Kind war – und heutzutage ist das auch noch beliebt! Wie schön! Hurtig rannte ich in den Garten, wo Gott sei Dank Pferdefutter auf dem Rasen wächst – Klee, Löwenzahn, Gänseblümchen – rupfte zwei große Hände voll aus, lief zur Wendeplatte und hielt den beiden das Grünzeug mit den Worten hin: „Hier, schaut mal, Futter für die Pferde!“ Die Schwester bedankte sich artig, aber Luki schaute mich total erschreckt an, bekam große Augen, wandte sich ab, rannte zur Oma, die auch zuschaute, versteckte sich hinter ihrem Rücken und dort begann er laut zu schluchzen. Ich hatte so eine dumpfe Ahnung, was los war, die sich bestätigte, als ich seine Oma sagen hörte: „Nein, Luki, du musst das Gras nicht fressen. Die Carola wollte doch nur mitspielen.“ Der arme Kleine, hochsensibel auch er, bestimmt… Aber seither frage ich mich: Wie der kleine Quentin wohl reagiert hätte??

Was mich brennend interessieren würde: Wie geht´s Euch mit „Coolness“? Steht Ihr auch auf Dinge, die andere uncool finden? Mögt Ihr dazu was schreiben?

Liebe Grüße!

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Glücklich im Schneidersitz

 

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Im Schneidersitz sitzt das junge Pärchen auf dem harten Kiesweg zwischen den Weizenfeldern, ohne Unterlage, die glücklich wirkenden Gesichter der gerade untergehenden Sonne zugewandt. Sie schauen und reden und lachen, umgeben von roten Mohn- und blauen Kornblumen – und sie wärmen mein Herz, wie sie da so sitzen, vielleicht süße 17 Jahre alt. Es freut mich so, dass die jungen Leute sich spontan die Zeit nehmen, dieses Schauspiel zu genießen, den goldfarbenen Himmel, die Strahlen der sinkenden Sonne, die sich ins immer heller werdende Blau verlieren. Als ich näher komme, liegt es mir auf der Zunge zu sagen: „Wie ihr da so sitzt, das wärmt mein Herz!“, aber vielleicht würden sie mich für eine komische Alte halten, so redet man bei uns nicht mit Fremden, also lächle ich bei ihrem halbherzigen Versuch mir auszuweichen, der natürlich scheitert, wenn man im Schneidersitz im Kies sitzt, und um sie zu entlasten, weil ich merke, dass es ihnen unangenehm ist, mir den Weg zu versperren, sage ich: „Ihr macht alles richtig!“ Da lacht der Junge und das Mädchen auch und sie ruft: „Der Himmel sieht heute Abend ganz besonders schön aus, das kann man sich doch nicht entgehen lassen!“, und ich gebe ihr recht und dann unterhalten wir uns noch darüber, wie gut der frische Wind tut, der jetzt nach der grandiosen Hitze des Tages vom Tal herauf weht und im Gehen meine ich: „Dass sich so junge Leute wie ihr die Zeit nehmen, den Sonnenuntergang zu betrachten, macht mir Hoffnung“, und ich lege die Hand auf mein Herz, und da lachen sie wieder und wünschen mir einen schönen Abend. 

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Ich gehe mit einem warmen Gefühl den Weg hinunter Richtung Tal. Sie machen wirklich alles richtig und ich hatte es in letzter Zeit vergessen, wie das geht: sich Zeit zu nehmen für die wirklich wichtigen Dinge. Ich habe mich in den letzten Monaten irgendwie verloren, seit Wochen spüre ich das. Immerhin spüre ich es jetzt. Etwas fehlte: Lebendigkeit, Intensität, die war da die letzten Jahre, trotz oder gerade wegen der Krankheit – vor allem, als ich anfing zu gesunden und jedes kleine Zwischenziel wie eine Königin feierte. 

Wie konnte es aber kommen, dass ich mich in der Außenwelt verloren habe? Zum einen glaube ich, dass es im Februar begann mit meinem neuen Kleiderschrank und dem großen Ausmisten – seither habe ich den Blick nur auf die Welt der Dinge gerichtet und nicht mehr so sehr auf die Innenwelt. Habe Videos auf YouTube geguckt, wie man richtig aufräumt, wie man seine Garderobe optimiert… all diese Dinge. Im Urlaub auf Korsika, wo wir im Juni wieder waren, ist dieses Gefühl, das mir etwas fehlt, gekommen und die Lebendigkeit langsam zurückgekehrt. Bei langen Strandspaziergängen, beim spontanen Mitternachtsbad im Meer, vom Vollmond beleuchtet und von Leuchtplakton begleitet, beim Lachen auf dem Balkon mit meiner Tochter, während wir die herrliche Aussicht genossen haben… Ich muss, ich darf diese Lebendigkeit pflegen, indem ich mir wieder Zeit nehme fürs Meditieren, das ich immer noch langweilige finde, das mir aber trotzdem gut tut. Für Yoga. Für die Übungen aus dem Gupta-Programm. Für Kreativität, fürs Schreiben an meinem Blog, so wie jetzt.

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Zum anderen gestehe ich mir gerade ein, wer noch daran beteiligt war, dass ich mich verloren habe: Es sind die Wildschweine in meinem Kopf, die Antreiber, die inneren Kritiker, die Entwerter, die sagten: Ach komm, lass es, die Welt braucht deinen Blog nicht, sie kann sehr gut ohne ihn leben, es ist alles eh nicht wichtig. Befördert durch die Erlebnisse in der Selbsthilfegruppe im März: Ich wollte gerne erzählen, dass ich wieder gesund werde mit Gupta – beim letzten Mal, vor zwei Jahren, hat mich die Leiterin quasi in der Luft zerrissen, und gemeint, Gupta sei kompletter Blödsinn. 

Es fällt so gut wie allen ME/CFS-Kranken schwer sich vorzustellen, dass diese Krankheit mit ihren so überwältigenden Symptomen etwas mit unserer Psyche zu tun haben könnte. Klar weiß man, dass man vor einer Prüfung vor Aufregung Durchfall bekommen kann oder nasse Hände – aber diese abgrundtiefe Erschöpfung, diese Reizempfindlichkeit und Nervosität, die Nerven- und Muskelschmerzen, die Sehstörungen, das ständige Halsweh, die Missempfindungen, die Konzentrationsstörungen und das ultraschwere Krankheitsgefühl nach Belastung? Alles ausgelöst durch Stress???  – das kann sich keiner vorstellen, ich am Anfang auch nicht. Aber als ich merkte, dass ich durch Meditation die Muskelzuckungen verringern konnte, wurde ich neugierig – und ehrlich gesagt, ich hatte ja auch keine anderen Optionen. Es gibt ja keine Medikamente. Also öffnete ich mich für die Idee, dass Stress der Auslöser sein kann – und ich bin fast wieder gesund, mithilfe des Gupta-Programms. 

Als im März klar war, dass es eine neue Leitung der Selbsthilfegruppe gibt, bin ich nochmal hingegangen zu einem der Treffen – die alte Leiterin hatte mich übrigens einfach vom Verteiler gestrichenen, dermaßen war ich zur Persona non grata geworden – aber anstatt meine Freude teilen und anderen Hoffnung machen zu können, wie ich mir das vorgestellt hatte, traf ich diesmal auf etwas, das man nur mit „freundlichem Desinteresse“ bezeichnen konnte. Die neue Leiterin ist wirklich eine Seele von Mensch – aber auch jetzt wollte keiner hören, wie man es machen kann ohne Medikamente wieder gesund zu werden. Alle warten nur auf eine Wunderpille, ist mein Eindruck, die es bisher noch nicht gibt. Es war eines der seltsamsten Erlebnisse meines Lebens, denn ich weiß genau, wenn ich jemanden treffen würde, der sagte, er gesunde von ME/CFS, würde ich ihn dermaßen löchern, wie er das gemacht hat … aber es kamen keine Fragen, nichts. 

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Meine Therapeutin meinte: „Die Leute sind in einer Problemtrance. Sie können nichts hören, was sie da heraus holen könnte.“ Ja, wenn man die Idee hat, dass ME/CFS unheilbar ist, dann können all die Leute, die sagen, sei seien gesund geworden, nicht wirklich ME/CFS gehabt haben… Das ist mir schon öfter begegnet. Wobei mir natürlich bewusst ist, dass ME/CFS viele Auslöser habe könnte. Man weiß es ja einfach nicht, es gibt viel zu wenig Forschung in dieser Richtung. Ich weiß nur, dass es sich für mich absolut gelohnt hat, mich für die Idee zu öffnen, dass meine Art Stress zu erleben und zu verarbeiten diese Krankheit bei mir ausgelöst hat, weil darin der Schlüssel zu meiner Heilung liegt – für mich und für Tausende anderer ja auch, die wieder gesund geworden sind. 

Nach dem Treffen war ich unglaublich frustriert, traurig und demoralisiert. Es ist einfach nur unendlich schade für die, die heilen könnten! Aber wer weiß, vielleicht war ja jemand unter den 27 Leuten, der sich angesprochen gefühlt hat und ich habe es halt nicht gemerkt? Ich habe keine Lust mehr zu einem weiteren Treffen zu gehen, die Erfahrung war zu enttäuschend – und auch viel zu aufregend für mich, seither bin ich nämlich so nervös! Das war vorher schon viel besser! 

Danach habe ich mich einfach ins Außen gestürzt, ausgemistet, arrangiert, organisiert… um nicht diese Stimmen in meinem Kopf hören zu müssen, die sagten: „Lass es, die, die es betrifft, wollen eh nicht hören, wie man gesunden könnte…“ und auch die Miesmacher, die jedesmal, wenn ich mich an den Computer setze, kommen und sagen: „Ach, Carola, so wie das letzte Mal kriegst du’s eh nicht mehr hin…“ Und auch die nicht, die sagen: „Wenn die anderen nicht gut finden, was du machst, ist es nichts wert!“ Die vor allem, merke ich gerade. Verrückt.

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Aber jetzt, wo mir das klar ist, erwacht mein Kampfgeist – ich mache weiter. Beim Schreiben wird mir vieles klarer, so wie jetzt auch, und es macht mir so Spaß! Ich zwinge ja keinen, diesen Blog zu lesen, verdammt… Und ich habe noch sooo viele Ideen!! Und kennt Ihr das auch? Dass Ihr das Gefühl hattet, Ihr könntet etwas Schönes geben, aber die, für die es gedacht war, wollen es gar nicht haben?

Also, liebe Leute, macht’s gut, jetzt will ich in den Garten gehen, meine Yogamatte ausrollen, wie ich das in den letzten Tagen immer morgens gemacht habe und den „Sonnengruß“ machen und ein bisschen unterm Apfelbaum meditieren, während der Duft von Sommerflieder und Phlox mich umhüllt, der warme Wind um meine Beine streicht und die Amsel im Vogelbad hinter mir plätschert… Und dann bin auch ich tatsächlich glücklich im Schneidersitz.

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Halt, Spaßprogramm nicht vergessen, wie immer an dieser Stelle! Ich erzähle Euch einfach, was ich letztens beim Vogelbad beobachtet habe: Ein Amselpärchen hüpft heran, die Männchen sind schwarz mit gelbem Schnabel, die Weibchen braun, daran kann man sie leicht unterscheiden. Er darf zuerst rein, natürlich, spreizt die Flügel, plustert und plätschert, macht und tut, und genießt es sichtlich, sich bei der großen Hitze abzukühlen, während sie daneben ein bisschen im Gras pickt, hier und da, scheinbar desinteressiert,  aber eigentlich darauf wartet, dass sie auch mal darf. Endlich ist er fertig, aber als sie ins Bad hüpft, will er mit rein. Das möchte sie jedoch unter keinen Umständen, sie pickt nach ihm, zetert, aber so schnell gibt er nicht auf, immer, wenn sie ihn vertrieben hat, steht er wieder da, doch sie bleibt hartnäckig – jetzt ist sie an der Reihe, und zwar ganz alleine!  Schließlich will er nur noch vom Beckenrand zugucken, aber auch das lässt sie nicht zu – sie hackt nach ihm, rennt dem Fliehenden nach, so lange, bis er gebührend Abstand hält – mit dem Rücken zu ihr! Erst, als er sich tatsächlich abgewendet hat und nicht mal mehr guckt, ist sie zufrieden und genießt ihrerseits das frische Wasser, benässt sich, trinkt und tropft… ich musste so lachen. Und Ihr hättet mal sehen sollen, als sie fertig war – da hüpfte er demonstrativ wieder rein, und mit doppelt so lautem Getöse wie vorher badete er nochmal – spreizte sein Gefieder, schüttelte sich und zeigte allen anderen, wer seiner Meinung nach der Herr im Bade ist… 

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Das folgende Zitat ist mir übrigens zugefallen – im wahrsten Sinne des Wortes: Als ich fertig war mit diesem Beitrag, fiel ein Buch von Frédéric Lenoir aus meinem Bücherregal, an dem ich schon tagelang nicht mehr gewesen war (das ist wirklich wahr, ich schwöre): „L´Âme du Monde“ – darin war eine einzige Stelle angezeichnet und die muss ich Euch zeigen, ich habe ja gar keine andere Wahl: Nachdem Lenoir beschrieben hat, dass der Mensch nie zufrieden sein wird, mit dem was er hat, dass „Dinge“ ihn nie zur Ruhe bringen können, weil er immer nach „noch mehr“ strebt, sagt er: 

„Pour être heureux, l´homme doit quitter la logique de l´avoir pour passer a celle de l´être. …  C´est de découvrir que le bonheur et le malheur sont a l´intérieur de nous, et non dans les choses ou les événements extérieurs.“

„Um glücklich zu sein, muss der Mensch die Logik des Habens verlassen und zu der des Seins vorstoßen… Es bedeutet zu entdecken, dass das Glück und das Unglück in uns liegen und nicht in den Sachen oder äußeren Ereignissen.“ 

– Frédéric Lenoir –

Ist das nicht unglaublich, wie gut das hier passt? 

Allerdings: Es ist deutlich einfacher ohne eine doofe Krankheit glücklich zu sein, finde ich – aber es gibt welche, die sind trotzdem glücklich – und es gibt welche, die haben eigentlich alles und sind trotzdem unglücklich…

Was meint Ihr dazu?

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Einen schönen Sommer wünsche ich Euch allen! Mit Zeit und Kraft fürs Draußensein und für Freunde, Feste, Sonnenuntergänge… und alles, was den Sommer so unvergleichlich schön macht…

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Bäääääh, wie lecker!!!

(Ein Wort vorneweg zu den Fotos dieses Beitrags: Ich habe mich auf die Suche nach „Schönheit“ in der Küche und ums Haus gemacht…)

Sie sieht unglaublich leidensbereit aus, aber sympathisch, die kleine sehr, sehr dünne Frau mit den brav zurückgebundenen grauen Haaren und dem schmalen Gesicht. Auf Youtube ist sie gerade dabei, einen Smoothie zuzubereiten, von dem sie sagt, sie habe am Anfang davon würgen müssen, aber jetzt könne sie sich ein Leben ohne gar nicht mehr vorstellen. Tja. Ein Smoothie, der Würgreiz auslöst, aber halt tooootal gesund ist? Der entgiftet? Und von dem ich am Ende auch so eine zauberhafte schmale Taille bekommen werde? Und vielleicht sogar für immer geheilt sein werde von ME/CFS – geheilt, weil rückstandsbefreit? Wär´ das was für mich?

Die Frau ist eine „Jüngerin“ Anthony Williams, der sagt, ME/CFS sei eine Erkrankung, die durch Epstein-Barr-Viren ausgelöst werde. Auch die Schulmedizin hat übrigens EB-Viren im Blick als ME-Auslöser. Stress, aber unter anderem auch hormonelle Umstellungen, wie zum Beispiel in den Wechseljahren (so wie bei mir), ließen die Epstein-Barr-Viren sich vermehren, die auf Quecksilber stehen wie andere auf Gummibärchen, und mit denen 90% aller Erwachsenen in der westlichen Welt schon Kontakt hatten, meint William. Und da sei es nur logisch, dass man das Quecksilber aus dem Körper irgendwie raushauen müsse. Die Leber, die normalerweise fürs Entgiften zuständig ist und das auch super hinbekommt, sei leider durch Schwermetalle, Pestizide, etc., beim modernen Menschen arg geschwächt und brauche Unterstützung.

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Abdruck Teebeutel mitsamt Etikett auf Untertasse

 

Bei William habe ich auch gelesen, dass u.a. Gerstengraspulver und Spirulina-Algen die ganzen Quecksilber-Rückstände aus meinem Körper entfernen werden, die bei mir natürlich da sind, weil ich massive Amalgam-Füllungen in meiner Jugend eingebaut bekommen habe. Nichtsahnend habe ich mir das Zeug kommen lassen – hm, Gerstengraspulver riecht nach Heu, ich bin ganz angetan. Dann mache ich die Packung mit dem Spirulina auf und sofort wabert eine Wolke grünen Feinstaubs heraus, die unglaublich übel riecht. Ich mische zwei Teelöffel des Pulvers mit Wasser, so wie von William empfohlen – und fasse es einfach nicht, was für eine stinkende, giftgrüne Brühe da entstanden ist: Genauso gut hätte mir jemand vermodertes Teichwasser anbieten können, mit den Hauptnoten verrotteter Pilz und vergammelter Fisch… bah, wirklich, wer so was trinkt, hat doch mit dem Leben eh schon abgeschlossen, denke ich… Und das sage ich, die sich fast klaglos an den Geschmack von Jiaogulan-Tee gewöhnt hat, den Freunde, die nicht so leidensbereit sind, „Selbstmord-Tee“ genannt haben! Aber er war zumindest noch als Nahrungsmittel zu identifizieren…

Anthony William. Das ist nun wirklich Glaubenssache. Ein Freundin hat mir sein Buch „Mediale Medizin“ empfohlen und ich konnte es gar nicht aus der Hand legen, weil alles, sobald man sich auf die unglaubliche Geschichte, die er erzählt, eingelassen hat, einen Sinn ergibt: Er höre seit seinem vierten Lebensjahr eine göttliche Stimme, die ihm erzähle, wie es um die Gesundheit aller Menschen um ihn herum bestellt sei. Als erstes diagnostizierte die Stimme Lungenkrebs bei seiner Oma, die daraufhin erschreckt zum Arzt ging und feststellen musste: Der Vierjährige hat Recht. Lange Zeit sei es ihm lästig gewesen, besonders als Teenager, eine Zeitlang habe er sich aber auch für den tollsten Hecht im Teich deswegen gehalten – er erzählt mit so viel Offenheit, dass ich ins Grübeln kam: Was, wenn er Recht hat?

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Morgensonne auf der Schlafzimmerjalousie

 

Seine Erklärung für ME/CFS beißt sich nicht direkt mit der von Gupta – Stress spielt bei beiden eine entscheidende Rolle. Aber während Gupta Wert auf Entspannung legt, um die Stresshormone wieder ins Lot zu bringen, legt Williams Wert auf die richtige Ernährung, um das gestresste Immunsystem zu stärken – er empfiehlt z. B. auch, sich einen Entsafter zu kaufen und jeden Tag einen halben Liter Selleriesaft zu trinken. Boh, Selleriesaft… ich hab mir mal welchen aus dem Reformhaus geholt – sehr gewöhnungsbedürftig – und sauteuer: 200 ml kosten knapp acht Euro – aber ein Entsafter! Wer will schon 600 Euro für so ein Monsterteil, das die Hälfte meiner Arbeitsfläche in der Küche zustellen würde, ausgeben? Andererseits: Viel Obst und Gemüse, kein rotes Fleisch und Milchprodukte, kein genmanipuliertes Essen wie Soja, kein Zucker und kein Weißmehl, etc. – William ist ja nicht der Einzige, der das erzählt. Klingt eigentlich ganz vernünftig, finde ich. Und bei mir ist in der Richtung doch noch einige Luft nach oben…

Sein Buch erklärt seine ganz eigene Thesen zu den Gründen für die Krankheiten, die gerade in aller Munde sind: Borreliose, Hashimoto, Gürtelrose, Multiple Sklerose, Migräne, Depressionen und natürlich ME/CFS – und einiges mehr… Er hat Vorschläge für eine heilsame 28-Tage-Saftkur, für Meditationen und betont die hilfreiche Rolle, die Engel im Leben spielen können – wobei ich wirklich lachen musste, als er sagte, dass diese keinen Bock hätten, sich die ständigen Selbstgespräche der Menschen anzuhören und darauf zu warten, bis sie vielleicht irgendwann einmal das Wort an sie richteten – nein, wenn man möchte, dass die Engel wirklich helfen, dann muss man schon laut und deutlich mit ihnen reden – also, ich hab’s ausprobiert – ich finde, es hilft! Und ist deutlich angenehmer als Algen zu schlucken, die im brackigen Wasser vor Hawaii aus dem Meer gefischt wurden…

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Brezelabdrücke auf Backpapier

 

Die kleine Frau im Internet hat eine große Küche, in der ein Entsafter locker Platz findet. Leider habe ich noch nicht herausgefunden, an was genau sie gelitten hat. Aber richtig, richtig wie das pralle Leben sieht sie auch nicht aus… Ich überlege also noch und gebe solange das Rezept weiter, das sie von William hat für einen Smoothie, der den abgrundtief schlechten Geschmack von Spirulina vielleicht übertüncht:

2 reife Bananen

2 Tassen wilde Blaubeeren

1 Tasse Koriander

1 Tasse frisch gepresster Orangensaft

1 TL Gerstengraspulver

1 TL Spirulina

1 kleine Handvoll atlantische Dulse/Lappentang

 

Lappentang!! Das hört sich auch gar, gar nicht lecker an… Ich habe meiner Freundin Heidi, die sich auskennt mit allen Säuen, die gerade so durchs Dorf getrieben werden, von Spirulina erzählt und sie meinte lapidar: „Nur böse Geschmäcker killen Quecksilber. Die Story muss halt passen.“ Will sagen: Bös muss bös vertreiben. Aber sie habe es auch daheim… Tja, so ist das mit der Ambiguitätstoleranz, einer der Hauptqualifikationen dieser Zeit und besonders als interkulturelle Trainerin, als die ich vor meiner Erkrankung gearbeitet habe: Heutzutage muss man einfach Widersprüche aushalten können…

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Im Hof unseres Kaminbauers 

 

Leute, ich werde es ausprobieren und berichten. In letzter Zeit geht es mir energiemäßig eigentlich sehr gut, vielleicht eine Folge auch des Intervallfastens, das ich seit ca. 4 Wochen mache: Ich esse einfach nachts nichts. Super Idee, werdet Ihr sagen, wir auch nicht, weil, da schlafen wir! Jaha, aber bei mir dauert es 14 bis 16 Stunden, bis ich meinem Magen wieder etwas zumute. Am Anfang war ich ein bisschen benommen, wenn ich ohne Frühstück einen Spaziergang gemacht habe, aber es wird besser. Ein Kilo habe ich auch verloren. Sehr gute Blutwerte – bis auf Entzündungswerte – hatte ich erstaunlicherweise immer, da erwarte ich nicht die große Veränderung, die sich sonst wohl einstellt beim Intervallfasten. Aber es fühlt sich gut an, mal wieder richtig, richtig Hunger zu haben. Und dann zu merken: Oh, der geht ja weg, wenn ich einfach nichts tue. Dann kommt er irgendwann wieder und wenn ich dann etwas esse, esse ich mit noch größerer Leidenschaft als sonst… auch schön! Und was das Beste ist: In der Zeit, in der Essen erlaubt ist, darf man einfach alles essen – ohne schlechtes Gewissen, das mich seit meiner Jugend beim Essen begleitet! Das finde ich wunderbar…

Aber: Noch vor kurzem hätte ich nicht die Kraft dazu gehabt – und in meiner ganz akuten ME/CFS-Phase schon gleich gar nicht. Da darf man sich nicht überfordern, auch wenn man mit angucken muss, dass der Zeiger auf der Waage fröhlich nach oben klettert, weil man sich ja nicht bewegen kann – und Essen doch fast die einzige Freude ist, die einem noch bleibt…

Und gut, wenn ich das giftgrüne Zeug gar nicht runterbekomme, dann kann ich’s doch immer noch zum Ostereierfärben nehmen – das werden die allergrünsten Eier, die wir je hatten! Aber, gibt mein Sohn zu bedenken, „am Ende überträgt sich der Geschmack!“ Au weia. Dann lieber doch nicht.

Liebe Leser und Leserinnen, habt Ihr Erfahrung mit sowas? Das würde mich sehr interessieren!

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Granatäpfel: so schön – und gut gegen Epstein-Barr-Viren, sagt William

 

Und was gibt’s heute als Spaßprogramm, wie immer an dieser Stelle? Einen Nachtisch mit Kirschen, deswegen total gesund: Monchéris. Viele. Und zwar schnell, bevor die Sommerpause beginnt. Halt! Da ist Zucker drin! Ach, ich finde, auch hier gilt es Ambiguitätstoleranz zu zeigen und Widersprüche einfach … aufzuessen!

„Ich bin einfach, kompliziert, selbstlos, egoistisch, unattraktiv, schön, faul und voller Tatendrang.“

– Barbra Streisand –

Wird Carola vielleicht ein normaler Mensch?

Ich räume auf. Seit Tagen. Ich kenne mich selbst nicht mehr. Ich gucke Videos im Internet von Marie Kondo, der zierlichen Japanerin, die aussieht wie ein süßes Püppchen, die´s aber knallhart drauf hat, das Aufräumen. ( Marie Kondo räumt auf ) Mit ihren Büchern und ihrer Netflix-Serie ist sie zur Zeit in aller Munde. Ich wage einen Blick in Fächer, in die ich seit Jahrzehnten immer nur Zeug reingestopft habe und selten etwas rausgeholt, miste aus, fahre zum Diakonie-Laden mit Bergen von Klamotten, mit Krimskrams und zur Bücherei mit Wäschekörben voller Bücher. Ich glaube fast… also… ich glaube fast, ich werde normal. So ein ganz „normaler“ Mensch, der Sachen kauft oder geschenkt bekommt, sie benutzt und wenn er sie nicht mehr schön oder nützlich findet und sie auch keinen sentimentalen Erinnerungswert mehr für ihn haben, dann einfach weggibt oder wegschmeißt.

Marie Kondo sagt: „Nimm die Dinge in die Hand – und wenn du dann keine Freude empfindest, dann tu sie weg“. Und sie sagt auch: „Bedank dich bei den Dingen, bevor du sie weggibst.“ Das finde ich super. Es kommt meiner verrückten Seite sehr zugute, die allen Dingen einen sentimentalen Erinnerungswert zuschreiben möchte – na ja, fast allen. Außerdem sagt sie: „Ehre das Haus, in dem du wohnst.“ Sie kniet sich tatsächlich hin, bevor sie aufräumt und erweist der Wohnung ihre Ehre. Das finde ich auch klasse.

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Gefühle spielen eine so große Rolle beim Aufräumen, habe ich gemerkt. Ich bin ein kleiner Messie. Kein so ein schlimmer, bei dem man sich in der Wohnung zwischen Gängen von Zeugs und Müll wie in einem Mäusebau den Weg bahnen muss und in dem die Spüle, ja, sogar die Betten nicht benutzbar sind, weil überall Zeug liegt. So schlimm beileibe nicht! Aber ich neige zum Sammeln, zum Horden, am liebsten Bücher und Zeitschriften… Und irgendwie habe ich eine große Zuneigung zu den armen Menschen, die nichts wegwerfen können. Ich kenne das, dass einem Dinge ein Gefühl von Sicherheit geben.

Ganz ehrlich, lacht nur, aber es gibt die Theorie, die sagt, wir seien zu früh aufs Töpfchen gesetzt worden, zu früh gezwungen loszulassen… Ich meine, wer weiß das schon? Vielleicht können nur verrückte Theorien „ver-rücktes“ Benehmen erklären… (Und verrückte Therapien können verrückte Krankheiten heilen! So, wie die Gupta-Therapie meine Krankheit ME/CFS heilt!) Oder auch, dass uns nicht genug gestattet war, unser Leben so zu gestalten, wie wir das wollten, so dass wir gar nicht das Gefühl entwickeln konnten von Selbstwirksamkeit, von: Ich kann meine äußere Umgebung beeinflussen und es ist wichtig und okay, was ich darüber denke und fühle. Ich muss das nicht anderen überlassen, die das angeblich besser können.

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Ich habe in letzter Zeit verstanden: Um gesund zu werden, sein Leben in die Hand zu nehmen, gibt es keinen anderen Weg, als sich erstmal radikal selbst anzunehmen – mit den Falten, den Spleens, dem Bäuchlein, der Krankheit … mit allem Unperfekten eben. Erst das, dann das andere. Es fiele mir nicht so leicht Dinge loszulassen, wenn ich mir jetzt selbst nicht Sicherheit geben könnte – durch Selbstannahme. Davon bin ich überzeugt. Ich kann mir auch vorstellen, dass sich das für Leute, die damit kein Problem haben, völlig verrückt anhört. Für die Tüchtigen, die Zupackenden, die Macher… Die, die das Glück gehabt haben, entweder mit einem bestimmten Temperament geboren worden zu sein oder die dazu ermuntert worden sind, ihrem eigenen Urteil zu vertrauen und sich etwas zuzutrauen. Letzten Endes sind alle „Verrücktheiten“ nur die logische Folge von bestimmten Ausgangssituationen, glaube ich.

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Und wie bin ich dahin gekommen, dass ich plötzlich loslassen kann? Erinnert Ihr Euch an die Wildschweine? Die, die ich aus meinem Kopf verbannt habe? („Wildschweine in meinem Kopf“ vom Oktober 2018)  – An die entwertenden Stimmen, die mein Leben lang gesagt haben: „Du bist nicht gut genug, wenn du nicht perfekt bist“? In einer Sitzung bei meiner Verhaltenstherapeutin habe ich eine solche Wut auf diese Stimmen bekommen, die mich mein Leben lang geknechtet haben! All die vergeudete Lebenszeit! Das Aufschieben aus Angst vor unperfekten Resultaten! Das Ja-Sagen, obwohl mir viel mehr nach „Nein!!“ zumute gewesen wäre – all der Stress!!!!!. Nie mehr wollte ich das zurückhaben, nie, nie mehr. Und tatsächlich merke ich jetzt genau, wenn diese Stimmen sich wieder melden – immer, wenn ich anfange, scheinbar grundlos unzufrieden oder traurig zu werden, dann sind sie am Werk, machen alles schlecht, weil es angeblich nicht perfekt sei und wollen mich vor sich hertreiben. Aber nicht mehr mit mir! Ich sehe es jetzt immer deutlicher, wenn ich wieder an einem Scheideweg bin: Ich kann ihnen glauben und den Weg nehmen, der in die Selbstabwertung führt – oder ich glaube ihnen nicht und halte dagegen: Niemand muss perfekt sein. Perfekt ist überhaupt nicht mehr gefragt und war es übrigens auch noch nie. Verpisst euch, bevor ich die Treibjagd auf euch eröffne…

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Der Anlass für die Aufräumaktion ist übrigens, dass ich einen neuen Kleiderschrank bekomme; der alte ist kaputt. Der neue, ein antiker, der gerade noch hergerichtet wird, ist deutlich schöner, da er nicht zu wesentlichen Teile aus Pressspan besteht… (oh! drei „s“ in Pressspan! Ich liebe das! Fast hat man das Gefühl, heutzutage dürfe man so viele Buchstaben nehmen, wie man gerade Lust hat…) Aber mein Neuer ist auch deutlich kleiner – also muss ich loslassen… und stelle fest: Ich kann das. Bei manchen Dingen ist es allerdings nicht so leicht, vor allem bei Geschenken … aber im Prinzip kann ich das.

Es hat keine Würde, nach unerreichbarer Perfektion zu streben und sich dadurch fertig zu machen.

Es hat keine Würde, in einem Wust aus Zeugs zu leben.

Ich erobere mir meine Würde zurück.

Ich scheine ein normaler Mensch zu werden.

„Affirm with me: It is easy for me to change.“

„Bekräftige es mit mir: Es fällt mir leicht mich zu ändern.“

Louise Hay

Also, ehrlich gesagt: Leicht fällt es mir nicht! Und oft falle ich in alte Muster zurück! Aber auch da darf ich gnädig mit mir sein. Und man kann ja schon mal so tun, als ob… um den Respekt vor der großen Aufgabe zu verlieren…

Für das Spaßprogramm dieser Woche habe ich lange überlegt – aber mir ist einfach nichts Besseres eingefallen als: Ausmisten. Ich werde mich jetzt weiter ranmachen und eine kleine Extratour über meinen Schreibtisch machen, der seit Monaten nicht aufgeräumt wurde. Als ich noch sehr krank war, habe ich einfach alles, was ankam, darauf gelegt – ich hatte einfach nicht die Kraft. Aber jetzt hätte ich sie – ich muss es nur tun – erst die Bücher, sagt Marie Kondo, die darauf liegen, dann das Papier und daraufhin das „Verschiedene“, auch „Kruscht“ genannt… Ich habe ein bisschen Angst davor, aber ich freue mich auch drauf – und das ist so ziemlich das Verrückteste, das ich jemals von mir gegeben habe! Als Einstimmung können die, die des Englischen mächtig sind, ja mal gucken, wie Jimmy Kimmel sich so anstellt, wenn Marie Kondo zu Besuch bei ihm ist… Marie räumt bei Jimmy Kimmel auf – sehr lustig, finde ich…

Liebste Leser und Leserinnen – wie geht’s Euch mit dem Aufräumen? Was hilft Euch? Wo sind die Grenzen? Erzählt doch mal, vielleicht können wir uns gegenseitig motivieren! Ich bin sehr gespannt.

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PS: Die Fotos für diesen Beitrag habe ich im Winter gemacht, als es an manchen Tagen Raureif hatte. Ich liebe die Veränderung, die dadurch in der Natur entsteht – manche Konturen werden hervorgehoben, andere verschwinden – aber insgesamt werden die Dinge auch härter natürlich, die Blätter zum Beispiel. Kommt die Sonne wieder, tauen sie auf und dürfen entspannen – vielleicht ist es mit uns Menschen genauso: Manchmal tragen wir die perfekte Maske vor uns her, weil wir glauben, dass Perfektion von uns erwartet wird – aber entspannter sind wir und es geht uns besser, wenn wir loslassen, uns selbst die Erlaubnis geben so zu sein, wie wir in Wirklichkeit sind… und wenn wir ganz entspannt sind, dann funktioniert das mit der Fantasie und wir sehen sogar kleine Eisbären im Schnee…

Ich wünsche Euch eine sehr gute Zeit!

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So was von tüchtig: Die Eiligen Drei Könige

Am sechsten Januar, dem Dreikönigstag, waren die Heiligen Drei Könige bei mir zu Besuch. Die Sternsinger, meine ich, und eigentlich waren es die Heiligen Vier Könige – Caspar, Melchior, Balthasar und Janine. Und eigentlich die Heiligen Vier Königinnen, denn alle Herren waren dieses Jahr Damen.

Es war schon dunkel, wir waren der vorletzte Haushalt von 44 (!) an diesem Tag und sie waren durchnässt vom Dauerregen. Und erschöpft. Also eigentlich ein Zustand, den die Original-Könige bestimmt auch kannten. Und weil der Weg schon lang und beschwerlich gewesen war, sangen sie dieses Mal auch nur ein Lied, nicht drei oder vier wie sonst, die etwas Eiligen Drei Könige, wer mag es ihnen verdenken…  Da sangen sie also, mit ihren zarten Stimmchen, den großen Kinderaugen, ein bisschen schüchtern immer noch, auch nach 42 mal vorsingen. Vielleicht auch nur müde. Aber dafür begleitet vom Akkordeon, das auch ganz nass war. Sie wollten nicht mal mehr Süßigkeiten, bis auf Melchior, der ein Bounty nahm, aber sie sprachen uns den Segen zu, der wieder für ein Jahr reicht. Und sie erneuerten die Kreideschrift an unserer Haustür. 20 * C+M+B+ 19 steht da jetzt also. Christus Mansionem Benedicat – Christus segne dieses Haus.

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Es rührte mich unendlich, wie sie da so standen im Schummerlicht des großen beleuchteten Sterns in unserem Flur: Eine hatte einen orangefarbenen Turban um den Kopf gewickelt, eine andere eine goldene Krone aufgesetzt, die dritte hatte sich mit Mutters Bräunungscreme die Gesichtshaut gefärbt, wahrscheinlich in der Nuance „Hawaiian Tropic“, mehr so eine natürliche Braunfarbe, tiefschwarz ist, glaube ich, nicht mehr politisch korrekt. Wie gesagt – es rührte mich so. Es wird jedes Jahr schlimmer mit mir – kennt Ihr das auch, dass Euch Eure Großmutter mit zitternder Stimme alles, alles Gute zum Geburtstag gewünscht hat? So eine werde ich auch mal, ich merk´s genau. Was soll’s. Ich hatte so eine Freude an dem immer gleichen Ritual und an der Bereitschaft der Kinder und ihrer beiden Begleiterinnen, diesen Tag der guten Sache zu opfern, für behinderte Kinder in Peru Spenden zu sammeln und Leuten wie mir auch noch eine Freude zu machen. So tüchtig. Und was auch sehr schön ist: Der 6. Januar ist mein Geburtstag. Jedes Jahr! Ein bisschen habe ich immer das Gefühl, sie kommen extra mir zu Ehren… Ganz uneitel.…

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Und jetzt dachte ich mir, diesen Segen, den wir an Dreikönig empfangen haben, gebe ich einfach an Euch weiter: Gottes Segen mit Euch, meine lieben Leser und Leserinnen, für jeden einzelnen Tag im Jahr 2019. Möge es ein gutes für Euch werden, an das Ihr Euch gerne erinnern werdet. Es wird Mühsal geben, wie in jedem Jahr, aber mögen die guten Momente, die mit den wunderbaren Erlebnissen und tiefen Begegnungen und auch die mit den kleinen, unerwarteten Schönheiten – wie zum Beispiel Buchstaben-Kerzen auf der Geburtstagstorte! – bei weitem überwiegen. Ein Stück weit liegt es ja immer an uns, worauf wir den Blick heften.

Und möge es uns gelingen, die schönen Momente zu genießen, ohne sie krampfhaft festhalten zu wollen und die nicht so schönen zu ertragen in dem Bewusstsein: Auch dies geht vorbei. Ein bisschen habe ich das gelernt durch ME/CFS, immerhin.

Weil die Sternsingerlein so müde waren, habe ich mich nicht getraut, sie zu fragen, ob ich ein Foto von ihnen machen und veröffentlichen darf – dafür hier eines von den güldenen, aufblasbaren (!) Geburtstagsbuchstaben, die ich dieses Jahr aus Paris von meinem Ältesten und seiner Freundin mitgebracht bekam! Ich finde sie super.

 

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Als Spaßprogramm dient mir wieder einmal der Schatz an Sprüchen meiner Kinder, als sie klein waren – buchstäblich eine Goldgrube: Als mein Ältester drei Jahre alt war, schaute er begeistert die Olympischen Winterspiele mit seinem Papa. „Gell, die Ersten bekommen Gold!“, sagte er einmal, „Ja, ganz genau! Und weißt du auch, was die Zweiten und Dritten bekommen?“ – „Hm – Weihrauch und Myrrhe?“

Güldene Zeiten wünsche ich Euch… alles Gute!

 

„Herr Janosch, wie verabschiedet man das alte Jahr?“ – „Am besten sehr deutlich. Wondrak etwa ruft am 31. Dezember aus dem Fenster: „Hinweg, hinweg, du altes Jahr!“ In der Regel versteht das Jahr und geht.“

Ein Bad im Walde – ohne Schaum, aber sehr schön…

Das Auto habe ich auf dem Waldparkplatz gelassen. Ich nehme den Weg auf die kleine Anhöhe, während ich mir noch den Mantel zuknöpfe und den Regenschirm aufspanne. Ich sauge tief die gute Luft hier ein: Manchmal riecht es im Wald feucht, so wie jetzt, weil es seit Stunden regnet. Manchmal nur frisch, und im Herbst hat es oft nach Blättern gerochen, was mich immer lecker an reife Birnen und Nüsse erinnert. Während ich gehe, fällt mein Blick auf meine braunen Wanderstiefel, die ich über alles liebe. Sie sind aus Leder, riesig und mit ihnen wage ich mich, wie mit treuen Freunden, in jedes Schlammloch und in jede Pfütze auf den Waldwegen, so wie jetzt. Es macht „pling-plinge-di-ding-ding“ auf meinen Schirm und überall auf den Blättern, den Ästen und dem Waldboden. Eine kleine Wassermusik aus Tropfenperlen.

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Hier gibt es Stellen, an denen hauptsächlich Buchen mit ihren glatten Stämmen wachsen, dann wieder Orte mit knorrigen Eichen, vorne an der Kreuzung viele Kiefern, die ich so mag, weil jede mit ihrer wolkigen Baumkrone anders aussieht und oben am geraden Weg stehen junge Birken, die mit ihren weißen Stämmen weithin leuchten.
Ich setze einen Fuß vor den anderen, immer weiter. Und irgendwann kommt der Moment, der eigentlich immer kommt, wenn ich im Wald bin, mal früher, mal später: Ich tue einen tiefen Seufzer. Einen Atemzug der Erleichterung, ein Aufatmen. „All drama remains on stage“ steht angeblich am Abgang jeder englischen Bühne, „Das ganze Drama bleibt auf der Bühne“ – der Wald ist für mich der Ort, wo die kleinen und großen Dramen meines Lebens draußen bleiben. Im Auto, auf dem Parkplatz, oder schon auf dem Weg dahin, lasse ich sie. Natürlich kann ich nicht jeden Gedanken an das, was mich gerade beschäftigt, abstellen und das muss ich auch gar nicht. Aber ich gewinne mit jedem Schritt, den ich tue, Abstand. Ich kann nicht sagen, wie dankbar ich bin, dass ich das wieder kann, was ich mit akuten ME/CFS-Symptomen gar nicht konnte: Im tiefen Wald spazieren gehen, ja, sogar wandern.

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Bewegungsmenschen wie ich, die sich mit Meditation schwer tun, haben hier ihr Refugium: Nicht zu viele Reize und trotzdem gibt’s was zu sehen, zu jeder Jahreszeit etwas anderes, so dass unser neugieriger Geist ein bisschen beschäftigt ist, aber nicht zu sehr – und rumtappen ist ausdrücklich erwünscht… Erst vor kurzem faszinierten mich die bunten Blätterteppiche, die um die Bäume lagen, wie Auslegeware, jeder in seiner ganz eigenen Mischung.

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In Japan schicken sie seit einigen Jahren gestresste Städter in den Wald zum „Waldbaden“ – „Shinrin Yoku“ heißt das. Manchmal habe ich das Gefühl, wenn ich so vor mich hingehe, immer wieder stehen bleibe, um eine Baumkrone zu bewundern oder den sich plötzlich orange färbenden Abendhimmel zwischen den Ästen, weil der Regen aufgehört hat, oder wenn ich dem Gesang der Vögel lausche und dem „Krah-Krah“ der Krähen in der Ferne, oder wenn ich Rehe sehe, erst eines, dann noch eines, wie sie den Weg vor mir kreuzen – oder auch wenn ich vor einer mächtigen Buche stehe und ein nie gekanntes Gefühl der Ehrfurcht mich packt, so dass ich nur ganz langsam wage näher zu treten: Nicht ich bade im Wald, sondern der Wald badet mich. Fürsorglich greift er nach mir, nach meinem Arm, meinem Körper, wischt sachte mit einem großen weichen Schwamm über mich, wäscht mir sanft den Kopf, poliert mir ein bisschen die Nase und die angelaufenen Stellen, so lange, bis sie wieder glänzen … und reinigt meine Seele. Die vor allem. Immer, wirklich immer, mache ich mich mit einem wohligen Gefühl auf den Heimweg. Neu beherzt. Ermutigt und erleichtert. Ich bin dem Wald zutiefst dankbar, dass er wie eine liebe Mama für mich sorgt, ohne Eigennutz, nur auf mein Wohlergehen bedacht.

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Und einmal im Jahr kommt der Wald zu mir nach Hause: An Weihnachten, wenn wir einen Christbaum aufstellen. Dann muss eine arme Nordmanntanne dran glauben und keine winzige noch dazu, denn hier gilt: Mehr ist mehr. Das ist ungefähr so, wie wenn man behauptet, Tiere zu lieben und doch kein Vegetarier ist… Das Leben steckt voller Widersprüche. Ich auch. Aber den Tannenbaum im Haus genießen wir sehr! Der Duft! Die Lichter! Wir haben immer echte Kerzen am Baum… und Strohsterne und all den altmodischen, geliebten Kram. Morgen wird er aufgestellt, was in der Regel immer eine mittelschwere Krise auslöst. Aber dann, wenn er einigermaßen gerade steht: Die Erleichterung! Die Wiedersehensfreude über die altbekannten Engelchen und Krimschen und Krämschen … und dann immer wieder die gleiche Frage: Darf Carola ihre ungezählten Filz-Rotkehlchen und anderen Vögelchen an den Baum hängen?? (Im Ernst: Was ist ein Baum ohne Vögel??) Bisher durfte sie jedes Jahr wieder. Aber die Diskussionen wurden heftiger. Mal sehen, was dieses Jahr passiert… Drückt mir die Daumen.

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Und jetzt: Spaßprogramm! Erst hatte ich mir überlegt, ein Quiz zu machen und Euch zu fragen, was sich hinter dem lateinischen Namen Abies alba verbirgt oder Abies nordmannina… oder etwas ähnlich wahnsinnig Spannendes… aber jetzt will ich doch viel lieber ein Anti-Quiz machen: Denn der Geist der Weihnacht, des Nichts-Leisten-Müssens, des Einfach-so-Angenommen-Seins soll auch in diesem Blogbeitrag herrschen… und deswegen: Wenn Ihr sagt: „Ach, Bäume sind mir eigentlich gar nicht so wichtig, ich bin schon froh, wenn ich einen Weihnachtsbaum von einem Maibaum von einem Wunderbaum unterscheiden kann“ – dann meldet Euch! Jede/r bekommt einen wunderschönen, von mir höchstpersönlich gewaltfrei zusammengebäbbten  weißen, großen Papierstern! Und meldet Euch auch, wenn Ihr Bäume so liebt wie ich! Ihr könnt das entweder tun, indem Ihr unter dem Titel des Beitrags auf „Kommentare“ klickt oder mir über das Kontaktformular in der Menüleiste Bescheid gebt. Ich bin gespannt!

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Und dann muss ich Euch noch was erzählen: Erinnert Ihr Euch an die Zystengeschichte vom Sommer, mit den erhöhten Tumormarkern, wo sie mir im Krankenhaus nicht nur eine Zyste rausnehmen, sondern auch gleich beide Eierstöcke entfernen wollten? Meine Intuition sagte damals ganz klar: Das machst du nicht! Da warten wir schön ab und heilen uns derweil selbst, indem wir uns vorstellen, dass diese Zyste verschwindet. So habe ich mir ein Lied ausgesucht, „Put your records on“ von Corinne Bailey Rae, in dem es heißt: „Three little birds sat on my window and they told me not to worry“… (Put Your Records On,  hier der Link dazu) , habe dazu getanzt, oft, und mir vorgestellt, wie ich High Five mit meiner Gynäkologin mache, weil sie nichts mehr findet und welche Gefühle von Erleichterung und Dankbarkeit mich dann fluten werden – solange, bis ich diese Gefühle schon spüren konnte. (Nichts anderes als das, was das Gupta-Programm auch sagt.) Letzten Montag hatte ich also den Termin zum Nachschauen – die Ärztin macht das Licht aus, so dass es stockdunkel ist, damit sie den Monitor mit den Bildern des Ultraschallgeräts besser sehen kann, fährt auf meinem Bauch herum, hin und her und sagt irgendwann: „Ich finde nichts! Alles weg! Na, man kann sich auch mal positiv überraschen lassen!“ Oh ja, in der Tat!! Und genau, wie ich mir das hundertmal vorgestellt habe, lasse ich meine ausgestreckte Hand in die ihre klatschen und dann wird es in dem dunklen Zimmer ganz hell in mir und Erleichterung und Dankbarkeit fluten mich… ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk, halleluja! Gott ist groß! Amen!
Friedliche, fröhliche, gesegnete Weihnachten für Euch und einen guten Rutsch! Ich hoffe, Ihr könnt Euch diese Zeit irgendwie so einrichten, dass Ihr sie ein bisschen genießen könnt. Vielleicht habt Ihr frei, vielleicht sogar zwischen den Jahren… und Zeit für ein Bad im Walde… Alles Gute!

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“I went to the woods because I wished to live deliberately, to front only the essential facts of life, and see if I could not learn what it had to teach, and not, when I came to die, discover that I had not lived.“

„Ich ging in die Wälder, denn ich wollte wohlüberlegt leben; ich wollte mich nur den wesentlichen Tatsachen des Lebens gegenüber sehen und schauen, ob ich nicht lernen könnte, was es mich zu lehren hatte, denn ich wollte nicht, wenn es ans Sterben ginge, feststellen, dass ich gar nicht gelebt hatte.“
– Henry David Thoreau (1817-1862)

Wildschweine in meinem Kopf

Mein Feind ist widerborstig, gibt nur blöde Grunzlaute von sich und zu allem Übel stinkt er wie Sau. Und er wohnt direkt in meinem Kopf.

Das wurde mir klar, als ich vor ein paar Wochen einen Rückfall hatte. Erst wollte ich es gar nicht wahrhaben – so wie gestern, als ich einen Spaziergang bei schönstem Sonnenschein machte und auf abschüssigem Terrain auf jeder Menge Eicheln ausrutschte – sie funktionierten wie kleine Transporteurchen unter mir; jede einzelne begann unter meinem Gewicht nach unten zu rollen und ich rutschte einfach mit. Während ich fiel – kennt Ihr das? – gab es diese eine Millisekunde, in der ich mich fragte: „Echt jetzt? Du fällst doch nicht wirklich?“ – und genauso war es auch mit diesem Rückfall, als ich zwar Halsschmerzen hatte, aber der Schnupfen ausblieb (typisch!), ich dafür aber so unglaublich erschöpft war, dass ich zwischen Bankbesuch, Post und Supermarkt jeweils 10 Minuten ins Auto sitzen und mich ausruhen musste. Dazu kamen diese speziellen Kopf- und Rückenschmerzen… „Echt jetzt? Du hast doch nicht wirklich einen Rückfall?“

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Ich hatte gedacht, dass mich das nie wieder einholen würde. Ein halbes Jahr lang war ich praktisch ME/CFS – symptomfrei, musste halt noch körperliche Kraft und Nerven aufholen, kämpfte dauernd mit allen Arten von Entzündungen und Infekten, aber ansonsten… Auch wenn die Symptome nach ca. zwei Wochen wieder vorbeigingen und sie auch nicht besonders ausgeprägt waren – ich war und blieb frustriert darüber. Eigentlich abgrundtief frustriert. Und dieses Gefühl ging überhaupt nicht mehr weg, was mich noch mehr nervte.

Bis ich anfing, den Stimmen in meinem Kopf Gehör zu schenken. Jeder hat ja verschiedene Stimmen im Kopf, ängstliche und mutige, frohe und trübsinnige, wütende und besänftigende – mal gewinnen die einen, mal die anderen die Oberhand, je nach Situation und Gewohnheit. Irgendwann stellte ich mithilfe meiner Verhaltenstherapeutin fest: Es sind die abwertenden Stimmen, die sich gerade lautstark melden: „Mann, wie blöd kann man sein! Wieso hast du das nicht kommen sehen, wieso tappst du immer in die gleiche Falle?? Du mit deiner dummen Sensibilität, du bist ja gar nicht lebensfähig…“, etc., etc. . Richtig, richtig miese Stimmen – bis die Therapeutin sagte: „So sind Sie nicht auf die Welt gekommen. Kein Kind spricht so über sich. Diese Stimmen musste man erst in Sie einpflanzen.“

Diese Aussage hat mir unglaublich gut getan. In diesem Moment spürte ich: In mir ist ein lebendiger, unversehrter, gesunder Kern, der schon immer da war, vor aller Zeit, aus dem ich es fließen lassen kann. Und diese Abwerter im Kopf, die sich wie Wildschweine unter aller Sau benehmen – denen glaube ich ab heute nicht mehr!! Als ob es nicht schwer genug wäre – dann kommen die auch noch daher, verbreiten ihre schlechte Laune und ihren üblen Geruch! Die haben ab jetzt hier kein Habitat mehr! „Haut ab, ihr blöden Schweine! Stinkt woanders herum!! Ich kann auf euch verzichten!!“

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Es ging mir so viel besser danach. Richtig erleichtert fühlte ich mich, befreit wie lange nicht mehr. Und dann kam ein anderes Gefühl hervor, das sich hinter dem Frust verborgen hatte, so dass ich es gar nicht spüren konnte – die Traurigkeit. Ich war auch unglaublich traurig darüber, dass sich mein Heilungsprozess nun wieder verzögert. Gupta sagt ja, und bisher hat er in allem Recht behalten, dass man erst ein halbes bis ein ganzes Jahr sich richtig fit fühlen sollte, bevor man wieder einen stressigen Job annimmt. Nun verschiebt sich wieder alles nach hinten. Das machte mich sehr traurig. Und zeitweise ängstlich: „Was, wenn es nie mehr wird?“

Und jetzt? Akzeptier ich’s halt. Kann jetzt eh nichts mehr dran ändern.

Nur immer besser lernen auf mich aufzupassen. Mein Glaube daran, dass ich wieder zu 100% gesund werde, ist zurück – dieser kleine Rückfall ist etwas ganz Normales! Ich sollte mich viel mehr dafür loben, wie selten mir das passiert und sehen, wie lang der Genesungsweg ist, den ich schon gegangen bin. Es ist ein anstrengender Weg, Rückschläge sind normal. Aber ich kann wieder joggen gehen, meinen Haushalt machen, wandern, Rad fahren, tanzen!! Und das, nachdem ich ein Dreivierteljahr lang praktisch bettlägerig war! Das ist eine Leistung und ein Wunder gleichermaßen, ich bin so dankbar dafür. Und auch dafür, dass ich wieder Waldspaziergänge machen kann, die ich so liebe… Und wenn ich da mal ein Wildschwein treffen sollte, ich erwürg´s mit meinen bloßen Händen, ich schwör.

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Das Spaßprogramm für heute besteht aus einer einzigen Übung: Stellt Euch doch mal hin, wenn Ihr mögt, jetzt gleich, aufrecht, auf Zehenspitzen, hebt die Hände nach oben, so weit wie´s geht und versucht zu lächeln – falls das nicht geht, einfach die Lippen auseinander ziehen, auch wenn sich das total doof erstmal anfühlt.

Na, wie war´ s?

Die aufrechte Haltung und das Lächeln soll gegen schlechte Laune helfen! Das Gehirn denkt: „Oh, schön, Siegerpose – wir müssen was gewonnen haben! Glückshormonausschüttung hochfahren, bitte!“ Und so hilft´s auch gegen saublöde, widerborstige Stimmen im Kopf…

Liebe Leser und Leserinnen – kennt Ihr solche Stimmen auch? Oder gar nicht? Was tut Ihr dagegen, falls ja? Das wäre sehr spannend zu hören – danke schon mal!

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Das heutige Zitat ist ziemlich lang, aber dafür umso schöner… Ich habe es von meiner lieben Tochter, die es von einer Freundin hat, der wiederum es von ihrem Musiklehrer gegeben wurde…

Man muss den Dingen die eigene,

stille, ungestörte Entwicklung lassen,

die tief von innen kommt

und durch nichts gedrängt oder

beschleunigt werden kann,

alles ist austragen und dann gebären.

Reifen, wie der Baum, der seine Säfte

nicht drängt und getrost in den Stürmen

des Frühlings steht. Ohne Angst, dass

dahinter kein Sommer kommen könnte.

Er kommt doch!

Aber er kommt nur zu den Geduldigen,

die da sind, als ob die Ewigkeit vor

ihnen läge, so sorglos, still und weit.

Man muss Geduld haben,

mit dem Ungelösten im Herzen und versuchen

die Fragen selber lieb zu haben, wie

verschlossene Stuben und wie Bücher, die

in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben.

Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht,

allmählich, ohne es zu merken, eines

fremden Tages, in die Antworten hinein.

– Rainer Maria Rilke –

 

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Habt und macht es ganz gut, Ihr Lieben!

„Mein Magen traut sich das!“

In mir ist ein großes schwarzes Loch, ein Strudel, der sich nach innen schraubt, vom Magen ausgehend, immer weiter und weiter, und weil er so unbarmherzig schraubt und schraubt, tut nicht nur der Magen weh, sondern auch die Arme und die Beine – und der Kopf. Aua. Nicht schön. Ich kenne dieses Gefühl schon von früher, vor ME/CFS – Magenschleimhautentzündung. Irgendwie hört es einfach nicht auf, jede Woche kommt etwas Neues zu meinen zahlreichen Wehwehchen dazu, so dass ich jetzt schon lachen muss, wenn sich wieder etwas meldet… und dann bin ich wieder total frustriert. Ich wäre so gerne einfach mal wieder gesund.
Dann liege ich bei meiner Heilpraktikerin mit dem schönen Namen Frau Lux („Lux = Licht“ – sie heißt tatsächlich so!) auf dem Schragen und mit ihren magischen Händen berührt sie einen bestimmten Punkt an meinem Bein – und mir fällt es wie Schuppen von den Augen: Nein, ich habe nicht nur zu anhaltend meinen Bauch eingezogen, wie ich mir einreden wollte – das große Loch darinnen kommt daher, dass ich gar nicht wahrnehmen wollte, wie weh es tut, dass vor kurzem nicht nur meine Tochter, sondern jetzt auch noch mein jüngster Sohn ausgezogen ist. Montag ist er ausgezogen, Mittwoch war ich krank. War ein bisschen viel auf einmal und ich wollte es einfach gar nicht spüren, aber so läuft das nicht im Leben. Das lerne ich wieder einmal.

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Wenn ich an ihn denke, sehe ich ihn am Esstisch sitzen, freundlich lächelnd mit gebeugtem Kopf, das Gesicht fast verborgen unter einer Mähne aus dunkelbraunem Haar – er hat überschulterlanges Haar, stark gelockt, das ihm aber irgendwann einfach über den Kopf gewachsen ist – zumindest ist das die mütterliche Interpretation: Er hat vor über einem Jahr aufgehört es zu kämmen und daher ist sein Haupt zu einem einzigen Rastazopf geworden – flächendeckend, von einem Ohr zum anderen, von der Stirn bis über den Nacken. In der Abizeitung wurde ihm die Auszeichnung „Kreativste Haarpracht“ zuteil… Kritik oder erstaunte Blicke jucken ihn da aber gar nicht – er bleibt, wie immer, die Ruhe selbst – nach außen zumindest… Und deswegen will ihn auch gerne jeder dabei haben, wenn es um Umzüge, Einkaufen oder ähnliche praktische Dinge geht, die gerne mal in Stress ausarten – weil er einfach durch seine gutgelaunte, hilfsbereite Art eine so freundliche, beruhigende Präsenz hat.

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Bei Familienfesten sagt er kaum etwas, es sei denn, er wird gefragt. Dann antwortet er bereitwillig, wortgewandt und oft witzig – mit einer unglaublichen Bassstimme, hinter der man einen 120-Kilo-Hünen vermuten würde, dabei wiegt er nicht einmal die Hälfte – und freundlich, so wie das seine Art ist. Schon als Baby hat er immer so speziell nett gelächelt, wenn ich an sein Bettchen kam, auch wenn er vorher geschrien hatte – und geschrien hat er viel, meine Güte, es graust mich, wenn ich an sein erstes Jahr zurückdenke. Er war das, was man als „Schreikind“ bezeichnet, wobei ihn ja nicht die geringste Schuld trifft, das war mir immer klar. Ich erinnere mich sehr gut, dass ich ihn an einem heißen Sommertag auf dem Arm hatte, in „Fliegerleposition“, mit meiner Hand unter seinem Bauch – als ob das jemals etwas gegen dieses vermaledeite Bauchweh genützt hätte – und uns im Spiegel betrachtete: Er hatte damals nur einen kleinen Haarkranz, dazu einen ausgeprägten Specknacken – und er schrie und schrie, wie ein verzweifelter kleiner alter Mann. „Was wird nur aus dir, mein Kind?“, dachte ich damals, selbst total verzweifelt – und müde, oh, so müde… „Alles wird gut!!“, könnte ich heute meinem jüngeren Selbst zurufen, „ja, es ist kaum auszuhalten, für euch beide, aber warte nur – aus diesem Kind wird der süßeste Lockenkopf mit wunderschönen blauen Augen, der dir noch so viel Freude bereiten wird! Halte durch! Es lohnt sich!“

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Und tatsächlich: Irgendwann konnte ich ihn auf die Arbeitsplatte in der Küche setzen und dann begann das gute Leben: Er interessierte sich für alles, was es da zu tun gab, schnippelte mit zwei Jahren seine erste Gurke mit einem richtigen Messer – es ist nie etwas passiert! – roch begeistert an den Gewürzen, die ich ihm unter sein feines Näschen hielt – Zimt, Curry, Kardamom – und überraschte uns, als er vier Jahre alt war, mit seinem ersten völlig allein und selbstständig hergestellten Pfannkuchen! Und heute? Wenn man will, dass die Salatsoße richtig gut wird, dann muss man sie ihn machen lassen. Er hat einen ausgeprägt guten Geschmacksinn und auch einen Sinn für Details beim Kochen… Und es gibt tatsächlich eine Sache, die ihm so richtig, aber wirklich richtig, seine ansonsten gute Laune verderben kann: schlechtes, lieblos zubereitetes Essen!

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Die ganze Nachbarschaft hier hat große Hoffnungen auf ihn gesetzt, dass er Sternekoch werden und uns alle verwöhnen würde, aber er hat eine noch größere Leidenschaft: Maschinen. Auch das war von Anfang an klar, als er zum Beispiel zu seinem 2. Geburtstag auf Korsika eine Playmobil-Müllabfuhr geschenkt bekam und er die ganze Heimreise über dieses Müllauto wie ein Heiligtum auf seinen Knien hielt. Durch ihn habe ich sämtliche Landmaschinen kennengelernt – wusstet ihr, dass es Maishäcksler und Kartoffelroder gibt??
Keines meiner Kinder hat die Schule zeitweise so gehasst wie er, dabei war er ein ganz guter Schüler – es gab später sogar eine Belobigung beim Abitur – trotzdem, als Zehnjähriger fand er:

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Jetzt wird er also Mechatroniker, da gibt es genügend Maschinen in seinem Leben… „Mama, ich will jetzt endlich mal was mit meinen Händen arbeiten!“, hat er nach dem Abi zu mir gesagt. Bestimmt hat er dabei ähnliche Erfolgserlebnisse wie immer an Weihnachten, wenn er und seine Kumpels, die einen Landrover fahren, im Wald eine 20 m-Tanne fällten und dann im Schulhof aufstellten als Weihnachtsbaum… oder wenn sie freudig alte Kühlschränke ausmisteten und auf den Wertstoffhof warfen… oder, wie letztens, viele, viele Kilo Pflaumen im Garten eines Freundes ernteten, um Mitternacht, mit Autoscheinwerfern und Baulampen als Beleuchtung, bis ein Nachbar kam und fragte: „Klauet Ihr da etwa??“

Es ist alles gut. Er ist glücklich mit dem, was er tut und genau so soll es sein. Nur ein kleines, dummes Mutterherz will seine Babys nicht so schnell ziehen lassen – 18 Jahre, was ist das schon?? Ein Wimpernschlag!! Aber vorerst kommt er jedes Wochenende heim und das ist prima – und weil da auch die anderen gerne kommen, ist die Bude voll und das freut die Eltern – und ganz ehrlich: Vormittage, ganz allein zu Hause verbracht, an deren Ende keiner ein Mittagessen von einem erwartet, haben doch auch viel für sich…. also, wie gesagt: alles ist gut. Und der Magen ist auch schon viel, viel besser. Aber dieses Hinschauen und Hinspüren und alte Fotoalben angucken und die Bücher, in denen ich aufgeschrieben habe, was die Kinder so gesagt und gemacht haben, als sie klein waren – das hat es dazu gebraucht. Den Schmerz wahrzunehmen, damit man ihn loslassen kann. Damit er kein schwarzes Loch mehr in den Bauch macht.

Ein Baum lässt seine Früchte los, wenn sie reif sind; ein Vater seine Kinder, wenn sie groß sind.
Antoine de Rivarol (1753 – 1801)

Dieses Zitat, das natürlich auch für Mütter gilt!, berührt mich – wahrscheinlich, weil unser Apfelbaum dieses Jahr mit seinem Jahrhundertsommer so viele, rote, süße und saftige Früchte wie noch gar nie trägt. Jeden Tag lässt er welche los, die ich dann im Gras aufsammle… Sie sind ein Traum und ich fühle mich überreich beschenkt dadurch. Ich profitierte also sehr davon, dass mein Baum sie zur rechten Zeit hergibt. Ab jetzt wird er mir ein Sinnbild fürs Loslassen sein, das ich von meinem Essplatz aus sehen kann. Wie schön.

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Als Spaßprogramm teile ich mit euch ein paar der Dinge, die ich in meinen Büchern fand:
Paul, 4 Jahre, hat gerade Schaukeln gelernt und er ist so stolz! Er ruft: „Mama, schau mal in mein Gesicht! Schau mal, ich lach! Schau mal, ich hab gar keine Angst mehr!“ Ein paar Tage später: „Mama, frag mich mal, ob ich Angst hab!“ – „Hast du Angst, Paul?“ – „Ja, innen drin zittert´s.“ – „Und du traust dich trotzdem?“ – „Ja, mein Magen traut sich das.“
Als er ein Buch anschaut, das ich geschrieben hatte, enttäuscht: „Da sind ja gar keine Bilder, da ist ja nur Gelese drin!“

Den widerstrebenden Ältesten habe ich ein Jahr lang zur musikalischen Früherziehung geschleppt, mit der mittleren Tochter, die auch keine Lust hatte, habe ich es nur bis Weihnachten durchgezogen, aber Vorschulkind Paul soll die gleichen Chancen haben wie die anderen auch, nicht, dass es später mal Vorwürfe hagelt. Also sitzen wir nach den Sommerferien in einem stickigen Raum mit lauter anderen Fünfjährigen, die am ersten Tag sämtliche ausgelegten Instrumente durchprobieren dürfen – Klanghölzer, Xylophone, etc. Am Ende soll jedes Kind malen, welches Instrument ihm am besten gefallen hat. Und Paul malt – einen Mähdrescher. Ich melde ihn direkt wieder ab.
Paul, 7 Jahre: Seine große Schwester leuchtet ihm mit einer Taschenlampe in die Augen: „Hör auf, davon wird man sehkrank!“
Paul wird von seiner Patentante mit ins Kindermusical genommen – „Worum ging’s denn da, Paul?“ – „Weiß nicht, irgendwas mit Rumpelstäbchen…“
Paul, 8 Jahre: Er fragt, was es mit dem Stoffbeutelchen mit den „Sorgenpüppchen“ auf sich hat, die er irgendwo gesehen hat. Wir erklären, dass man abends den Püppchen seine Sorgen erzählt, man sie dann unters Kopfkissen legt und am nächsten Morgen sind die Sorgen weg. Er lächelt in sich hinein und sagt dann: „Na ja, so funktioniert das ja nicht. Aber es erleichtert einen.“
Und da hat er doch mit seinen acht Jahren schon was Wesentliches verstanden: Man muss seine Sorgen erzählen, weil das erleichtert. Und dazu muss man sich dessen erst mal bewusst sein, was einen bedrückt. Und dann kann sich der Magen auch wieder was trauen… ansonsten gibt’s eine Magenschleimhautentzündung… Mögen wir alle das nie mehr vergessen.

Was macht Ihr denn, liebe Leser und Leserinnen, um Euch zu erleichtern? Was ist Eure Lieblingsstrategie? Ich bin sehr gespannt auf Eure Kommentare. Ich wünsche Euch eine sehr gute Zeit; vielleicht entdeckt Ihr ja auch irgendwo hingebungsvoll tanzende Bäume wie ich letzte Woche… Tanzen erleichtert übrigens auch, so viel steht fest!

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Carola will sich auswechseln – und dann wieder doch nicht

Warnung: Dieser Beitrag kann Spuren von Selbstmitleid enthalten!

Ich will mich austauschen. Gegen eine neue Carola, eine taufrische, nagelneue Zweitcarola. Gegen eine, die nicht jede Woche irgendein neues Wehwehchen hat – und schon gar nicht ME.

Manchmal findet man sich selber so was von doof, kennt Ihr das?

Vorletzte Woche zum Beispiel: Dass ich mit einem entzündeten Zeh (seit April) und Finger (seit Mai) zum Abiball meines jüngsten Sohnes würde gehen müssen, war ok – auch wenn ich dadurch keine eleganten Schuhe anziehen können würde. Ich war einfach nur froh, dass ich überhaupt dabei sein konnte! Am Abend davor, als mein Sohn und ich einen Couscous-Salat für das Event vorbereiteten, hatten wir viel Spaß in der Küche. Ich hatte so gute Laune wie schon lange nicht mehr, weil ich mich auf das Fest freute und so stolz war auf meinen Sohn. Wir hörten laute Musik, während wir Petersilie und Dill schnippelten, lachten und scherzten – bis ich am Ende feststellte: Der Salat sieht ja so langweilig aus – ihm fehlt die rote Farbe – oh nein, ich habe das Tomatenmark vergessen! Wie hatte mir das nur passieren können!? Wie krieg ich das jetzt wieder hin?

Und plötzlich spüre ich einen drückenden Schmerz im linken Auge – als ich in den Spiegel schaue, erschrecke ich total: Da, wo bis vor zwei Minuten Weiß im Auge gewesen war, ist jetzt nur noch eine einzige, tomatenmarkrote Fläche! Es müssen einige Äderchen geplatzt sein vor Aufregung – ich sehe aus wie Dracula höchstpersönlich! Zum Fürchten!

Zum Schreck kommt noch der Ärger: Da macht man sich Gedanken über ein schönes Kleid und ein passendes Täschchen, Schuhe oder was auch immer – ein Abiball ist heutzutage ja eine wahnsinnig edle Geschichte geworden – und dann muss man mit einem Monsterauge da hin gehen! Außerdem passt blutrot überhaupt nicht zu einem magentafarbenen Kleid! Ich finde mich vom Schicksal dermaßen benachteiligt…

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Und letzte Woche war ich bei der Frauenärztin – „Ich rate Ihnen dringend eine Zweitmeinung zu dieser Zyste einzuholen! Vielleicht muss man eine Bauchspiegelung machen. Die Tumormarker waren ja auch leicht erhöht! Ich mache gleich einen Termin für Sie im Krankenhaus aus!“ Das ist nicht das, was man hören möchte, gar nicht. Auch wenn Zysten in meinem Alter völlig normal sind – ich mache mir doch Sorgen. Und eine Bauchspiegelung ist ja nicht wie eine Magen- oder Darmspiegelung – da wird der Bauch aufgeschnippelt, damit man reingucken kann… mit meinem schlechten Immunsystem keine schöne Vorstellung… Jetzt muss ich da nächste Woche hin – und wenn es nichts Schlimmes ist, wovon ich einfach ausgehe, dann werde ich so schnell keine Sch… – Vorsorgeuntersuchung mehr machen. Dann ist das schon das fünfte oder sechste Mal, dass irgendetwas gefunden wurde, das sich hinterher als harmlos herausgestellt hat, und darauf habe ich keinen Bock mehr – auf die ganze Angst immer und die mühsam zu bekämpfende Aufregung. Das ist genau das, was ich nicht brauchen kann mit meiner Vorgeschichte.

Oder ich tausche mich einfach aus – gegen eine Zweitcarola. Den gleichen Körper nochmal, bitte, nur in gesund. Jetzt warte ich also auf Angebote…

In der Zwischenzeit biete ich Euch Spaßprogramm an: Hier kommen einige Fotos von Korsika, wo wir im Juni waren…

 

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Es war wieder so schön, auch weil: Korsika riecht so gut. Ausgesprochen gut. Nicht nach Bananen, wie Panama, oh nein, viel besser: Nach Macchia – nach einer Mischung aus Lavendel, Rosmarin, Thymian, Curry-Kraut und noch viel, viel mehr – Napoleon hat ja gesagt, dass er seine Heimat allein am Duft erkennen würde und wer schon mal auf Korsika war, der weiß: Das ist keine besondere Leistung. Dieser Duft ist so wunderbar und so allgegenwärtig und so unverwechselbar…

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Wenn wir morgens um 7 Uhr in Bastia ankommen, an der Reling der Fähre stehen, und die Sonne scheint schon auf Korsikas zweitgrößte Stadt, mit dem breiten Platz und den Palmen darauf, auf dem wir gleich in „unserem“ Café frühstücken werden – und sie scheint auch auf die macchiabewachsenen Berge dahinter und von diesen Bergen weht dann der Macchia-Duft aufs Meer – dann habe ich jedesmal Tränen in den Augen: Ich darf wieder hier sein! Ich hab’s tatsächlich wieder hierher geschafft. Dieses Jahr, Anfang Juni, haben wir den Trip schon zum 12. Mal unternommen!

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PS: Mittlerweile war ich im Krankenhaus: Eine bizarre Erfahrung. Nicht nur, dass mein Termin um 10 Uhr zweimal vergeben worden war, so dass ich eine Dreiviertelstunde warten musste, nein, auch die junge Ärztin, die da saß, hatte offensichtlich überhaupt nicht vor mich nochmal zu untersuchen: „Wissen Sie was, diese Zyste machen wir raus. Und… wie alt sind Sie jetzt? Schon 52? Ach, da brauchen Sie doch den Eierstock, der da dran hängt, auch nicht mehr – den holen wir am Besten auch raus. Und damit Sie auf der sicheren Seite sind, entfernen wir den anderen auch gleich mit. Dann haben Sie von der Seite ganz sicher keinen Ärger mehr.“ – „Was??“, entfährt es mir – es liegt mir auf der Zunge zu sagen: „Haben Sie etwa jetzt, gegen Ende des Monats, noch nicht die Fangquoten für Eierstöcke erfüllt??“ Es ist ja eine Tatsache, dass in manchen Krankenhäusern vorgegeben ist, welche Anzahl von OPs pro Monat gemacht werden müssen, damit das Ganze sich rentiert – aber ganz so unfreundlich will ich dann doch nicht sein und sage nur: „Also, ich dachte, ich komme hierher, damit abgeklärt wird, ob ich überhaupt eine Bauchspiegelung brauche!“ Daraufhin sagt die Schwester: „Das hier ist das OP-Vorbereitungsgespräch, wussten Sie das nicht?“ – „Nein!!“, sage ich „das wusste ich überhaupt nicht! Ich bin so was von überrascht und fühle mich total überrumpelt!“

Ich versuche der Ärztin zu erklären, was es für jemanden, der ME hat, bedeuten kann, eine OP mitzumachen – sie hat natürlich noch nie etwas von dieser Erkrankung gehört. „Aber das ist doch nicht so schlimm – wenn alles gutgeht, sind die meisten unserer Patienten zwei Tage hier und nach 14 Tagen sind sie wieder einigermaßen fit.“ Soso, wenn alles gut geht… ich bin aber nicht wie die meisten. Ich bedanke mich, stehe auf und gehe.

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Dass die neuen Ergebnisse der Tumormarker völlig unauffällig sind, dass die Zyste in vier Wochen fast um die Hälfte geschrumpft ist, dass Zysten eigentlich das Normalste der Welt sind – das interessiert hier alles nicht. Bei einem Gespräch mit meiner Frauenärztin kommt raus, dass sie eigentlich wirklich nur einen Termin mit einer Oberärztin vereinbaren lassen wollte. Irgendetwas muss da schief gelaufen sein – hallo, wenn die Leute Termine doppelt vergeben und dann auch noch an die falschen Leute – wer weiß, was da noch so falsch läuft… Ich bin raus!

In drei Monaten sehe ich meine Ärztin wieder, haben wir ausgemacht. Ich bin sicher, bis dahin habe ich diese Zyste nicht mehr und zwar ganz von alleine – aber dafür meine Eierstöcke noch. Und meine Gebärmutter! Und die Gallenblase und die Milz! Ist ja eigentlich auch alles Zeugs, von dem man gar nicht so richtig weiß, wozu man das alles hat und macht im Zweifelsfall nur Ärger!

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Nun bereue ich, was ich am Anfang des Beitrags so selbstmitleidig geschrieben habe. Mein 52jähriger Körper tut mir leid und mein Kampfgeist ist erwacht. Hat diese 30 Jahre junge Ärztin mit ihren sicher bestens rotierenden Eierstöcken eine Ahnung! Meine armen „alten“ Eierstöcke produzieren ja noch Hormone – ich habe, im Gegensatz zu leider all meinen Freundinnen, keinerlei Wechseljahresbeschwerden – da haben die beiden guten Teilchen doch auch ihren Anteil daran! Wer weiß, was passiert, wenn sie fehlen! Wir sind ein eingespieltes Team, seit vielen Jahren schon, haben sie mir doch drei wunderbare Kinder beschert und auch sonst nie Probleme gemacht.

Ich betrachte sie und meinen ganzen Körper jetzt viel liebevoller. Wir gehören doch zusammen, alle Teile von uns. Never change a winning team! Wir werden einfach noch mehr als sonst die wunderbaren Sommertage genießen, entspannen – und gesunden. Darauf einen Caipi!

 

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„Wer den größten Teil seines Lebens gewohnheitsmäßig klagt, übellaunig sich selbst bejammernd Orgien der Missstimmung feiert, vergiftet sich das Blut, ruiniert die Gesichtszüge und verdirbt rettungslos seinen Teint.“

– Prentice Mulford (1834-1891) –

 

Ihr Lieben, was habt Ihr für Erfahrungen mit Vorsorgeuntersuchungen gemacht? Geht Ihr hin – oder ignoriert Ihr das? Waren sie schon mal hilfreich?

Macht´s ganz gut, bis bald!

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Die Jugend sieht nicht mehr gut – und zieht zu Billy Boy

Vor ein paar Wochen stand ich mit zwei großen Taschen an der Fußgängerampel. Brav wartete ich auf Grün, aber nur, weil neben mir eine Mutter stand, die einen Zweijährigen an der Hand hielt. Man muss ja ein Vorbild sein. Plötzlich hörten wir, wie sich Sirenen näherten. „Aua, laut!“, meinte der Kleine. Er schaute mich an, während er mit seinen Händchen seine Ohren bedeckte und sagte: „Oma auch!“ Ich musste lachen, aber trotzdem: wie uncharmant! Das war das erste Mal in meinem Leben, das mich jemand Oma nannte!

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Keine halbe Stunde später kam ich vom Tanken. Mit mir verließ eine junge Frau, die eine blondgelockte Einjährige auf dem Arm hatte, die Tankstelle. Die Kleine strahlte mich an und winkte mir zu – so süß! Ich winkte zurück. Dann schaute sie mich intensiv an und sagte fragend: „Mama?“ Die Frau, die das Mädchen trug, lachte und meinte: „Nein, das ist doch nicht deine Mama!“ Daraufhin guckte das Kind enttäuscht und startete einen zweiten Versuch: „Papa?“ Da die Mutter schon den Raum verlassen hatte, bekam ich ihre Antwort nicht mehr mit, aber für mich steht fest: Die Jugend von heute sieht nicht mehr gut. Liegt bestimmt am ungezügelten Gebrauch von Smartphones, Tablets, Computern und dem ganzen digitalen Rest. Allerdings könnte es natürlich auch sein, dass das Kind nur wissen wollte: „Du, Frau – bist du auch eine Mama?“ – „Ja, mein Schatz“, hätte ich dann geantwortet, „ich hab´ sogar drei Babys – von denen das mittlere Ende der Woche auszieht.“ Meine einzige Tochter, mein Fröschlein, mein Schnuffelchen, 20 Jahre, zieht aus. Damit ist von meinen Dreien nur noch der Jüngste zu Hause.

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Ich sehe es mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Ihr müsstet mal sehen, wie sie strahlt, wenn man sie darauf anspricht, dann könntet auch Ihr nicht anders als euch mitzufreuen – sie hätte eigentlich schon zum Wintersemester letzten Jahres ausziehen wollen, aber es gab einfach keine Zimmer in der Großstadt in unserer Nähe und auch mit ihrer Gesundheit haperte es. Jetzt hat es endlich geklappt. Eine Dreier-WG in einem Altbau! Mit Balkon! Nur 10 Minuten mit dem Rad bis zur Uni! Und nur vier Häuser von einer ihrer besten Freundinnen entfernt! Und: bezahlbar! So viel Glück auf einmal.

Und auf der anderen Seite… Die Trips zum Drogerie-Markt, die wir in gutgelaunter Frauen-Gemeinschaft unternommen haben, einmal pro Monat, werden so wohl nicht mehr stattfinden. Die abendlichen, gemütlichen Besuche in unseren jeweiligen Zimmern, bei denen wir uns über Gott und die Welt und die Bücher, die wir lesen, ausgetauscht haben… Wie oft kam sie rein und sagte: „Mama – das Buch XY soll toll sein, das will ich mir kaufen – kennst du das?“, und ich ging ans Regal und hatte es schon da… Unheimlich, fast! Die vielen selbstverständlichen Gelegenheiten sich zu treffen, beim Essen, im Bad, etc., bei denen wir uns oft schlapp gelacht haben, weil wir einen so ähnlichen Humor haben, dass wir uns nur angucken müssen oder einen Halbsatz aussprechen und schon gibt’s kein Halten mehr… So wie gestern zum Beispiel: Gefragt, worauf sie sich am meisten in der Großstadt freue, sagte meine Tochter: „Das wird super!! Wenn ich Lust auf Sushi habe, zum Beispiel – dann kann ich mir das in 10 Minuten einfach holen!“ – worauf sie kurz inne hielt – und mir eine Bemerkung auf der Zunge lag – aber sie hat die Pointe selbst gebracht: „Und dann schaue ich in meinen Geldbeutel und stelle fest: Ich hab gar kein Geld für Sushi!“

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Dabei können wir uns auch zoffen, so ist es nicht! Aber genau das schätze ich auch an meiner Tochter: Bei ihr, bei diesem Kind, dessen erstes Wort „Nein!“ war, weiß man sofort, woran man ist. Ich kann unmöglich all ihre weiteren tollen Eigenschaften aufzählen, aber sie macht, dass die Welt ein besserer Ort wird. Sie war mit gerade mal 18 in der Türkei, um dort in Flüchtlingslagern zu helfen, die vom UNHCR nicht erreicht werden. Sie ist letztes Jahr sechs Wochen allein durch Indien gereist und danach hat sie ihre gesamte Zeit und Energie in ein politisches Projekt gesteckt. Nun hat sich dort, wo sie jetzt wohnen wird, eine öffentliche Diskussionsplattform etabliert, bei der alle zwei Wochen die unterschiedlichsten Menschen zusammenkommen, um sich über unser aller Zukunft auszutauschen. Sie hat gleichermaßen Herz wie Verstand. Das finde ich super.

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Als ich 2016 so krank mit ME/CFS war, dass ich nichts im Haushalt machen konnte, hat sie jeden Samstag eingekauft und Staub gesaugt ohne zu murren – wie die anderen auch. Sie war die Erste, die immer wieder gesagt hat, auch als noch gar nichts klar war: „Mama, du wirst wieder gesund. Daran zweifle ich keine Sekunde.“ Ihr Vertrauen hat mir unheimlich gut getan. Im April haben wir den ersten Mutter-Tochter-Urlaub zusammen gemacht, am Bodensee – am Anfang haben wir uns gleich mal richtig gezofft, aber danach lief´s super. Die Fotos, die Ihr dieses Mal seht, stammen von dort… Alles, was sie macht, macht sie mit Herzblut, mit Sensibilität, mit Empathie und mit viel gesundem Menschenverstand. Sie hat einen wachen, beweglichen Geist – und sie ist schon so weise, dass ich glaube, dass sie eine ganz alte Seele ist…. (Und psssst! Bildhübsch ist sie auch noch und sie hat einen tollen Style, aber das darf man heutzutage nicht mehr sagen, weil Äußerlichkeiten sind nicht so wichtig, nicht in ihren Kreisen, Ihr versteht… ) Mit anderen Worten: Sie ist einfach perfekt. Wie übrigens alle meine Kinder und das sage ich mit der 100 prozentigen Objektivität, die das Kennzeichen eines Mutterherzens ist, wie jeder weiß…

Es fällt mir nicht immer leicht loszulassen, ich geb’s zu. Aber weise, wie meine Tochter ist, hat sie mir schon die passenden Worte zugesteckt – das war, als ich vor ein paar Wochen die Gürtelrose hatte. Da gab sie mir ein Kärtchen…

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This too shall pass – auch dies vergeht. Zigmal hat mir dieser Spruch seither schon geholfen – Gürtelrose? This too shall pass. Entzündung im Zeh ist zurückgekehrt? Auch dies vergeht. Mesut Özil lässt ein Foto mit Erdogan machen??? Oh Gott, das ist hart – aber: This too… Nee! Das kann ich ihm nicht verzeihen…!! Aber: Abschiedsschmerz? Ja, auch das vergeht. Aber er wird wiederkommen … und dann wieder vergehen…

Und ich bin sicher: Sie wird ihren Weg gehen. Als sie vier Jahre alt war, hat eine Freundin gesagt: „Um die brauchst du dir keine Sorgen zu machen! Sie wird alles hinkriegen und wenn sie beschließt Lehrerin zu werden, wird sie Direktorin, so viel steht fest!“ Delegieren können, das Kennzeichen einer jeden guten Führungskraft, hat sie schon drauf – seit Jahren bin ich es, nicht sie, die den Urban Jungle, die vielen Pflanzen in ihrem Zimmer, versorgt… Als sie auf Bali war, drei Monate, um Kindern Englischunterricht zu geben, oder in Indien, hab ich das aber sehr gerne getan – es war eine Gelegenheit ihr in ihrem Zimmer nahe zu sein, auf eine Art etwas für sie zu tun und ihr gute Wünsche und liebevolle Gedanken zu schicken… So wie ich das jetzt auch tue. Meine allerbesten Wünsche sind mit ihr bei ihrem langersehnten Schritt ins neue, aufregende Studenten-Großstadtleben… Und ein paar ihrer Pflanzen bleiben ja noch hier, in ihrem alten Kinderzimmer… so dass ich noch was zu tun habe… Und auf die Geschichten aus dem Großstadt-Dschungel freue ich mich jedenfalls auch schon sehr…

Alles, alles Liebe und einen guten Start für Dich, mein Schatz!

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PS: Schnuffelchen, ähm – so gerne ich kleine Kinder habe – mit dem Oma-Werden hab ich’s in deinem Falle aber noch gar nicht eilig, ok??? Da fällt mir ein: Im neuen WG-Klo hängt ein riesiges Plakat mit Werbung für Billy Boy-Kondome – (O-Ton: „Wo steckst du denn schon wieder?“) – ach, also, wie gesagt: Um dieses Kind muss ich mir keine Sorgen machen…

PPS: Schätzchen, du weißt, wo unser Haus wohnt. Sushi machen wir… sehr, sehr selten. Aber es gibt manchmal Kartoffelsalat. Und offene Ohren und offene Herzen voller Liebe für dich, weißt du? Immer. Für alle Zeit und Ewigkeit.

Loszulassen ist auch eine Form von Liebe.

– unbekannt –

 

Richard Linklater hat 2014 einen ganz wunderbaren Film (Spaßprogramm jetzt wie immer an dieser Stelle!!) zum Thema gemacht namens „Boyhood“. Über 12 Jahre wurde gedreht, in denen aus dem kleinen Jungen Mason, der von Ellar Coltrane gespielt wird, ein junger Mann wird, der schließlich von zu Hause auszieht. In 12 Jahren passiert viel, die (fast) ganz normalen Freuden und Dramen  einer alleinerziehenden Mutter werden gezeigt, dementsprechend ist der Film fast drei Stunden lang – aber als ich ihn zum erstenmal sah, war ich wie festgeklebt auf meinem Kinosessel und dachte immer: Das gibt’s doch nicht – die Dialoge! – saßen die bei uns zu Hause unterm Sofa oder im Auto und haben alles mitgeschrieben? Nach den drei Stunden, in denen ich fasziniert war, die Entwicklung von Mason und seiner Schwester, die sich ja im richtigen Leben auch von kleinen Kindern zu jungen Erwachsenen veränderten, mitzuerleben und ich so mit den Personen mitgefiebert hatte, kam ich in die Realität zurück und wusste: Das ist einer der besten und besondersten Filme, die ich je gesehen habe. Spannend, mitreißend, lustig und auch herzergreifend… Und hier kommt der Trailer…

Boyhood – Trailer

Es lohnt sich! Auch Patricia Arquette als Mutter und Ethan Hawke als Vater, der sich langsam wandelt, sind einfach unglaublich gut…

Eine letzte Frage hätte ich noch: Wie geht es Euch mit dem Loslassen? Was hilft Euch? Bis ganz bald, Ihr Lieben!

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