Die Jugend sieht nicht mehr gut – und zieht zu Billy Boy

Vor ein paar Wochen stand ich mit zwei großen Taschen an der Fußgängerampel. Brav wartete ich auf Grün, aber nur, weil neben mir eine Mutter stand, die einen Zweijährigen an der Hand hielt. Man muss ja ein Vorbild sein. Plötzlich hörten wir, wie sich Sirenen näherten. „Aua, laut!“, meinte der Kleine. Er schaute mich an, während er mit seinen Händchen seine Ohren bedeckte und sagte: „Oma auch!“ Ich musste lachen, aber trotzdem: wie uncharmant! Das war das erste Mal in meinem Leben, das mich jemand Oma nannte!

20180402_195711

Keine halbe Stunde später kam ich vom Tanken. Mit mir verließ eine junge Frau, die eine blondgelockte Einjährige auf dem Arm hatte, die Tankstelle. Die Kleine strahlte mich an und winkte mir zu – so süß! Ich winkte zurück. Dann schaute sie mich intensiv an und sagte fragend: „Mama?“ Die Frau, die das Mädchen trug, lachte und meinte: „Nein, das ist doch nicht deine Mama!“ Daraufhin guckte das Kind enttäuscht und startete einen zweiten Versuch: „Papa?“ Da die Mutter schon den Raum verlassen hatte, bekam ich ihre Antwort nicht mehr mit, aber für mich steht fest: Die Jugend von heute sieht nicht mehr gut. Liegt bestimmt am ungezügelten Gebrauch von Smartphones, Tablets, Computern und dem ganzen digitalen Rest. Allerdings könnte es natürlich auch sein, dass das Kind nur wissen wollte: „Du, Frau – bist du auch eine Mama?“ – „Ja, mein Schatz“, hätte ich dann geantwortet, „ich hab´ sogar drei Babys – von denen das mittlere Ende der Woche auszieht.“ Meine einzige Tochter, mein Fröschlein, mein Schnuffelchen, 20 Jahre, zieht aus. Damit ist von meinen Dreien nur noch der Jüngste zu Hause.

IMG-20180409-WA0009

Ich sehe es mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Ihr müsstet mal sehen, wie sie strahlt, wenn man sie darauf anspricht, dann könntet auch Ihr nicht anders als euch mitzufreuen – sie hätte eigentlich schon zum Wintersemester letzten Jahres ausziehen wollen, aber es gab einfach keine Zimmer in der Großstadt in unserer Nähe und auch mit ihrer Gesundheit haperte es. Jetzt hat es endlich geklappt. Eine Dreier-WG in einem Altbau! Mit Balkon! Nur 10 Minuten mit dem Rad bis zur Uni! Und nur vier Häuser von einer ihrer besten Freundinnen entfernt! Und: bezahlbar! So viel Glück auf einmal.

Und auf der anderen Seite… Die Trips zum Drogerie-Markt, die wir in gutgelaunter Frauen-Gemeinschaft unternommen haben, einmal pro Monat, werden so wohl nicht mehr stattfinden. Die abendlichen, gemütlichen Besuche in unseren jeweiligen Zimmern, bei denen wir uns über Gott und die Welt und die Bücher, die wir lesen, ausgetauscht haben… Wie oft kam sie rein und sagte: „Mama – das Buch XY soll toll sein, das will ich mir kaufen – kennst du das?“, und ich ging ans Regal und hatte es schon da… Unheimlich, fast! Die vielen selbstverständlichen Gelegenheiten sich zu treffen, beim Essen, im Bad, etc., bei denen wir uns oft schlapp gelacht haben, weil wir einen so ähnlichen Humor haben, dass wir uns nur angucken müssen oder einen Halbsatz aussprechen und schon gibt’s kein Halten mehr… So wie gestern zum Beispiel: Gefragt, worauf sie sich am meisten in der Großstadt freue, sagte meine Tochter: „Das wird super!! Wenn ich Lust auf Sushi habe, zum Beispiel – dann kann ich mir das in 10 Minuten einfach holen!“ – worauf sie kurz inne hielt – und mir eine Bemerkung auf der Zunge lag – aber sie hat die Pointe selbst gebracht: „Und dann schaue ich in meinen Geldbeutel und stelle fest: Ich hab gar kein Geld für Sushi!“

20180403_132900

Dabei können wir uns auch zoffen, so ist es nicht! Aber genau das schätze ich auch an meiner Tochter: Bei ihr, bei diesem Kind, dessen erstes Wort „Nein!“ war, weiß man sofort, woran man ist. Ich kann unmöglich all ihre weiteren tollen Eigenschaften aufzählen, aber sie macht, dass die Welt ein besserer Ort wird. Sie war mit gerade mal 18 in der Türkei, um dort in Flüchtlingslagern zu helfen, die vom UNHCR nicht erreicht werden. Sie ist letztes Jahr sechs Wochen allein durch Indien gereist und danach hat sie ihre gesamte Zeit und Energie in ein politisches Projekt gesteckt. Nun hat sich dort, wo sie jetzt wohnen wird, eine öffentliche Diskussionsplattform etabliert, bei der alle zwei Wochen die unterschiedlichsten Menschen zusammenkommen, um sich über unser aller Zukunft auszutauschen. Sie hat gleichermaßen Herz wie Verstand. Das finde ich super.

20180405_193548

Als ich 2016 so krank mit ME/CFS war, dass ich nichts im Haushalt machen konnte, hat sie jeden Samstag eingekauft und Staub gesaugt ohne zu murren – wie die anderen auch. Sie war die Erste, die immer wieder gesagt hat, auch als noch gar nichts klar war: „Mama, du wirst wieder gesund. Daran zweifle ich keine Sekunde.“ Ihr Vertrauen hat mir unheimlich gut getan. Im April haben wir den ersten Mutter-Tochter-Urlaub zusammen gemacht, am Bodensee – am Anfang haben wir uns gleich mal richtig gezofft, aber danach lief´s super. Die Fotos, die Ihr dieses Mal seht, stammen von dort… Alles, was sie macht, macht sie mit Herzblut, mit Sensibilität, mit Empathie und mit viel gesundem Menschenverstand. Sie hat einen wachen, beweglichen Geist – und sie ist schon so weise, dass ich glaube, dass sie eine ganz alte Seele ist…. (Und psssst! Bildhübsch ist sie auch noch und sie hat einen tollen Style, aber das darf man heutzutage nicht mehr sagen, weil Äußerlichkeiten sind nicht so wichtig, nicht in ihren Kreisen, Ihr versteht… ) Mit anderen Worten: Sie ist einfach perfekt. Wie übrigens alle meine Kinder und das sage ich mit der 100 prozentigen Objektivität, die das Kennzeichen eines Mutterherzens ist, wie jeder weiß…

Es fällt mir nicht immer leicht loszulassen, ich geb’s zu. Aber weise, wie meine Tochter ist, hat sie mir schon die passenden Worte zugesteckt – das war, als ich vor ein paar Wochen die Gürtelrose hatte. Da gab sie mir ein Kärtchen…

DSC00509

This too shall pass – auch dies vergeht. Zigmal hat mir dieser Spruch seither schon geholfen – Gürtelrose? This too shall pass. Entzündung im Zeh ist zurückgekehrt? Auch dies vergeht. Mesut Özil lässt ein Foto mit Erdogan machen??? Oh Gott, das ist hart – aber: This too… Nee! Das kann ich ihm nicht verzeihen…!! Aber: Abschiedsschmerz? Ja, auch das vergeht. Aber er wird wiederkommen … und dann wieder vergehen…

Und ich bin sicher: Sie wird ihren Weg gehen. Als sie vier Jahre alt war, hat eine Freundin gesagt: „Um die brauchst du dir keine Sorgen zu machen! Sie wird alles hinkriegen und wenn sie beschließt Lehrerin zu werden, wird sie Direktorin, so viel steht fest!“ Delegieren können, das Kennzeichen einer jeden guten Führungskraft, hat sie schon drauf – seit Jahren bin ich es, nicht sie, die den Urban Jungle, die vielen Pflanzen in ihrem Zimmer, versorgt… Als sie auf Bali war, drei Monate, um Kindern Englischunterricht zu geben, oder in Indien, hab ich das aber sehr gerne getan – es war eine Gelegenheit ihr in ihrem Zimmer nahe zu sein, auf eine Art etwas für sie zu tun und ihr gute Wünsche und liebevolle Gedanken zu schicken… So wie ich das jetzt auch tue. Meine allerbesten Wünsche sind mit ihr bei ihrem langersehnten Schritt ins neue, aufregende Studenten-Großstadtleben… Und ein paar ihrer Pflanzen bleiben ja noch hier, in ihrem alten Kinderzimmer… so dass ich noch was zu tun habe… Und auf die Geschichten aus dem Großstadt-Dschungel freue ich mich jedenfalls auch schon sehr…

Alles, alles Liebe und einen guten Start für Dich, mein Schatz!

20180405_151726

PS: Schnuffelchen, ähm – so gerne ich kleine Kinder habe – mit dem Oma-Werden hab ich’s in deinem Falle aber noch gar nicht eilig, ok??? Da fällt mir ein: Im neuen WG-Klo hängt ein riesiges Plakat mit Werbung für Billy Boy-Kondome – (O-Ton: „Wo steckst du denn schon wieder?“) – ach, also, wie gesagt: Um dieses Kind muss ich mir keine Sorgen machen…

PPS: Schätzchen, du weißt, wo unser Haus wohnt. Sushi machen wir… sehr, sehr selten. Aber es gibt manchmal Kartoffelsalat. Und offene Ohren und offene Herzen voller Liebe für dich, weißt du? Immer. Für alle Zeit und Ewigkeit.

Loszulassen ist auch eine Form von Liebe.

– unbekannt –

 

Richard Linklater hat 2014 einen ganz wunderbaren Film (Spaßprogramm jetzt wie immer an dieser Stelle!!) zum Thema gemacht namens „Boyhood“. Über 12 Jahre wurde gedreht, in denen aus dem kleinen Jungen Mason, der von Ellar Coltrane gespielt wird, ein junger Mann wird, der schließlich von zu Hause auszieht. In 12 Jahren passiert viel, die (fast) ganz normalen Freuden und Dramen  einer alleinerziehenden Mutter werden gezeigt, dementsprechend ist der Film fast drei Stunden lang – aber als ich ihn zum erstenmal sah, war ich wie festgeklebt auf meinem Kinosessel und dachte immer: Das gibt’s doch nicht – die Dialoge! – saßen die bei uns zu Hause unterm Sofa oder im Auto und haben alles mitgeschrieben? Nach den drei Stunden, in denen ich fasziniert war, die Entwicklung von Mason und seiner Schwester, die sich ja im richtigen Leben auch von kleinen Kindern zu jungen Erwachsenen veränderten, mitzuerleben und ich so mit den Personen mitgefiebert hatte, kam ich in die Realität zurück und wusste: Das ist einer der besten und besondersten Filme, die ich je gesehen habe. Spannend, mitreißend, lustig und auch herzergreifend… Und hier kommt der Trailer…

Boyhood – Trailer

Es lohnt sich! Auch Patricia Arquette als Mutter und Ethan Hawke als Vater, der sich langsam wandelt, sind einfach unglaublich gut…

Eine letzte Frage hätte ich noch: Wie geht es Euch mit dem Loslassen? Was hilft Euch? Bis ganz bald, Ihr Lieben!

20180403_140046

Advertisements

Solange der Motor noch da ist, ist alles gut!

 

„Oh!“, ruft meine Ärztin und weicht einen Schritt zurück, als ich mein Hemdchen lupfe, um ihr die Rötung an meinem Bauch zu zeigen, „das braucht ja auch kein Mensch!“ Ach, denke ich, so schlimm? Fahre ich jetzt direkt in die Grube? „Gürtelrose!“, sagt sie. Ich mag meine Ärztin, sehr sogar, aber solche Ausrufe machen mir ein ähnlich schlechtes Gefühl, wie wenn mein Automechaniker die Motorhaube aufmacht und ruft: „Sieht gaaaaar nicht gut aus!“ – obwohl ich doch genau sehe, dass der Motor noch da ist!! „Bekommen Leute, die gestresst sind oder die ein schlechtes Immunsystem haben“, meint sie. Ja, bin ich, hab´ ich, weiß ich doch. Ich dachte allerdings immer, als mein Schwiegervater das mal hatte, dass das eine Krankheit von alten Leuten sei und ich, natürlich forever young, deswegen quasi immun…

Willkommen im Club der alten Dichter, sage ich mir, als ich vor der Apotheke stehe, um die geforderten Medikamente zu holen. Ich merke, dass es mir vor dem Arztbesuch gar nicht schlecht ging, untypischerweise habe ich gar keine Schmerzen! Aber jetzt bin ich fix und fertig, und ich weiß: Es ist nur wegen dieses einen Worts und der damit verbundenen Assoziation von langwieriger Krankheit – „Gürtelrose“. Und auf genau diese Reaktion von mir habe ich keinen Bock.

20180419_164209

Letzte Woche lag ich tagelang nur im Garten, weil ich einen entzündeten Zeh hatte, der hochgelagert und gekühlt werden musste. Ich war dermaßen angepisst, einen ganzen wunderschönen sonnigen Nachmittag lang, an dem die ersten rosa Knospen des Apfelbaums sich zeigten, die Amseln zwitscherten, es ungeheuer gut duftete – und ich all das gar nicht genießen konnte, nur weil ich mir Schreckensszenarien ausmalte, was für schlimme Blutvergiftungen, etc. sich da entwickeln könnten. Diesmal will ich es besser machen. Und ich weiß auch schon, wie: Wegen des Zehs habe ich endlich ein Buch angefangen, das schon lange auf dem Stapel der zu lesenden Bücher lag: „Warum Gedanken stärker sind als Medizin – Wissenschaftliche Beweise für die Selbstheilungskraft“, Penguin Verlag, 10 Euro, von der amerikanischen Ärztin Lissa Rankin. Entspannung, Entspannung und noch mal Entspannung, ist wichtig, sagt sie. Nur ein Körper, der nicht von Stresshormonen geflutet wird, kann sich selbst heilen. Und wenn er nicht davon geflutet wird, dann kann er Heilung richtig gut! Das ist sein Kerngeschäft sozusagen!!

Nun bin ich ansteckend und darf eine Woche nicht unter Leute. Gerade in letzter Zeit habe ich mich besonders gestresst gefühlt. Und jetzt, wo ich nicht schnell mal ein Brot holen kann oder dies und das erledigen, gerne auch mehrere Termine auf einen Tag legen kann, merke ich auch, warum: Ich mache schon wieder viel zu viel. Ich muss mir endlich eingestehen, dass ich gerade in letzter Zeit ganz oft schlecht geschlafen habe, und „außer Atem“, mit einem Klopfen und einem kribbeligen Gefühl in der Brust aufgewacht bin von dem vielen Zeug, das ich nachts geträumt habe. So kann das nicht weitergehen. Ich merke, so leid es mir tut: Die Quarantäne tut mir gut.

DSC00490

Rankin sagt, dass natürlich nicht jede Krankheit gleich gut auf Entspannung anspricht – aber da, wo es auf eine gute Immunantwort ankommt, wie bei Krebs oder Infekten z. B., da ist sie erwiesenermaßen wichtig – und auch bei Krankheiten wie Magengeschwüren, Herzinfarkten, Burn Out oder anderen, die durch Stress ausgelöst werden. Wie bei ME/CFS – man weiß ja nicht so viel, aber es gilt als gesichert, dass die allermeisten, die damit krank werden, lange Phasen von Stress in ihrem Leben davor durchgemacht haben. So wie ich.

Ich kann wirklich nur jedem raten: Lest dieses Buch! Es hat mir für so vieles die Augen geöffnet, was ich an dieser Stelle gar nicht alles aufzählen kann. Und auch, wenn Ihr skeptisch seid: Genau für eine skeptische Klientel ist dieses Buch geschrieben worden. Ich habe zum ersten Mal richtig verstanden, dass ich nicht für irgendjemanden meditiere, der mich dafür loben soll, und dass ich es nicht gut machen muss – ich mache es für mich und es ist egal, wie „erfolgreich“ ich dabei bin, Hauptsache, ich finde mich jeden Tag dafür ein. Ich mache Entspannung jetzt zur Chefsache, der ich alles andere unterordne. Anders kann ich nicht gesund werden. Ich google also nicht lange nach „Gürtelrose“ und vor allem, als ich etwas von „Lähmungen“ lese, höre ich sofort auf. Ich sage „Stopp!“, wie Gupta empfiehlt, jedesmal, sobald ich merke, dass ich Angst bekomme. Ich lese den Beipackzettel für das antivirale Medikament nicht weiter, als die Liste mit den Nebenwirkungen anfängt – und vertrage es bestens. Und jetzt sind schon 10 Tage rum und die typischen Schmerzen sind einfach nicht aufgetaucht – hurra!!

DSC00486

Und was Rankin auch wichtig ist: Entspannung ist schön und gut, aber wenn du nicht die tieferliegenden Sorgen oder Glaubenssätze, die dich so stressen, durchleuchtest, dann wirst du nicht so weit kommen mit deiner Heilung, wie du könntest. Auch da bin ich dran – durch die kognitive Verhaltenstherapie, die ich mache und die Cranio-Sakral-Therapie. Ich mache gute Fortschritte. Ich ersetze zum Beispiel meine stressigen Glaubenssätze durch „Ich darf in Ruhe gesund werden.“

Und wenn ich Euch, meine lieben Leser und Leserinnen, etwas raten darf: Fangt Ihr bitte nicht erst damit an, wenn es schon fast zu spät ist – ja? Versprochen?

DSC00455

„Wer sich nach Licht sehnt, ist nicht lichtlos, denn die Sehnsucht ist schon Licht.“

– Bettina von Arnim –

Gibt’s eigentlich noch Spaßprogramm? Ja! Letztens konnte man eine kleine, blonde Frau, die alt genug war, um Gürtelrose zu bekommen, beobachten, wie sie an einem Bächlein erst nach links, dann nach rechts schaute und als sie sich unbeobachtet wusste, einen Schritt in die Mitte des Bachbetts tat, wo ein großer flacher Sandstein lag. Dort stellte sie sich auf ein Bein, breitete beide Arme aus und versuchte sich an einer wackligen Standwaage, umspült vom Wasser… Sie hatte keine Ahnung, warum sie das tat, aber man sah ihr an, dass es ihr ein spitzbübisches Vergnügen bereitete, sich so dem Impuls dieses Augenblicks hinzugeben… sie tat es, einfach, weil sie es konnte… einfach, weil sie es wieder konnte…

Und jetzt kommt Euer Spaßprogramm: Auf welche kleine Verrücktheit habt Ihr Lust, die Ihr Euch jetzt einfach mal gönnt – nur so, aus Jux und Tollerei?? Eurer lieben Freundin mit Straßenmalkreide ein großes rotes Herz vor die Tür zu malen? Fünf Kugeln Schlumpf-Eis auf einmal zu essen? Ohne Handy aus dem Haus zu gehen (oder ohne BH?) – oder einen anderen Heimweg zu nehmen, als Ihr es jemals getan habt? Hauptsache, Ihr lächelt, wenn Ihr daran denkt. Euch fällt so viel ein! Und ich bin so gespannt… Ich würde mich so freuen, wenn Ihr es mit uns teilt! Danke jetzt schon dafür!

Und bitte: Passt gut auf Euch auf.

20130420_140218

Woouuuhooouu! „Ein neues Leben“ ist preiswürdig!

Nein, es ist keine 6000 Köpfe zählende Jury gewesen, bestehend aus Hollywood-Granden wie bei den Oscars, sondern viel besser: Es war Fay von „madebyfay“, die meinen Blog „Ein neues Leben“ für den „Versatile Blogger Award“ nominiert hat! „Versatile“ bedeutet ungefähr so viel wie „vielseitig, geschickt“ – es ist also eine „Auszeichnung für einen tüchtigen Blogger“ – ich fühle mich sehr geehrt! Danke, Fay!

Bild 17.04.18 um 16.45

Da die Blogosphäre ihre eigenen Regeln hat, bedeutet diese Nominierung, wenn ich sie annehme – was ich hiermit tue – dass ich die Auszeichnung auch gleich gewonnen habe! So einfach geht das in der Bloggerwelt! Und was passiert jetzt? Äh – nichts weiter. Außer dass die Bedingung, unter der ich die Auszeichnung annehmen darf, ist, dass ich sieben Dinge von mir selbst erzähle und einige weitere Blogs für diese Auszeichnung nominiere, die ich gut finde… Oh je, sieben Dinge – Ihr wisst doch eh schon alles über mich… wir probieren´s trotzdem mal und langweilen Euch mit Sachen, die Ihr gar nicht wissen müsstet, um auch so ganz hervorragend weiterzuleben:

  1. Ich wurde in dem kleinen Dörfchen Ottenbach, Kreis Göppingen, auf der Schwäbischen Alb geboren. Idyllisch, und sehr ruhig. Im Nachbarort Waldstetten, wo mein älterer Bruder zur Welt kam (ich habe vier davon), geht´s lebhafter zu: Waldstetten ist die Gemeinde mit den meisten Vereinen Deutschlands pro Kopf – ca. 70 bei ca. 7000 Einwohnern! Und jeder Einwohner ist Mitglied in mindestens 25 von ihnen – oder so – meine ich mal gelesen zu haben…
  2. Bei uns im Flur hängt eine nackte Frau. Also, eine Kohlezeichnung einer nackten Frau, die von der Trägerin des „Versatile Blogger Awards“ im Aktzeichnenkurs selbst angefertigt wurde und die sie (und vielleicht nur sie) für sehr gelungen hält. Dafür erntet sie von den Handwerkern, die die Spülmaschine reparieren sollen, schon mal erstaunte bzw. anzügliche Blicke – und diese Frau ist ein Grund unter vielen, weshalb meine Kinder ihre Mama manchmal unerträglich peinlich finden…
  3. Ich bin eher eine „Fliegerin“ im Gegensatz zu vielen anderen, die „Taucher“ sind. Was das heißen soll? „Taucher“ sind diejenigen, die im Alter von acht Jahren beschließen, Konzertpianistin/Experte für spätmittelalterliche Buchmalerei/Arktisforscher, etc. zu werden und die dieses Ziel konsequent verfolgen. „Flieger“ sind die, die vieles im Leben ausprobieren, und die ganz typischerweise auch verschiedene berufliche Standbeine haben. „Vielbegabt“ nennt man uns mittlerweile in Fachkreisen, weil es uns leicht fällt, uns in alles mögliche einzuarbeiten – andere Zungen behaupten, wir hätten nur eine niedrige Frustrationstoleranz, was uns aber nicht davon abhält, uns weiter ständig für neue Dinge zu begeistern… Wir können nicht anders. Ansonsten würden wir das Leben für ein Gefängnis halten. Und von wegen niedrige Frustrationstoleranz!! Ich wüsste nicht, was ich stärker durch ME/CFS gelernt hätte als Frustrationen auszuhalten und an Sachen dranzubleiben, auch wenn sie schwerfallen! (Stichwort Meditation…).
  4. Hängt mit 3. zusammen: Ich bin total neugierig. Neu-gierig – deswegen passt mein Beruf als Journalistin sehr gut zu mir. Ich halte mir allerdings zugute, dass es überhaupt nicht Klatsch und Tratsch sind, die mich interessieren, sondern die ganze, große Welt da draußen! Und was sie im Innersten zusammenhält…
  5. Es vergeht keine Woche, in der ich nicht neue Rezepte ausprobiere. Jeden Samstag Morgen hole ich mir die aktuellsten Tim-Mälzer-Kochheftchen her oder diverse Kochbücher wie Deliciously Ella und mache voller Vorfreude einen Kochplan für die gesamte nächste Woche, mit dem ich dann zum Einkaufen ziehe (und an den ich mich dann natürlich nicht halte…) „Kannst du nicht mal wieder was kochen, was wir schon kennen?“ – diese Beschwerde meiner Kinder habe ich schon oft gehört. Aber wer den Plan macht, hat die Macht. Außerdem genieße ich das Handwerkliche, das Schnippeln, Rühren, Brutzeln am Kochen…  Und ich liebe meine Gewürze! (Hatte ich erwähnt, dass ich das Essen daran auch gut finde?)
  6. Während meines Studiums habe ich ein halbes Jahr lang in Wales studiert (DAAD-Stipendium) und dieses Land mit seinen magischen Küsten, seinen total liebenswürdigen Einwohnern und seinen „Welsh Cakes“ lieben gelernt. Wir haben noch Freunde in Cardiff, die wir ab und zu sehen, was mich sehr freut.
  7. In meiner Schreibtischschublade finden sich zwei vergilbte Zettel, die schon seit 35 Jahren dort liegen und jeden Umzug mitgemacht haben. Auf dem einen steht: „Oh Mensch, lerne tanzen, sonst wissen die Engel im Himmel nichts mit dir anzufangen!“ (Augustinus) und auf dem anderen: „Großer Gott, lass auch meine Seele zur Reife kommen, bevor du erntest.“ (Selma Lagerlöf).                                                                  Jetzt wisst Ihr also zwei Herzenswünsche von mir. Ich mache mir keine Sorgen, dass meine Ende nahe sein könnte, denn zu tanzen habe ich gerade erst angefangen … und bis diese Seele reif ist – das dauert noch…

 

DSC00438

 

Nun zu den Blogs, die ich toll finde: Natürlich den Blog von Fay, die wunderschöne aquarellierte Tuschezeichnungen mit viel Können, Liebe und Herz anfertigt:  madebyfay

Sie hat ja schon den gleichen Award, deswegen kann ich sie nicht mehr nominieren. Aber dafür nominiere ich…

1. Claudia, die ME/CFS hat wie ich, die aber die Kunst beherrscht des  zufrieden leben mit kleinen schritten  – bewundernswert!

2. Angela, die ebenfalls ME hat und die unglaublich kreativ damit umgeht: Die MEmi-Philosophie

3. Lukas, der Krebs überstanden hat, und uns jetzt an seinen Einsichten, die er gewonnen hat, teilnehmen lässt: Mindful Survivor

4. Die wilde Susie, die Brustkrebs hatte und jetzt ihr Leben wieder in vollen Zügen genießt: Susie Lindau´s Wild Ride

Daneben gibt´s natürlich auch tolle Blogs, die gar nichts mit Krankheiten zu tun haben:

5. Immer wieder lache ich mich schlapp über die Beiträge von Karo-Tina Aldente, die es schafft, interessante Rezepte mit witzigen Geschichten aus ihrem Schrebergarten-Alltag zu verbinden (und der ist aufregender, als das jetzt klingen mag!)

oder bin ich berührt von

6. Julias Posts in Freudenwege, die in kurzen, knappen Beiträgen (wie macht sie das nur?) ganz viel Tiefsinniges unterbringt und die einem die Schönheiten des Alltags aufzeigt… immer mit gelungenen Fotos!

7. Ein Neuzugang in meiner Blog-Bibliothek ist Robert, den ich dafür bewundere, wie er beim Aquarellieren mit Licht und Schatten umgehen kann, besonders bei seinen Akten: Watercolor Atelier

8. Immer wieder gerne schaue ich auch bei der jungen Designerin Danielle vorbei: di design und auch beim einzigen Musik-Blog auf dieser Liste, dem ich einige Neuentdeckungen verdanke:

9. Call Me Appetite aus der Schweiz

Zum guten Schluss, auch wenn sein Blog noch relativ jung ist:

10. Tilman von Ich – Lass es raus…, der in knappen Worten mit wunderbaren Fotos überzeugt.

Hier ist übrigens der Link zu den Teilnahmebedingungen: Versatile Blogger Award – Rules .

Gibt´s denn diesmal auch Spaßprogramm? Ja, klar – einen Buchtipp! Leute, das müsst Ihr lesen oder anhören:  „Es ist nur eine Phase, Hase – ein Trostbuch für Alterspubertierende“ von Maxim Leo und Jochen Gutsch, zwei preisgekrönten Journalisten, die ihre eigene Altersgruppe (frischgebackene 50er)  – und damit auch die meine – unter die Lupe genommen haben und deren absonderliche Aktivitäten beschreiben… Kostprobe gefällig? Unter dem Stichwort „Wurstpellen-Mann“ heißt es:

„Als mein Freund Stefan bei einem gemeinsamen Abendessen verkündete, nächstes Jahr laufe er einen Marathon, sagte ich spontan: „Ich auch!“

Vielleicht war es der Alkohol. Aber ich fand die Idee irgendwie gut. Es war eine Herausforderung, und was braucht ein Mann in meinem Alter? Genau.

Meine Frau sagte: „Warum muss es denn gleich ein Marathon sein?“

Gute Frage. Aber ich hörte sie kaum noch, denn ich zog bereits durch die Sportgeschäfte, um mich auszustatten. Ich kaufte Laufschuhe mit verstärkter Sohle und Lunarlon-Dämpfung, eine Laufuhr mit Pulsmesser und GPS, Laufsocken mit Achillessehnenprotektion und eine extrem enganliegende Laufhose mit klimaregulierender CCR-Technologie. Auch wenn ich nicht wusste, warum in meiner Hose ein Klima reguliert werden musste. …“

Frauen kommen auch nicht besser weg – ein Buch für alle also. Auch für Jüngere oder Ältere, wie die Rezensionen im Internet beweisen… Viel Spaß!!

 

DSC00441

 

Ich wünsche Euch, dass Ihr die kommende Schönwetterperiode in vollen Zügen genießen könnt! Beim Joggen mit und ohne klimaregulierter Laufhose, beim Gärtnern, oder, wenn die Kraft für solche Dinge nicht reicht, beim In-der-Sonne-Sitzen und Eis essen… oder wenn nicht einmal das möglich ist (viele ME-Kranke sind sehr lichtempfindlich), wenigstens beim Eis essen… (Eis geht immer, oder?)

 

„Hast du gehört? Der Winter ist vorbei! Nelken und Basilikum platzen vor Lachen.“

– Rumi, „Die Musik, die wir sind“ –

Dem Wunder die Hand hinhalten

Ein kleiner Schnupfen wäre schön gewesen. Nie hätte ich gedacht, dass es mal so weit kommen würde, dass ich mir eine verschnodderte Nase und Kopfweh wünschen würde – aber letzte Woche tat ich das, weil es mir ganz deutlich gezeigt hätte: Diese Gliederschmerzen und das Halsweh, das Du auch noch hast – alles zusammen ist nur eine Erkältung, wie sie gerade jeder hat. Aber der Schnupfen blieb aus, und so fragte ich mich fast eine Woche lang, während ich im Bett lag und mich Wellen von Aufgeregtheit durchfluteten: Ist das ein Rückfall? Genauso hat ME/CFS damals, vor fast genau zwei Jahren angefangen: wie eine schwere Erkältung, nur ohne Schnupfen. Die bange Frage jetzt lautete: Auf welchem Energielevel werde ich sein, wenn diese akuten Symptome vorbei sein werden? Gehen sie überhaupt wieder vorbei? Werde ich von vorne anfangen müssen? Oder wirft es mich „nur“ um Monate zurück?

IMG-20180224-WA0007

Dabei war am Wochenende davor alles so traumhaft gewesen: Mein Mann und ich waren zum Langlaufen ins Allgäu gefahren, das erste Mal wieder seit Beginn der Krankheit. Am Samstagmorgen noch war der Himmel verhangen, aber kaum hatten wir einen Fuß auf den Parkplatz gesetzt, wo wir die Skier anschnallen wollten, kam die Sonne raus – strahlend blauer Himmel, verschneite Berge und die Aussicht, sich auf Brettern mal wieder richtig auspowern zu dürfen – was will man mehr? Noch während ich dies schreibe, spüre ich das Glücksgefühl in meiner Brust, das ich hatte, die Vorfreude, die machte, das ich herumhüpfte und in die Hände klatschte wie ein Kind an Weihnachten, egal, ob die Leute guckten oder nicht. Und dann der heißersehnte erste Moment in der Loipe: Kann ich´s noch? Habe ich Kraft auf den Skiern? Die Überwältigung, als ich spüre – kein Problem!! Langlaufen ist wie Radfahren, das verlernt man nicht! Und klar haben meine Beine und meine Arme Kraft!! Ich kann mich abstoßen und das Gewicht auf den linken Oberschenkel verlagern, gleiten, dann wieder mit dem Arm abstoßen und Gewicht auf das rechte Bein verlagern, gleiten – juuuuchhhhuuuuu! Es läuft!! Es flutscht!! Es macht so Spaß, dass ich das gar nicht in Worte fassen kann!! Noch dazu vor dieser Traumkulisse: Die weißen Berge, ein Dörfchen mit Zwiebeltürmchen in der Ferne, der wie 1000 Diamanten glitzernde Schnee – traumhaft, einfach traumhaft. Eine Welle von Dankbarkeit überkommt mich, und wie der Papst, wenn er, gelandet auf fremden Terrain, erstmal den Boden küsste, so lasse ich mich sehr unelegant fallen und mache genau das: Ich küsse den Schnee…

IMG-20180224-WA0003

Nach 1,5 Stunden bestehe ich auf einer Pause und wie von Zauberhand naht eine Hütte, in der am späten Vormittag noch nicht viel los ist, und in der es Gulaschsuppe und Cappuccino gibt – auf genau das habe ich jetzt Lust! Schön warm ist´s hier drinnen, draußen hat es frische minus elf Grad, und nicht einmal die Tatsache, dass hier die „1000 schönsten Hits der Volksmusik“ laufen, tut meiner Begeisterung über all das, was ich gerade erleben darf, Abbruch. Wir amüsieren uns über die Texte vom „rauschenden Wildbach“ und der „Perle von Südtirol“ … aber hier darf alles sein. Wer bin ich zu urteilen? Auf der Toilette haben sie Lautsprecher installiert und es läuft mir kalt den Rücken runter, als ich auch hier die Musik höre: „Unser Leben wird geführt von Gottes Hand…“ – sollte Gott gewollt haben, dass ich krank werde? Oder war das nur eine logische Folge dessen, das ich nicht gut auf mich aufgepasst habe? Hat er mich hierher geführt, in diese Hütte? Irgendwie habe ich das Gefühl, dass dieses Lied in diesem Moment, wo „alles passt“, kein Zufall ist…

20180224_122437

Auch der zweite Tag ist einfach wunderbar – als wir über den zugefrorenen Vilsalpsee laufen, zum Beispiel: Diese Kulisse, die Berge, die ein riesiges Rund um den See formen, fast wie ein gigantisches Amphitheater! Und ich strenge mich beim Langlaufen gerne an, ich schwitze gerne, ich schnaufe gerne – nur, dass der eiskalte Ostwind uns beim Rückweg ins Gesicht bläst, kostet mich Kraft. Aber auch hier versuche ich das einfach als Tatsache zu akzeptieren. Es gehört jetzt dazu. Es ist okay.

Am Sonntagabend sind wir wieder zu Hause, randvoll mit schönen Erlebnissen, die wir unseren Kindern berichten, egal, ob sie sie in aller Ausführlichkeit hören wollen oder nicht… Mindestens 30 Kilometer haben wir an den zwei Tagen gemacht, das ist doch etwas für den Anfang! Aber wieviele es waren, ist eigentlich gar nicht wichtig. Die zwei Tage danach bin ich so tiefenentspannt wie schon ganz, ganz lange nicht mehr – bis Mittwoch: Da ist der Muskelkater weg, aber dafür sind die Gliederschmerzen und das Halsweh da. Jetzt, nach 10 Tagen, die mir wie drei Wochen vorkommen, merke ich: Was immer es war, es geht komplett vorbei. Nächste Woche habe ich bestimmt wieder meine Kraft von vorletzter Woche.

20180225_125826-1

Was mir geholfen hat, waren Guptas sieben Schritte, mit denen jeder Mensch alle Formen von Angst bekämpfen kann: Ich erzähle Euch ganz kurz: Du sagst erst laut „Stopp! Stopp! Stopp!“, atmest aus, trittst einen Schritt zurück, lässt die negative Energie über deinen linken Arm dabei abfließen. Dann trittst du „aus dir heraus“, stellst dir vor, wie dein zukünftiges Ich dir Mut macht, das die Angst schon überwunden hat: „Prima, weiter so! Du bist auf dem richtigen Weg! Du schaffst das!“ Dann bedankst du dich bei ihm, machst ein paar Schritte nach rechts vorne und bekräftigst mit der Faust, die du ballst, dass du wirklich gesund werden willst. Und dann stellst du dir vor, wie dich Kraft, Energie und Gesundheit fluten: Wie fühlt sich das an, in einem gesunden, angstfreien Körper zu sein? Schwelge in diesem Gefühl, stell´es dir ganz genau vor – und dann mach´schnell was anderes, um nicht wieder auf dumme Gedanken zu kommen… C´est tout. Das ist alles. So einfach. Die (Stress-)Hormone kommen wieder ins Lot – das ist die medizinische Erklärung. Ich habe sie ungezählte Male in den letzten Tagen gemacht – und damals, im Dezember 2016, als ich sie entdeckte, haben sie die Wende in meinem Krankheitsverlauf gebracht.

20180225_125830

Diese sieben Schritte haben mich jetzt davor bewahrt, wieder einen richtigen Rückfall zu bekommen. Gupta ist der Ansicht, und die kann ich durch meine Erfahrung zu 100% bestätigen, dass bei Menschen, die ME entwickeln, körperliche Erschöpfung und Stress zunächst dazu führen, dass ein ganz normaler Infekt einfach nicht so schnell wie sonst ausheilt. Wenn man sich dann nach vier bis sechs Wochen immer noch erschöpft fühlt, macht sich langsam Panik breit: „Die Ärzte finden nichts – aber was ist, wenn ich was Schlimmes habe? Das ist doch nicht normal!“ Und genau diese Panikreaktion, die man gar nicht so stark wahrnimmt, schwächt den sowieso angegriffenen Körper so, dass er den Infekt mit seinen typischen Erkältungssymptomen wie Hals- und Gliederschmerzen erstens nicht bekämpfen kann und zweitens dann auch noch die typischen ME/CFS-Symptome entwickelt wie Post-Exertional Malaise, Brain Fog, und den ganzen mistigen Rest – im Grunde unglaublich heftige Stresssymptome, meint Gupta. Nebennierenschwäche, sagen andere (dort werden die Stresshormone produziert) und meinen das gleiche. Wie gesagt: Bei mir war es ganz genau so. Aber das heißt nicht, dass es bei allen so sein muss. Vielleicht gibt es viele Ursachen für ME/CFS – bei mir hat nur Gupta ins Schwarze getroffen.

IMG-20180224-WA0004

Ich bin so erleichtert und dankbar! Wieder eine Hürde genommen! Und damit Zeit für Spaßprogramm! Vor ein paar Tagen las ich in einer Beilage der ZEIT eine köstliche kleine Ode von Karin Ceballos Betancur auf „Here comes the Sun“ von den Beatles: „Welches andere Lied wickelt sich im Intro so zärtlich … um Kopf und Herz, um dann für drei Minuten und sechs Sekunden den gesamten Gefühlshaushalt auf schwer verknallt zuschalten? Hat es jemals eine schönere Hymne auf den Frühling gegeben?

Little darling, I feel that ice is slowly melting/ Little darling, it seems like years since it´s been clear.

Wenn der Song nicht längst von ganz allein in Ihrem Kopf angesprungen ist, dann legen Sie ihn auf. Am besten jetzt. Sofort. … Von mir aus singen Sie ihn selbst, gerne laut, und dann gehen Sie da raus und nehmen den erstbesten Menschen, der Ihnen über den Weg läuft, sehr fest in den Arm.

Ich sage, das ist in Ordnung.“

Für alle, die gerade nichts auflegen können oder das Blaue Album nicht zu Hause haben – hier ein Link: Here Comes the Sun

Macht´s ganz gut, Ihr Lieben.

 

Nicht müde werden

sondern dem Wunder

leise

wie einem Vogel

die Hand hinhalten.

– Hilde Domin –

Nerven wie Drahtseile – häkeln kann sie später…

Sie ist fast so klein wie ich, unglaublich schnell und sie hat ein Gewehr. Und, wofür ich sie am meisten bewundere: Sie hat Nerven wie Drahtseile. Ich spreche von Laura Dahlmaier, der 1,62 m großen, 24jährigen deutschen Olympionikin, die schon ihre dritte Medaille im Biathlon bei den Spielen in Südkorea geholt hat. Und das gelingt ihr hauptsächlich, weil sie beim Schießen so gut wie keine Fehler macht. Sie ist ungeheuer nervenstark. Beim Interview nach der 1. Goldmedaille sagte sie (ich zitiere aus dem Kopf): „Ich habe einfach nicht geschaut, was meine stärkste Konkurrentin beim Schießen macht. Ich habe mich nur auf mich konzentriert.“ Das klingt so einfach, fast wie eine Binsenwahrheit, aber in der Realität ist das unglaublich schwer: Sich nur auf sich zu konzentrieren, nur das zu tun, was jetzt gerade ansteht – gerade, wenn es um „alles“ geht.

CAM00077

Als ich das Interview anschaute, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Genau das ist es doch, was man mit Meditation auch versucht zu üben: Die Konzentration auf den Moment. Das Ganz-bei-sich-sein. Ich hadere immer noch mit dem Meditieren; es ist eine richtige Hassliebe. Ich weiß, dass es mir gut tut, es gehört zu Guptas Plan um wieder gesund zu werden von ME/CFS und ich weiß, dass es unerlässlich ist. Aber durch meine Schwierigkeiten damit muss ich mir eingestehen, dass ich ein viel hibbeligerer Mensch bin, als ich je dachte. Und die Krankheit verschärft alle meine Eigenschaften, habe ich das Gefühl. Die guten wie die schlechten. Es ist, als lebte ich unter einem Brennglas.

Diese Woche war ich für zwei Tage bei meinen Eltern und auch da hatte ich dieses Brennglas-Gefühl: Wir machten nach einem wunderbaren Forellen-Essen in einem Schwarzwälder Restaurant eine kleine Verdauungsrunde – vor genau einem Jahr war ich nach den 3000 Schritten fix und fertig, es ging hügelauf und hügelab – und diesmal? Ich hätte noch viel länger weiterlaufen können. Ich merkte deutlich, dass gerade in letzter Zeit, bestimmt auch durch das Tanzen, mein Körper so aufgeholt hat. Das hat mich sehr gefreut.

Aber ich hatte auch folgendes Erlebnis: Weil meine Eltern „Scrabble“ lieben, stand es abends auf dem Programm. Ok, mach´ ich halt mal mit, dachte ich – und fand mich unversehens mit roten Backen und hochkonzentriert über meine Buchstabenplättchen gebeugt, die ich aufgedreht hin- und herschob für immer neue Wortkombinationen. Es machte richtig Spaß! Und: Ja, es war ein Wettbewerb. Ja, ich wollte mein Bestes geben. So bin ich halt. Aber hinterher (meine Eltern haben mich beide geschlagen, Profi-Spieler, die sie sind!) bemerkte ich, dass mein Herz schneller schlug als sonst und ich gar nicht wieder runterkam. Und das kommt auch von ME/CFS, das war früher bei mir nicht so. Ich konnte mich schon immer in etwas reinsteigern, aber ich kam auch wieder runter! In diesem Moment war ich sehr überrascht und auch enttäuscht von mir selbst. Aufgedreht sein vom Scrabble-Spielen – wie lächerlich ist das denn…

20130217_103125

Daran merke ich ganz deutlich, welches Aufgabengebiet noch vor mir liegt: Nervenkraft stärken. Stressresistenz ausbauen. Mein Körper hat schon super aufgeholt, aber jetzt muss auch der Geist folgen. Und dazu wüsste ich nichts, was man besser in seinen Alltag integrieren könnte als Meditation. Und ich habe auch festgestellt: In letzter Zeit habe ich nur noch geführte Meditationen gemacht (Ganz tolle! Aus Plum Village z. B.) – aber es hat nicht den gleichen Effekt, wie wenn man nur still da liegt oder sitzt und auf seinen Atem achtet. Erst da muss man sich wirklich mit dem auseinandersetzen, was gerade da ist, mit seinen Gefühlen, mit seiner Unruhe und mit dem, was einen immer wieder ablenkt. Es formt den Charakter, glaube ich. Es zeigt dir viel mehr, wer du wirklich bist und auch, wo deine Probleme sind. Und es lehrt dich im besten Falle auch, dich so anzunehmen wie du gerade bist (auch als jemand, bei dem im Moment beim Scrabble-Spielen der Puls hochfährt…).

Außerdem habe ich eine ganz niedrige Frustrations-Toleranz, was Langeweile angeht, das muss ich mir eingestehen. Und ME verschärft das extrem. Stolz auf mich war ich aber, als ich nach dem Scrabble-Spielen merkte: Ich bin zwar jetzt aufgedreht, aber ich habe so viel gelernt, um mich wieder runterzubeamen: Ich habe die Vagus-Nerv-Meditation gemacht, bei der man auch auf seinen Atem achtet… und danach bin ich sofort in einen erholsamen Schlaf gefallen. Wechselseitige Nasenatmung, Yoga, „Soften and Flow“ oder Klopfen wären auch einige Möglichkeiten unter vielen gewesen.

CAM00064

Dahlmaier, die siebenfache Weltmeisterin und Sportlerin des Jahres 2017, hat wohl gesagt: „Seit ich klein bin, habe ich mir vorgestellt, dass ich bei Olympia aufs Treppchen steige.“ Und jetzt tut sie es! Das spricht dafür, dass es genauso ist, wie Gupta und alle anderen, die sich mit Mind-Body-Medicine auskennen, sagen: „Die Verwirklichung aller Pläne beginnt im Kopf. Stell dir vor, du bist gesund. Fühl´, wie dein Körper sich dann anfühlt! Gesundheit beginnt im Kopf!“ Natürlich gibt es keine 100%-ige Erfolgsgarantie. Aber ohne diese Vorstellung ist es ungleich schwieriger! Interessanterweise hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) „Gesundheit“ nicht mehr als „Zustand“ definiert, sondern als „Fähigkeit“!

Was haltet Ihr davon?

Laura Dahlmaier hat übrigens nach ihrer zweiten Goldmedaille alle Interview-Termine abgesagt. Sie war zu ausgekühlt und fertig. Ja, es gehört Konfliktbereitschaft dazu, Leute zu enttäuschen, „nein“ zu sagen aus gutem Grund. Nicht gegen die anderen – nur für einen selbst. „Wenn du etwas erledigt haben möchtest, frag´ jemanden, der nie Zeit hat – er kann einfach nicht Nein sagen.“ Ja, es gehören gute Nerven dazu, ganz bei sich zu bleiben in stressigen Momenten. Marie von Ebner-Eschenbach dazu:

20180218_164452.jpg

Laura Dahlmaier hat gute Nerven. Das freut mich für sie. Diese 24jährige kleine Frau mit ihrem unbekümmerten Pippi-Langstrumpf-Grinsen, die nicht einmal halb so alt ist wie ich, die Top-Bergsteigerin, die in der Vorbereitungszeit für Olympia einen Fallschirmsprung gemacht hat, den ihr Trainer mit den Worten kommentierte: „Ihr kann man eh´ nichts verbieten!“ – sie ist jetzt mein Vorbild. Man braucht Vorbilder. Sie kommt noch ein paarmal dran bei Olympia. Ich drücke ihr alle Daumen.

Ich drücke ihr die Daumen – und wünsche ihr aber auch, dass sie weiß, dass man nicht der oder die Beste sein muss, um einen Wert zu haben. Alle Menschen haben den gleichen Wert, ganz unabhängig von ihrer Leistung… Aber da sie ja eine Weile nicht wusste, ob sie lieber Olympiasiegerin werden will oder Hüttenwirtin, wie sie ihrer Freundin ins Poesiealbum schrieb, ist ihr das vielleicht auch schon bewusst…

20130216_094234

And now for something completely different – kommen wir zu etwas ganz anderem: Spaßprogramm, wie immer hier! Ich erzähle Euch dafür einfach schnell, was mir letzte Woche passiert ist und das auch etwas mit Nervenkraft zu tun hat:

Einkaufen. Mein Mann brauchte neue Hemden. Männern geht ja beim Einkaufen der Blutdruck so hoch wie Kampfjetpiloten, das haben Untersuchungen gezeigt… Mein Mann war also in der Umkleide, und meine Tochter und ich reichten ihm immer neue Modelle nach, die er sich dann mehr oder minder unwillig vorknöpfte… Wie ich so meinen Blick über die Reihen der Kleiderständer, an denen Sakkos hingen, schweifen ließ, bekam ich plötzlich ein ganz wunderbares Gefühl: Das konnte doch nicht wahr sein! So etwas Schönes hatte ich ja noch gar nie gesehen! Da hing sie – die perfekte Damenbluse! Schwarz, mit weißen stilisierten Blüten drauf und mit Glockenärmeln – sooo schön! „Guck mal!!“, rief ich meiner Tochter ganz aus dem Häuschen zu – „meine Traumbluse! Und das mitten in der Herrenabteilung! Das muss Schicksal sein – und in meiner Größe!! Was hab´ ich für ein Glück!“

Schnell hatte ich die Bluse an mich genommen, aber als ich mich schwungvoll umdrehte und meiner Tochter zurief: „Die probier ich gleich mal an!“, wurde ich jäh von einer jungen Frau gebremst, die sich mir in den Weg stellte: „Entschuldigung!“, sagte sie freundlich, aber sehr bestimmt, „diese Bluse hatte ich mir ausgesucht!“ Und vorwurfsvoll wandte sie sich an einen Hünen, Mittzwanziger, mit enormem Vollbart, den ich überhaupt nicht wahrgenommen hatte, der sich aber neben dem Sakkoständer rumdrückte: „Und du stehst da und sagst nichts! Du solltest doch auf die Bluse aufpassen!“ – Der arme Typ war völlig verdattert und stotterte nur: „Ich – also… ich war mir nicht sicher…“ – „Du wusstest doch, dass das meine Bluse ist!!“, sagte sie nochmal mit Nachdruck. Ich musste so lachen, aber um das Ganze zu entschärfen, meinte ich: „Gell, Frauen im Kaufrausch – die kann Mann einfach nicht bremsen“ – aber ich hatte das deutliche Gefühl: Sollte er je vorgehabt haben, ihr einen Heiratsantrag zu machen, hatte er jetzt deutlich schlechtere Karten als vorher. Dieser Mann als Beschützer?? Fehlanzeige…

Tja, Einkaufen ist einfach nichts für schwache Nerven… aber wie glücklich es machen kann, wenn die gleiche Bluse in der Damenabteilung nochmal vorrätig ist!!!! Und was mich auch glücklich macht: Nächste Woche wollen wir zum Langlaufen ins Allgäu fahren (nein, nicht mit Gewehr) – ich freu´ mich schon so!! Aufs Draußensein, auf die gute Luft, auf die gleitenden Bewegungen mit den Skiern – und auch aufs Schwitzen und Schnaufen, ja, das auch…Das erste Mal wieder seit meiner Krankheit – ich bin gespannt, wie es gehen wird, aber sehr zuversichtlich… Ich berichte Euch dann!

Ich wünsche Euch schöne Winterwochen, passt gut auf, dass Ihr Euch keine böse Grippe einfangt!

PS: Auch wenn das die Überschrift vielleicht nahelegen mag: Ich habe gar nichts gegen Handarbeiten wie Häkeln, im Gegenteil, ich stricke sogar sehr gern… soll auch ganz doll die Nerven beruhigen übrigens! Alles Liebe!

 

20130216_110200

Stürmische Zeiten? Ab in die Dusche!

Meine Tage werden immer grauer. Und das ist eine super Sache. Aber bevor ich euch erzähle, was es damit auf sich hat, wollte ich euch schnell noch was fragen – kennt ihr das auch, dass ihr an manchen Tagen den Absprung aus der Dusche nicht schafft?

Dieser Text wäre fast nicht geschrieben worden – einfach, weil ich heute Morgen beinahe nicht aus der Dusche gekommen wäre. Beinahe hätte ich immer weiter geduscht, stundenlang, tagelang… Ach, das ist aber auch zu gemütlich da drinnen – ich ziehe den weißen Duschvorhang vor und schon gehört diese kleine, kuschlige viereckige Welt mir, mir ganz allein – hier ist es so, wie das Leben sein sollte: warm und gemütlich. Ich muss nichts tun, nur dastehen und ein wenig von links nach rechts schwanken, um den warmen Wasserstrahl gleichmäßig auf meinem Rücken zu verteilen. Dabei schaue ich dem Duschvorhang zu, der sich, von Wassertropfen getroffen, ein bisschen zittrig bewegt – und genauso fühle ich mich an manchen Morgen eben auch: leicht zittrig – und sehr, sehr müde, unfähig, anderes zu tun, als mich immer mal wieder unter dem warmen Wasserstrahl zu wenden – Bauch, Rücken, Bauch…

Ab und zu muss ich natürlich den Wasserhebel ein winziges Ruckerchen nach links bewegen, damit heißeres Wasser nachkommt – und oh, dieser herrliche Moment, wenn das Wasser dann so heiß meinen Rücken herabläuft und mich am ganzen Körper mit wohligen Schauern überzieht…. Das kann süchtig machen. Die kalte Welt mit ihren Forderungen, mit Überweisungen, Emails und Wäsche bleibt ausgesperrt und hier drinnen, in meinem immer dämpfiger werdenden Karré, ist alles in perfekter Ordnung. Unmöglich, dieses Wohlsein jetzt zu beenden.

DSC00342

Um die Aufschieberei vor mir zu rechtfertigen, versuche ich, mich nur auf das zu konzentrieren, was ich gerade spüre – das Wasser auf meinen Armen und am Nacken, die feuchte Luft in meiner Nase – dann geht das ja immerhin als Achtsamkeitsmeditation durch! Als ich 2016 so krank war mit ME/CFS, war Duschen oft die einzige Aktivität am Tag, für die meine Kraft gereicht hat. Daran erinnere ich mich mit Schaudern… Aber duschen beruhigt die Nerven und heilt auf seine Weise, bestimmt… allein das Geräusch von plätscherndem Wasser soll unglaublich heilsame Kräfte haben, bitte, das habe ich nicht erfunden… und ich bin ja immer noch nicht ganz gesund… Gleich noch ein bisschen heißer stellen… ooooohhhh jaaa…. Hätte ich höfliche Mitbewohner, die mich nach einiger Zeit fragen würden, ob man mir nicht einen Schluck Kaffee oder eine Butterbrezel reinreichen solle, würde ich antworten: Nein, danke, meine Lieben, alles bestens. Ich vermisse hier drinnen nichts, gar nichts… Könnte man nicht sein ganzes Leben in der Dusche verbringen, frage ich mich? An manchen Tagen scheint mir das nicht die schlechteste Wahl zu sein – wenn es draußen wild stürmt und regnet, so wie im Moment, wäre der Unterschied gar nicht allzu groß – nur wärmer ist es hier drinnen…

DSC00308

Tja, aber irgendwann vertreibt mich das schlechte Gewissen wegen der Wasserverschwendung oder meine rissig werdende Haut oder ein Nachduscher halt doch aus meinem kleinen Paradies. Zuvor haue ich mit einem Ruck den Wasserhebel nach rechts und brause mir die Füße bis zu den Knien ab – eiskalt, aber sowas von eiskalt. Ich bilde mir ein, dass mich das auf das harte Leben mit seinen Stürmen außerhalb des Badezimmers vorbereitet, in das ich jetzt trete und in dem die Spiegel komplett beschlagen sind… Puh, das Leben geht weiter…

Also, meine lieben LeserInnen – kennt Ihr das auch?

So, jetzt könnte ich ja weiterschreiben – wo war ich gleich? Irgendwas mit grau – aber wisst Ihr was? Ich glaube, das heiße Duschwasser hat alle meine Einfälle vorerst weggespült. Ich muss Euch leider vertrösten – so wie die Deutsche Bahn gestern aufgrund des Sturmes „Friederike“ alle Reisenden vertrösten musste. In der Zeitung lese ich von einem armen Kerle, der nach Äthiopien fliegen wollte, aber weil die Bahn nicht fuhr, kam er nie am Flughafen an. Nach einem für ihn langen und nervenaufreibenden Tag lag er abends wieder im vertrauten Bette. Ach, da hätte er auch morgens einfach weiterduschen können…

IMG-20180106-WA0000

Ihr fragt nach Spaßprogramm, wie immer an dieser Stelle? Was wohl?!

Ich melde mich wieder, bald. Versprochen.

 

„Kommst du mit? – „Wohin?“ – „Auf dumme Gedanken.“

– Verfasser unbekannt –

Vögel, die den Kater verjagen

Mitte November kam ich am späten Nachmittag, als es schon dunkel war, mit einer Freundin am Haus des Nachbarn vorbei, auch ein guter Freund. Er beklagte sich: „Jetzt wird es schon so früh dunkel, und es dauert noch so lange, bis es sich wieder dreht!“ Ich sagte zu ihm: „Es sind doch nur noch vier Wochen, dann geht´s wieder andersrum! Und an meinem Geburtstag, am 6. Januar, kann man morgens schon die Vögel zwitschern hören. Es wird doch!“- „Nein“, meinte er, „fünf Wochen sind es noch, fünf! Und dann dauert es ja nochmal fünf Wochen, bis es wieder so lange hell ist wie jetzt!“ Das alles sei doch ganz schrecklich. Als meine Freundin sagte, dass sie sogar schon an Neujahr festgestellt habe, dass die Vögel ihr Frühlingszwitschern begonnen hatten, wollte er das gar nicht glauben. Wir verabschiedeten uns und im Weggehen meinte meine Freundin kichernd zu mir: „Wie gut, dass wir hochsensibel sind!“ Ich muss jetzt noch lachen, wenn ich daran denke – es kommt ja nicht so oft vor, dass unsere hohe Sensibilität einen Vorteil darstellt… Und was soll ich sagen? Heute ist der 6. Januar, mein Geburtstag; es ist 7 Uhr 15 und gerade habe ich noch das Käuzchen gehört, das schon lange lange nicht mehr da war und mich sehr darüber gefreut – und nun zwitschert es draußen ganz vielstimmig… ist es nicht wunderbar? Der Frühling kehrt zurück und mitten im Winter kündigt er sich schon an…

DSC05130

 

An Neujahr hatte ich einen Hänger – einem Freund schrieb ich: „Ich bin schon so lange krank, bin so bei 60, 65% meiner ehemaligen Kraft – ich würde so gerne wieder was arbeiten, was „leisten“, ich vermisse das wirklich…. es gibt eine Stimme, die sagt, ich sei nutzlos so… dann gibt es auch andere Stimmen, die sagen: Kompletter Blödsinn! Genieß die Zeit! Du hast es doch luxuriös! Und solange du noch nicht richtig gelernt hast, auf dich und deine Kräfte aufzupassen und einfach zu akzeptieren, dass sie und deine Zeit begrenzt sind, ist es gerade gut, dass dein Körper dir deutlich signalisiert, dass du noch nicht anfangen kannst zu arbeiten… wahrscheinlich hadere ich mit unserer Vergänglichkeit im Tiefsten, oder was meinst du? … Vielleicht sind wir Menschen aber einfach nie zufrieden, ich weiß es nicht…“

Letztes Frühjahr war ein einziges rauschendes Fest für mich, weil ich so deutlich spürte, wie meine Kräfte zurückkehrten. Jetzt geht es natürlich nicht mehr so schnell und an vieles habe ich mich schon wieder gewöhnt – dass ich wieder einkaufen kann, lange Spaziergänge machen, etc.. Der Rausch ist verflogen; an Neujahr setzte der Kater ein.

Als ich mich am Neujahrsnachmittag beklagte, dass ich so viel tun sollte – Haus entrümpeln, Überweisungen schreiben, usw. und noch lange keine Kraft hätte um zu arbeiten, sagte meine Tochter zu mir: „Du musst erstmal gar nichts. Nichts!“ Als sie am nächsten Abend in mein Zimmer kam, meinte sie: „Mann, Mama, hier müsste man mal aufräumen!“ – „He, du hast doch gesagt, ich muss gar nichts!“ – „Gut, Mama! Du hast den Test bestanden!“

Sie hat ja Recht, zum Glück. Eigentlich muss ich gar nichts. Die Welt geht nicht unter, wenn ich jetzt nicht so funktioniere wie früher. In meinem Fall nicht, aber ich denke an die vielen, von deren Kraft eine ganze Familie abhängt oder die niemanden haben, der für sie sorgt. Das ist so unendlich hart.

Ganz am Anfang meiner Krankheit, vor ca. anderthalb Jahren, träumte ich, dass ich an einem Strand am Rande eines Pinienwaldes lag. Ein alter Mann, ein Weiser, kam vorbei und ich sagte zu ihm: „Ich bin so krank! Ich habe ME/CFS! Ich kann nicht mehr! Werde ich jemals wieder gesund?“ – „Ja!“, lächelte er. „Wie lange dauert es noch?“ – „Es dauert so lange, wie diese Pinienzapfen hier zum Reifen brauchen.“ Ich wusste damals nicht, wie lange das dauert, aber ich befürchtete, mehrere Jahre – „So lange? Wie schaffe ich das?“ – „Du musst dich in Geduld üben.“ – „Wie bekommt man Geduld?“ – „Nur durch üben. Je mehr üben, desto mehr Geduld.“ – „Und was hab´ ich am Ende davon?“ – „Vollkommene Gesundheit – und Weisheit.“ Als ich aufwachte, war das Erste, was ich nachschaute, wie lange Pinienzapfen brauchen um zu reifen. Es sind drei Jahre. Ich war geschockt – aber immerhin hatte der Weise mir Gesundheit versprochen! Und sogar Weisheit! Die Hälfte hab´ ich jetzt rum. Ich gebe viel auf Träume.

Und wie ich hier so gemütlich im Bett liege mit meinem Laptop und den Vögeln zuhöre und merke, wie es draußen heller wird, freue ich mich einfach nur – dass ich wieder gesund werde, dass ich Geburtstag habe, dass heute Nachmittag meine große Familie kommt, wir werden 12 bis 17 Leute sein, so genau weiß man das nie… meine Kinder haben mir Mut gemacht, den Geburtstag wirklich zu feiern, als ich nicht wusste, ob ich das kräftemäßig packe: „Dann bestellen wir halt abends Pizza!!“ – (KISS, wisst ihr noch? (Keep it simple and stupid))… So machen wir´s… Und eine andere Freundin bringt mir als Geburtstagsgeschenk eine Torte mit, ist das nicht wunderbar? Und meine Mama auch…

IMG-20180106-WA0000

Meine Tochter hat eine sehr liebe Freundin, die ihr einen wunderbaren Spruch geschickt hat. Sie hat ihn an mich weitergeleitet, als sie merkte, dass es mir nicht gut ging. Das hat mich sehr gerührt. Er ist der eigentliche Anlass für diesen Beitrag, denn ich wollte ihn Euch nicht vorenthalten:

„Healing comes in waves

and maybe today

the wave hits the rocks

and that´s ok, darling,

you are still healing

you are still healing.“

 

„Das Heilwerden geschieht in Wellen

und vielleicht trifft die Welle heute

auf einen Felsen

und das ist schon in Ordnung, Liebling,

du heilst dennoch,

du heilst dennoch.“

 

– Ijeoma Umebinyuo –

 

Als ich besonders mutlos war an Neujahr, kam eine Nachricht einer Freundin.  Sie hat mich aufgeheitert und aus meinen selbstmitleidigen Gedanken geholt… Hättet Ihr Lust jemandem, der es gerade schwer hat, eine Freude zu machen? Anzurufen, eine Whats-App-Nachricht oder ein Kärtchen zu schreiben? Oder sogar vorbeizugehen? Das wird dann ein doppeltes Spaßprogramm, das an dieser Stelle ja immer kommt – für Euch und für die anderen…

CAM00074

 

So, jetzt gehe ich duschen… und unten im Haus rumort es schon… diesen Tag lass´ ich jetzt ganz gemütlich anrollen! Bis bald, Ihr Lieben!

Küsschen, Küsschen!

Ich bin ganz allein in der Kirche. Die Pastoralreferentin, die gerade noch eine Krippe durch die Gegend getragen hat, weil die Kinder heute Nachmittag das Krippenspiel proben, ist gegangen. Ich habe gehört, wie die schwere Tür ins Schloß gefallen ist. Der Windstoß hat die beiden Kerzchen vor dem Marienaltar, vor dem ich stehe, zum Flackern gebracht. Es knackt, wie es immer in Kirchen knackt. Wie mein Blick so über die hölzernen Bänke wandert hin zur geschnitzten Maria, die ihren Sohn Jesus im Arm hat, scheint plötzlich die Sonne hell und warm durch die Oberlichter und die bunten Glasfenster. Das rührt mich. Denn mir ist heute eh schon feierlich zumute. Vor genau einem Jahr, am 15. Dezember 2016, habe ich Guptas sieben Schritte das erste Mal ausprobiert. Danach war es, als habe jemand bei mir einen Schalter umgelegt und mir ging´s sehr schnell immer besser. (Wer nachlesen möchte, wie sich alles genau zugetragen hat, kann das im Beitrag „Mein Hobby? Auferstehung…“ tun.)

Deswegen bin ich hier – um ein paar Kerzen anzuzünden. Aus Dankbarkeit. Ich stecke ein Scheinchen in die Opferkasse bei den Kerzen und muss grinsen, als ich ausrechne, dass es für genau einhundert reichen würde – aber so viele passen in das Sandbett hier gar nicht rein. Ich nehme mir aber schon eine dicke Handvoll und halte eine nach der anderen in die beiden Flammen, die bereits brennen.

20171215_125744

Beim Anzünden denke ich an alle, die ich kenne, denen es jetzt nicht gut geht.

Danach setze ich mich auf einen Stuhl vor den Marienaltar. Ich schließe die Augen, aber ich kann die Wärme und die Helligkeit der Kerzen noch spüren. Das fühlt sich sehr angenehm an. Ich bitte für uns alle, um Gesundheit und um Weisheit. Und ich sage „Danke!“ für alles, was mir in den letzten anderthalb Jahren auch an Gutem widerfahren ist. Es ist viel:

Ich habe in der ME/CFS-Selbsthilfegruppe von Ashok Gupta und seinem Heilprogramm erfahren und dort auch sehr nette Menschen kennengelernt.

Ich habe gemerkt, wie viel Unterstützung ich von meiner Familie, Freunden und Nachbarn bekomme. Es war ein nicht enden wollender Strom von Freundlichkeit, der unendlich gut getan hat…

Ich habe zwei mir sehr sympathische und äußerst kompetente Therapeutinnen gefunden, eine für kognitive Verhaltenstherapie, die andere für Cranio-Sakral-Therapie, die mir helfen, jeden Winkel meiner Seele und meines Körpers von altem Staub und alten, stressigen Mustern zu befreien – die mit mir also das „Große Aufräumen von Katthult“ veranstalten und die mit mir herausfinden, was ich tun kann, um gesund zu werden und zu bleiben. Ich habe schon so viel gelernt!

Ich habe tolle Buchautoren gefunden, deren Bücher äußerst hilfreich waren: Natürlich Jon Kabat-Zinn, aber auch Josef Ulrich, Ina Rudolph, Tobias Esch, Susanne Hühn, Alexandra Strüven…

Ich habe angefangen Ukulele zu lernen (bei Gitarre taten mir die Hände zu weh!), ein Riesenspaß, der mich fordert, aber bei dem ich Fortschritte sehe. Ich lausche so gern den Tönen, die ich da produziere.

Ich habe Yoga und Meditation wieder aufgenommen – und mein neuestes Vergnügen ist „Freies Tanzen 50plus“ – das macht mir so enorm Spaß, dass ich bedaure, nicht Tänzerin geworden zu sein!! Mir tun zwar nach der einen Stunde tagelang alle Knochen weh, aber sich ganz den Gefühlen, die die Musik so auslöst, hingeben zu können, ist einfach unvergleichlich schön… Und so werde ich auch körperlich wieder fitter.

Und ich habe das lustigste Spielzeug, das ich je hatte, für mich gefunden: Diesen Blog hier. Die Beiträge zu schreiben, die Fotos zu machen und Zitate auszusuchen – das hält meine Moral über die lange Krankheitszeit aufrecht und ist das Schönste, was ich mir vorstellen kann – und wenn dann noch Leute auf meine Beiträge antworten, freut mich das immer so…

All diese Dinge hätte ich ohne ME/CFS nie erlebt. Und es ist nur ein Ausschnitt! Dafür bin ich unglaublich dankbar. Aber am allermeisten bin ich natürlich dankbar dafür, dass ich wieder gesund werde. Der 15. Dezember 2016 fühlt sich für mich an wie mein zweiter Geburtstag. Ich schaue in die flackernden Flammen und beschließe, dass ich jetzt immer an diesem Tag Kerzen in der Kirche anzünden werde – und dass ich mir einen Geburtstagsstrauß kaufen werde – was ist schon ein Geburtstag ohne Blumen!

 

DSC09941

 

Als ich mich zum Gehen wende, sehe ich, dass eine Kerze viel schneller herunterbrennt als die anderen. Viel Wachs, das sie gar nicht nutzen kann, tropft an ihrer Seite herunter und bildet einen kleinen See im Sand. Sie wird zusehendes kleiner, während die anderen sich Zeit lassen. Alle Flammen flackern ein bisschen, neigen sich in eine Richtung wegen der Zugluft. Aber ich verstehe nicht ganz, wieso gerade sie so schnell herunterbrennt. Sie erinnert mich an mich selbst. Ich brenne für so viele Sachen, ich lebe leidenschaftlich gern – aber … In letzter Zeit habe ich, weil es mir besser ging, die Meditationen schleifen lassen, viele Termine gehabt – und prompt die Rechnung bezahlt in Form von Nervenschmerzen, Sehstörungen, Muskelzuckungen. Erste Anzeichen, die ich schon hatte, bevor ich richtig krank wurde mit ME/CFS. Ich muss das ernst nehmen. Ich will so gerne eine von den Kerzen werden, die stetig brennen. Aber es fällt mir so schwer. Wie mache ich das nur? Wie kann ich mich bremsen?

Wie macht Ihr das, liebe Leserschaft?

Und kennt Ihr das auch: Dass sich etwas Gutes aus etwas entwickelt hat, das anfänglich nur schlecht aussah? Habt Ihr das auch schon erlebt?

 

20171201_091530

 

„Die wesentlichen Dinge kannst du nicht machen, sondern nur empfangen. Aber du kannst dich empfänglich machen!“

– Martin Schleske –

Meine lieben Leser und Leserinnen, ich möchte Euch danken, dass Ihr noch dabei seid, dass Ihr lest, was ich so schreibsle und dass Ihr manchmal sogar Kommentare schreibt… Ich freue mich sehr, sehr darüber. Ich wünsche Euch friedliche, fröhliche Feiertage und kommt gut hinüber ins Neue Jahr – möget Ihr empfänglich sein für schöne und denkwürdige Erlebnisse, so dass Ihr Euch noch lange gerne an 2018 zurückerinnern werdet!

Das Spaßprogramm für heute, das an dieser Stelle immer kommt,  ist eigentlich ein wunderbares Wohlfühlprogramm und enthält alle Wünsche, die ich für euch habe… Ich habe es diese Woche erst entdeckt und Ihr verpasst echt was, wenn Ihr hier jetzt nicht klickt… :

Plum Village Songs

Seid behütet, meine Lieben.

20171218_082104

 

PS: Kleine Brüder können ganz schön schlau sein – meiner hat mir heute vom KISS-Prinzip erzählt, das ich noch gar nicht kannte: Keep it simple and stupid – will heißen: Mach`die Dinge nicht unnötig kompliziert! Ist das nicht ein schöner Plan für die kommenden Feiertage? Danke, Nobsi!! Und so hab´ ich mir glatt den Friseurbesuch gespart und nur ein wenig Lametta aufgetragen… Brauchen wir da überhaupt noch einen Baum??

 

20171211_183745

KISS! Küsschen!

Hygge macht glücklich und gesund, hält aber keine Mücken fern

 

Die hyggeligsten Momente meines Lebens hatte ich, als ich 83 Mückenstiche hatte. Falls das am meisten gehypte Wort des Jahres 2016 – „Hygge“ – tatsächlich an Euch vorübergegangen sein sollte, erklär ich´s  Euch schnell: Es kommt aus dem Land mit den angeblich glücklichsten Menschen der Welt, aus Dänemark, und bedeutet ungefähr so etwas wie „Gemütlichkeit in geselliger Runde“. Wobei die Dänen natürlich betonen, dass man „Hygge“ gar nicht richtig übersetzen kann – und deswegen müssen sie viele Bücher darüber schreiben – die ich letztes Jahr, als ich so krank war, alle gekauft habe – und das hat den Dänen, als sie auf ihr Konto geguckt haben, bestimmt auch ein hyggeliges Gefühl gemacht – vier Stück, im Ernst!

Es gab nichts hyggeligeres als abends im Bett die Seiten mit den schönen Bildern anzugucken, von kuschligen Kaminecken, von Zimtschnecken, von Freunden, die um einen wunderbar gedeckten Tisch saßen – und Anleitungen zu studieren, wie man sein Haus so „hell, klar und sauber“ bekommt, dass man teure Designerlampen aus Dänemark aufhängen darf…

DSC08854

Hygge zieht sich offenbar durch den ganzen dänischen Alltag, es gibt praktisch keine Situation, in der man es sich nicht hyggelig machen könnte – sogar bei der Arbeit, da gibt es dort ausgedehnte Kaffeepausen mit Kuchen und Kollegen, ganz wichtig! Und weil die Dänen offensichtlich an nichts anderes denken als an Hygge, haben sie eine Menge lustige Wörter erfunden wie „Hyggebukser“ (sprich “Hüggebukser“), die Lieblingshose, die man in der Öffentlichkeit nie tragen würde, die aber soooo bequem ist (wie meine rosa Jogginghose, glaub ich!) – oder „Fødselstagshygge“ für die Hygge, die sich einstellt, wenn man seinen Geburtstag mit Zimtschnecken und Kaffee im Bett beginnt – oder auch „Hyggemennesker“: Menschen, mit denen man gerne gemütlich abhängt – oder, was mir besonders gut gefällt: „Hyggemotionist“: jemand, der sich nur zum Spaß bewegt, ohne Fitness-App und Langzeitstatistiken der geleisteten Pulsschläge und Atemzüge…

Meik Wiking schreibt in seinem Buch über Hygge, dass die Sapir-Whorf-Hypothese annimmt, dass „die Sprache einer Kultur die Wahrnehmung der Menschen spiegelt und gleichzeitig auch Auswirkungen auf ihr Handeln hat…. Unsere Wörter und Sprachen formen unsere Hoffnungen und Träume. Und unsere Träume haben Auswirkungen auf unser Handeln hier und jetzt.“

Wenn eine Nation so viele Wörter, die mit Gemütlichkeit und Gemeinsinn zu tun haben, besitzt und immer neue dazu erfindet, dann ist ihr Gemütlichkeit und Gemeinsinn extrem wichtig und sie tut alles dafür, um diesen Zustand herbeizuführen. Das macht sie in meinen Augen zu äußerst angenehmen Mitbewohnern auf diesem Planeten, von denen man etwas lernen kann… und sie selbst machen sich zu den glücklichsten Menschen der Welt, wie so viele Erhebungen zeigen! Ich vermute fast, dass ME/CFS in Dänemark unterdurchschnittlich vertreten ist!!

Ihr merkt, „hyggelig“ hat also nichts mit den kleinen Hügeln zu tun, die sich auf der Haut bilden, wenn man von Mücken gestochen wurde – sondern viel mehr mit einer polnischen Scheune, in die wir uns vor einigen Jahren, während eines Gewitters, beim Kajakfahren, geflüchtet haben. Hier gibt es kein fließend Wasser, nur grünliches aus dem Brunnen, keinen Strom, deswegen liegen wir jetzt bei Anbruch der Dunkelheit schon in unseren Schlafsäcken. Wir haben seit zwei Tagen bei Temperaturen um 35 Grad nicht geduscht, sind aber dafür mehrfach hüfthoch durch Schlamm gewatet… jemand aus unserer Gruppe schnarcht, gerade habe ich meine juckenden Mückenstiche gezählt und bin auf 83 gekommen – und trotzdem: In diesem Moment gibt es für mich keinen hyggeligeren Ort auf der ganzen weiten Welt.

 

Kajak und Krakau 2011 027

Denn es duftet unglaublich gut nach dem Heu, in dem wir liegen.

Ich höre unsere Kinder oben auf dem Dachboden in ihren Schlafsäcken kichern.

Aus dem Hühnerstall nebenan kann ich ab und zu ein schläfriges „bok – boook“ hören.

Ich bin satt, weil Beata Barszcz eingeweckt hatte. Diesen polnischen Eintopf mit Fleisch und Roter Bete haben wir schon zwei Tage lang in unseren Kajaks durch die Gegend geschippert, bevor wir ihn heute zum Abendessen aufwärmten – extrem lecker!

Wir haben es hier trocken und kuschlig warm.

Und: Wir haben uns. Eine Gruppe von ca. 15 Leuten, vom Vierjährigen bis zum Mittfünfziger, aus drei Ländern, die sich in vier Sprachen verständigen, mein Mann und zwei meiner Kinder, Freunde und deren Freunde und deren Kinder und… Dieses Gemisch aus Generationen, Nationalitäten und Sprachen genieße ich unendlich.

Und so merke ich so deutlich wie nie in meinem Leben zuvor: Es braucht nicht viel, nur ein paar grundlegende Dinge: Schutz, Nahrung, Gemeinschaft.

Das ist es. Das ist für mich, an diesem Abend, Hygge pur. Råhygge. Hygge in seiner reinsten Form.

Und dafür bin ich so dankbar.

 

Kajak und Krakau 2011 043

 

Und ich hoffe und bin zuversichtlich, dass ich etwas Ähnliches wieder einmal erleben darf. Denn bei Gemeinschaftserlebnissen wird Oxytocin ausgeschüttet, genau das Hormon, das macht, dass der Stress nachlässt – und Stress ist einer der Auslöser für ME/CFS… Also macht Hygge gesund!

Sprache hilft mir auch beim Gesundwerden, so wie Wiking schreibt: Ich definiere mich einfach nicht als chronisch krank – ich bin nur gerade etwas unpässlich, wobei das ja auch stetig besser wird – und irgendwann bin ich wieder zu 100% gesund. Denn ich weiß, dass meine Art über mich zu sprechen meine Identität formt, meine Träume, meine Hoffnungen, die Geschichte, die ich über mich selbst erzähle. Und ich will, dass dies eine Geschichte von Gesundheit ist.

 

20130806_083850

 

„Hygge ist ein Zustand, den du erlebst, wenn du mit dir selbst im Frieden bist, mit deinem Ehepartner, den Steuerbehörden und deinen inneren Organen.“

Tove Ditlevsen

 

Liebe Leute, mögt Ihr erzählen, was Eure hyggeligsten Momente sind bzw. waren? Das würde mich sehr, sehr freuen. (Und passt Hygge nicht auch gut zur Adventszeit?)

PS: Hygge aus Dänemark ist übrigens out, lerne ich gerade eben. „Lagom“ aus Schweden ist das neue Hygge, was wohl so viel bedeutet wie „nicht zu viel, nicht zu wenig, genau richtig eben“. Ich befürchte, dass das die langweilige, große, vernünftige Schwester von Hygge ist… aber da ich noch keine vier Bücher zu dem Thema gelesen habe, kann ich´s noch nicht beurteilen! Sie stehen jedenfalls auf meiner Weihnachtswunschliste! Und mal sehen, was sich die Norweger nächstes Jahr einfallen lassen…

Seid behütet!

DSC07875

 

 

 

 

Spülmaschinen sind…

Dummes Ding, dummes. Wenn ich nicht so wohlerzogen wäre, würde ich jetzt „Drecksding“ sagen! Und das ist sie auch, meine Spülmaschine – sie soll schließlich aus dreckigem Geschirr sauberes machen. Was sie aber nicht mehr tut. Seit zwei Tagen schon. Ich traue meinen Augen nicht, als ich in die Küche komme – was sich da alles an Tellern, Tassen und Töpfen angesammelt hat in unserem Vier- bis Fünf-Personen-Haushalt!! Keinen Zentimeter Arbeitsfläche kann ich mehr erkennen. Und es ist keiner da außer mir, der diese Sauerei jetzt beseitigen könnte, um acht Uhr am Montag Abend. Und bis morgen warten geht auf gar keinen Fall. Obwohl ich schon echt müde bin, rolle ich seufzend die Ärmel hoch, binde mir die blaue Schürze um und lege los. Ich weiß nicht, woher mir die Eingebung kommt, jetzt, in diesem Moment nicht an die Zeit zu denken, die es dauern wird, bis hier alles wieder blinkt und blitzt. Ich denke stattdessen: „Ich werde jetzt den kleinen Buddha baden“ – das heißt, jedes einzelne Tellerchen so sanft und achtsam abwaschen, als sei es Buddha als Baby höchstpersönlich. Das habe ich mal irgendwo gelesen – und es ist tatsächlich meine Rettung.

Ich weiche ein, schrubbe, spüle sauber, lasse abtropfen, wechsle mindestens dreimal das Spülwasser, trockne zwischendurch ab und beginne wieder von vorne – bis tatsächlich nach anderthalb Stunden die Küche sauber ist. Und ich es gar nicht fassen kann, wie wenig schlimm und lang mir dies alles vorkam – mir, die ich sonst Abspülen hasse wie die Pest! Mir ist es gelungen, tatsächlich so präsent zu sein wie selten – und dadurch hat sich die Zeit komplett relativiert. Das war wie eine Meditation! Verrückt. Gleichzeitig bin ich wahnsinnig stolz auf mich – sollten meine hartnäckigen Meditationsversuche langsam Früchte tragen? Sieht so aus – juchhu!!

 

20171117_211937

 

Solchermaßen motiviert, habe ich meine Küchenmeditationen verfeinert: Mir ist schon vor langer Zeit aufgefallen, dass ich alles in der Küche hektisch mache – vor allem Kochen! Wenn ich da mehr als zwei Platten anhabe, stresst mich das – ich muss ja aufpassen, dass nichts anbrennt, gleichzeitig vielleicht noch Salat waschen oder Fragen meiner Küchenhelfer, so vorhanden, beantworten oder in den Keller flitzen um Wein oder Nudeln zu holen – es ist Multitasking par excellence! Ich ziehe dann die Schultern hoch, vergesse fast zu atmen und bin, wenn das Essen fertig ist, erledigt. Kennt Ihr das? Meine Mutter hat das genauso gemacht, früher, und von meiner Oma weiß ich das auch – sie hatte noch die zusätzliche Last, dass mein Opa um Punkt 12 Uhr sein Mittagessen erwartete und selbst eine Verzögerung von wenigen Minuten mit schlechter Laune quittierte… Da geht´s mir ja gut, trotzdem: So kann das nicht weiter gehen. Ich setze mich selbst so unter Druck, nur ich! Wenn ich gesund werden will von ME/CFS und vor allem bleiben, dann muss ich mein Stressmanagement in den Griff kriegen! Und da ist Kochen und Aufräumen inbegriffen! Schließlich mach´ ich das jeden Tag!

Okay, sage ich mir also, mal sehen: Wie wär´s, wenn ich beim Zwiebeln schneiden zwischendurch tief ausatme und die Schultern fallen lasse? Schon besser. Gerade hinstellen könnte ich mich bei der Gelegenheit auch. Und überhaupt: Rechtzeitig anfangen. Einen Plan im Kopf haben. Erst habe ich Angst, dass ich, wenn ich alles langsamer mache, ewig brauchen werde – deswegen habe ich mich früher ja immer so beeilt, damit ich schneller fertig bin! Jetzt sage ich mir, als ich die Spüle sauber reibe: Mach´ es so achtsam wie möglich. Denk´ nicht an die Zeit – aber versuche, so wenige Bewegungen wie möglich zu machen. Eigentlich sage ich mir das nur, um meine schmerzenden Arme und Hände (Tennisarme, Sehnenscheidenentzündung, Karpaltunnelsyndrom…) zu schonen, aber bald wird mir klar: Das ist der Zaubertrick. Meine Bewegungen werden langsamer, aber dadurch viel effektiver: Ich wische nicht mehr hektisch hundertmal über die gleiche Stelle, sondern, präsent wie ich bin, passe ich genau auf, wo ich schon war – und da ich voll bei der Sache bin, macht es unglaublicherweise sogar Spaß. Spaß! Spülen! Küche aufräumen!! Wenn mir das einer vor vier Wochen noch gesagt hätte, hätte ich ihm einen Vogel gezeigt. Wenn ich mich konzentriert und effektiv bewege, fühle ich mich kompetent und das Wunderbare ist: Ich bin hinterher viel weniger müde. Und bei meiner Krankheit ist das essentiell. Und es passieren viel weniger Fehler, die alles noch weiter herauszögern! Ich erinnere mich ungern, aber genau, wie ich einmal besonders schnell fertig sein wollte und in der Hektik eine volle Glasflasche mit Milch herunterfiel, zerbrach und sich durch die Küche ergoss… – bis das alles wieder sauber war…

 

20170305_121110

 

Und beim Waschbecken putzen funktioniert das auch. Beim Wäsche aufhängen, Treppe kehren, Auto fahren… ich kann das alles achtsam machen. Mit langsamen, aber effektiven Bewegungen. Wenn ich darauf achte, denke ich an nichts anderes, bin total anwesend. So erobere ich mir meine Zeit zurück. Ich lasse mich nicht mehr hetzen – von niemandem anderen als mir selbst!! Ich weiß, das ist ein Baustein, den ich gewinne, um wieder gesund zu werden. Und ich habe dadurch schon jetzt mehr Lebensqualität als vor meiner Krankheit! Aber natürlich klappt es nicht immer.

Nach ein paar Tagen kommt der Handwerker und repariert die Spülmaschine. Einige Male haben meine Kinder beim Abtrocknen geholfen und wir mussten so lachen dabei… Das war wirklich schön. So bin ich fast ein bisschen wehmütig, als das Ding wieder beginnt zu laufen. Aber immerhin: Die Spülmaschine hat mich eine Lektion gelehrt: Langsam, aber dadurch effektiv, geht mindestens so schnell und sogar besser als hektisch und fehleranfällig – strengt aber bedeutend weniger an. Ich musste mir nur die Freiheit nehmen, scheinbar in Stein gemeißelte Wahrheiten zu missachten („Es muss alles so schnell wie möglich gehen!“). Und dann wird alles gut.

Die dumme Spülmaschine hat mich also Weisheit gelehrt – Weisheit, die aus unserer beider Nicht-Funktionieren herrührt. Aufregend, das Leben.

 

20171025_124300

 

Liebe Leser und Leserinnen, kommt Euch das bekannt vor? Kämpft Ihr auch damit? Am Ende wisst Ihr das alles schon lange und wendet es an? Ich freue mich darauf und bin sehr gespannt Eure Erfahrungen zu hören!

 

All the suffering, stress, and addiction comes from not realizing you already are what you are looking for.

All das Leid, der Stress und alle Süchte rühren daher, dass du nicht erkennst, dass du das schon bist, wonach du suchst.

-Jon Kabat-Zinn-

 

So, Ihr Lieben, jetzt kommt noch Spaßprogramm: Ich liebe ja Vögel, besonders Rotkehlchen … uuuund … Adventskalender. Da kann es gar nicht kitschig genug sein. Und jetzt kommt der Hit: Wer einen kleinen Adventskalender im Kartenformat MIT Rotkehlchen drauf von mir zugesendet bekommen möchte, der muss nur eines tun: Mir eine Email mit seiner Adresse schreiben – schon kommt er angeflattert! Rechtzeitig vor dem 1. Dezember! Ich versprech´s! (Solange Vorrat reicht!)

Alles Gute für Euch! (Esst Ihr schon Lebkuchen?? Darf man das schon??)