Corona-Carola

„Haha, Carola klingt ja wie Corona!“, sagte jemand kürzlich zu mir. Das fand ich gar nicht schön! Und was sollen eigentlich die sagen, die Corinna heißen??

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Anfang März waren wir Langlaufen, Teile meiner Familie und ich – exakt 5 km hinter der deutsch-österreichischen Grenze im Tannheimer Tal. (So schöööön!! Und ganz ruhig! Und ungefährlich! Nicht wie Ischgl…) Fünf Tage, nachdem wir wieder da waren, rieben wir uns die Augen: Österreich war zum Risikogebiet erklärt worden und wir mussten in Quarantäne. Wir gingen zu keinem Geburtstag, nicht zu den Eltern, nicht mal zum Einkaufen, nur einsame lange Waldspaziergänge machten wir noch. Als ich eines Morgens aus der Haustür trat, um die Post aus dem Briefkasten zu holen – alles auf unserem Grundstück – hatten sich gerade Nachbarn auf der Wendeplatte versammelt. Obwohl wir bestimmt zehn Meter Abstand hatten, merkte ich doch, wie an die zehn Leute kollektiv zusammenzuckten und einen Schritt zurückwichen. „Die Carola war in Österreich, von der müssen wir uns fernhalten!“, rief jemand und wollte nur einen Scherz machen… Trotzdem! Kein schönes Gefühl.

Die ganze Situation erinnerte mich an den April 2016, vor genau vier Jahren also, als ich krank wurde mit ME/CFS. Auch damals konnte ich nicht zu Geburtstagsfeiern, zum Einkaufen, und Spaziergänge beschränkten sich an guten Tagen auf 200 Meter… und einige Leute beäugten mich misstrauisch, weil sie den Verdacht hegten, dass ich ein bösartiges Virus hätte! Das Grundgefühl von Verzicht und Entbehrung ist für mich jetzt das gleiche. Und als ME/CFS – Patient hat man in der Regel ein angeschlagenes Immunsystem und sollte sich deshalb unter Risikopatient einsortieren. (Mein Immunsystem: sehr ausbaufähig.)

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Was aber sehr schön festzustellen war, war, dass einige Freunde sich sofort anboten für uns einzukaufen – wir wurden bestens versorgt. Da wir sie nicht zu sehr belasten wollten, haben wir nur die allernötigsten Dinge in Auftrag gegeben – und Chips und Schokolade fielen da nicht drunter… (äh – außer 2,5 Kilo Erdnüsse für meinen gertenschlanken Mann, die ganz normale Ration für 10 Tage – ohne die ist er nicht er selbst!) – also habe ich in der Quarantäne ein Kilo abgenommen! Nicht schlecht! Ein Corona-Kilo, das ein ME-Kilo vertrieben hat … und was ich auch festgestellt habe: Wir konnten die Lebensmittel, die wir hatten, ganz neu wertschätzen. Weil wir nicht jederzeit an Nachschub kamen, teilten wir sie gut ein und freuten uns viel mehr an dem, was da war. Ich kochte so, wie meine Großmutter gekocht hat: Gucken, was da ist und das Beste daraus machen – und nicht, wie es sonst oft läuft bei uns: Worauf habe ich Lust? Dann Einkaufen flitzen, obwohl der Kühlschrank eigentlich noch ganz gut gefüllt wäre… The curated Kühlschrank, so to speak… tut mir sehr gut!

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Bitter war allerdings die Erkenntnis, als die zehn Tage rum waren, und wir keine Symptome entwickelt hatten, dass das Leben jetzt gar nicht so viel anders wird. Dass Verzicht jetzt einfach dazugehört. Ich vermisse meine Eltern und großen Kinder, meine Freunde, den Chor, das Tanzen und die Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit, die das Leben jetzt von rückwärts aus betrachtet hatte. Gestern war ich einkaufen – zum ersten Mal seit vier Wochen wieder im Drogeriemarkt, was ich eigentlich liebe – aber wenn man   immer ängstlich aufpassen muss, dass niemand zu nahe kommt, macht Einkaufen nicht so richtig Spaß…

Dabei jammere ich auf hohem Niveau: Wir haben zum Glück einen kleinen Garten, in den wir immer konnten, auch bei Quarantäne. Das Wetter ist gigantisch schön! Und jeder von uns hat ein Zimmer – wir sind zu dritt zu Hause gerade – in das man sich bei Lagerkoller zurückziehen kann. Ich ziehe meinen Hut vor allen Familien mit Kindern, die jetzt in der Stadt in einer kleinen Wohnung wohnen und nicht auf Spielplätze können… Das ist eine richtig, richtig schwierige Situation. Auch für viele, viele andere… in erster Linie natürlich für die Menschen, die jetzt im Krankenhaus oder in Pflegeeinrichtungen sich täglich der Gefahr aussetzen selbst zu erkranken – und die bis zum Umfallen arbeiten – oftmals bei katastrophaler Bezahlung! „Das dicke Dankeschön kommt mir manchmal richtig zynisch vor“, sagte mir meine Freundin Elke S., die jeden Tag als ambulante Pflegerin bei alten Menschen die Runde macht, „dann bezahlt uns doch endlich mal richtig, wenn ihr es ernst meint damit!“

Was mich aber sehr freut, ist die Kreativität und Solidarität, die in dieser Lage wächst: Die internationale Zusammenarbeit um einen Impfstoff zu finden, die vielen Nachbarschaftsinitiativen, die Maskennähaktionen, die lustigen Cartoons und Filmchen, die in den sozialen Medien zum Thema kursieren…. Wir haben Skype wieder- und Zoom neuentdeckt – und meine 81jährige Mama kann jetzt Emails schreiben („Muss ich ja lernen, weil dein jüngster Bruder kein WhatsApp hat!“)!

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Auch meine Freundin Uli und ich haben eine kleine Nachbarschaftsinitiative für unser Viertel gegründet – bisher haben wir vier Hilfswillige und keine Leute, die Hilfe nötig hätten – so darf´s bleiben… Und mein Sohn und ich haben herausgefunden, wie man Joghurt auch ohne Maschine macht: Weil wir in Quarantäne vergessen hatten, Naturjoghurt zu „bestellen“, nahmen wir Himbeer-Bio-Joghurt, 2 Esslöffel voll, vermischten sie mit 400 ml lauwarmer H-Milch und taten das Schüsselchen in den Backofen. Damit der Joghurt, der da entstehen sollte, es da drin schön kuschlig hatte, legten wir noch eine heiße Wärmflasche daneben, ein Backblech als „Zudecke“ obendrauf – und gingen schlafen. Gespannt lupften wir am nächsten Morgen den kleinen Teller, mit dem wir die Schale bedeckt hatten: Wunderbar stichfester Joghurt war entstanden! Wir grinsten uns an – froh und stolz… Und der Joghurt schmeckte ganz wunderbar! Und nur leicht nach Himbeere, so dass wir ihn für das Nudelsalat-Dressing nehmen konnten… allerdings waren die Himbeerkerne im Salat gewöhnungsbedürftig…

Außerdem haben wir Brettspiele wiederentdeckt: Fast jeden Abend spielen mein Sohn und ich „Mensch ärgere dich nicht“, eine Runde, und es ist immer echt witzig – meine Tochter meinte allerdings: „Mann, muss euch langweilig sein! Sagt Bescheid, wenn jemand anfängt, mit der Mama Vogelmemory zu spielen – dann weiß ich, dass die Endzeit angebrochen ist!“

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Mein Mann hat (noch) Arbeit, ich hoffe, es bleibt so. Mein Sohn, der Musiker ist, hofft, dass nicht die Festivalsaison ausfällt… meine Tochter war tieftraurig, dass die Uni nicht wie gewohnt starten kann… mein anderer Sohn, der sich für Veranstaltungstechnik interessiert und ein Praktikum machen wollte, hat da gerade aufs völlig falsche Pferd gesetzt… Für so viele geht es jetzt um die wirtschaftliche Existenz. Das ist wirklich hart. Was für mich aber das Beste an der ganzen Situation ist: Es ist unfassbar ruhig bei uns geworden. Wir wohnen in der Einflugschneise eines internationalen Flughafens mit bis zu 400 Starts und Landungen pro Tag. Wir können die Abzeichen der Fluggesellschaft erkennen, wenn die Maschinen über uns hinweg donnern… aber gerade ist: nichts. Jetzt, kurz vor Ostern, wo wir normalerweise besonders geplagt sind wegen des Osterreiseverkehrs, haben die Verantwortlichen beschlossen, dass Reparaturarbeiten vorgezogen werden und ich kann euch gar nicht sagen, wie sehr ich es genieße, morgens nicht von Flugzeugen geweckt zu werden. Ich überlege ernsthaft, ob ich nach der Krise von hier wegziehe, dahin, wo es immer so ruhig ist. Wer weiß, was sich durch Corona noch alles verändern wird in meinem Leben!

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Und so lange trage ich mit Stolz und Freude die bunte Maske (das „Mauldäschle“), die die Tochter meiner Nachbarin in Windeseile für mich genäht hat – als sie hörte, dass ich welche für teueres Geld im Internet bestellt hatte, setzte sie sich sofort an die Nähmaschine und zwei Stunden später stand sie bei mir an der Haustür mit dem schönsten Atemschutz, den ich je gesehen habe – das hat mich richtig gerührt!! Und es schenkt Vertrauen in Mitmenschlichkeit und Solidarität… wir lernen viel in dieser Zeit, denke ich… Und viele werden lernen, dass sie auch in Krisenzeiten nicht mehr sch… en müssen als sonst und dass die vielen Raummeter Klopapier, die sie gehortet haben, nur sehr sehr langsam wegschmelzen … Mensch braucht 40 bis 46 Rollen – pro Jahr! (Kleine Rechenaufgabe: Für wieviele Jahrzehnte ist der SUV-Fahrer, der sein Auto mit Klopapier komplett vollgestopft hat, Rückbank, Beifahrersitz, alles, jetzt wohl ausgestattet? Ein Freund meines Sohnes hat ihn beobachtet.) In Frankreich waren angeblich gleich ganz andere Dinge Mangelware: Wein und Kondome… ach, vielleicht sollte ich nach Frankreich ziehen?? Diese anderen Prioritäten gefallen mir!

Apropos Klopapier und gleichzeitig Spaßprogramm, wie immer hier: Mit diesem, das bei uns im Supermarkt noch erhältlich ist, kommt Corona endlich an die Stelle, wo es hingehört…

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Ein Cartoon machte die Runde auf Whatsapp, den Ihr vielleicht auch gesehen habt: ein Bewerber sitzt vor einem Personalchef, der gerade dessen Unterlagen durchliest. „Wo waren Sie in 2020?“, fragt er. „Händewaschen“, ist die Antwort. Händewaschen. Ich versuche jetzt, es liebevoll und achtsam zu tun. Anita Moorjani, von der ich im nächsten Beitrag noch erzählen werde, sagt, dass man Dinge immer aus zwei Haltungen heraus tun kann: entweder aus Angst oder aus Liebe. Ich kann also beim Händewaschen denken: „Oh Mann, jetzt bloß so schnell wie möglich Hände waschen, sonst bleiben Viren übrig und ich werde sicher krank! Mach’s ja gründlich!“ – oder ich kann mir sagen: „So, meine Liebe, jetzt nehmen wir mal die Seife… hmmm… riecht fein… dann schön gründlich alle Fingerchen waschen, damit mir´s nachher gut geht. Und jetzt achtsam abtrocknen… dann bin ich gut geschützt.“ Merkt Ihr den Unterschied? Erste Version fühlt sich stressig, die zweite ganz entspannt an – und wir wissen ja alle, dass Stress gar nicht gut ist fürs Immunsystem! Ich merke richtig, wie ich durchatme, wenn ich es entspannt tue. Und ich habe leckere Handcreme an jedem Waschbecken hingestellt, so dass ich mir noch schön die Hände eincremen kann…

Abschließen will ich mit einem Zitat von einem irischen Nationalhelden und Nobelpreisträger, dem Dichter Seamus Heaney. Meine Freundin Liane hat es mir zukommen lassen, und meine Freundin Elke K. so wunderschön gelettert – danke nochmal an Euch beide…

If we can Endfassung

Ganz wörtlich kann man es gar nicht übersetzen – „Wenn wir dies hier „aus-wintern“, also aushalten, dies hier, das sich wie ein nicht enden wollender Winter anfühlt, „dann können wir überall „sommern“ – dann wird uns danach alles wie Sommer vorkommen, dann können wir danach überall Sommer feiern.“ So ungefähr, denke ich… was meint Ihr dazu? Ist das nicht zum Heulen schön?

„Behutsame Ostern!“, hat uns unser Metzger gewünscht. Behutsame Ostern?? Okay, ich tue mein Bestes, dieses Jahr so behutsam wie möglich Ostern zu feiern… Und Ihr alle, seid Ihr auch behütet! Ich freue mich wie immer über Eure Kommentare – erzählt doch mal, wie es Euch so geht.

Frohe Ostern Euch allen, trotz allem. Die Osterfreude bleibt ja die gleiche, seit 2000 Jahren schon.

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PS: „Tschüß, Coro… äh…Carola“, sagte vor ein paar Tagen Elke K. am Telefon. Wir mussten lachen. Ja, es klingt tatsächlich ähnlich.

 

Trostspender, die auf Knopfdruck funktionieren – wär das schön?

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Die schlechteste Lösung: Kopf schütteln, eine Menge sagen, dann rausgehen.

Die beste Lösung: Nicken, eher wenig als viel sagen, da bleiben. 

So oder ähnlich würde ich antworten, wenn mich jemand fragte: „Sag mal schnell – wie geht das eigentlich: jemanden trösten?“ 

Bei uns in der Grundschule, wo ich immer dienstags tanzen gegangen bin bis letzte Woche, und im Rathaus, an allen öffentlichen Orten, stehen neuerdings Spender: Desinfektionsmittelspender. (So ein schönes, langes, typisch deutsches zusammengesetztes Wort, an dem meine amerikanischen Freunde ihre helle Freude hätten…) Etwas kann man im Deutschen auch noch spenden, genau wie Desinfektionsmittel oder Klamotten oder Schatten: Trost. Trost spenden. Ich finde das wunderschön, denn es zeigt genau, worauf es beim Trösten ankommt: Trost gibt’s umsonst, Trost wird verschenkt – gespendet eben – alles andere kommt bei demjenigen, dem Trost zugesprochen wird, nicht gut an – und dann ist dieser Trost meist wirkungslos. Wenn ich Dankbarkeit fürs Zuhören erwarte zum Beispiel… oder Anerkennung für meine guten Ratschläge… 

Oder wenn ich spüre, dass der andere, indem er sagt: „Das wird schon wieder!“ oder „Alles halb so schlimm!“ oder „Die Zeit heilt alle Wunden!“ einfach nur den Schmerz, den er bei mir wahrnimmt, nicht aushalten kann und möglichst schnell mit dem Thema durch sein möchte – im Bilde gesprochen also rausgeht. 

Oder wenn ich höre: „Du musst jetzt stark sein!“ Verdammt, wenn ich wüsste, wie das geht, dann ginge es mir ja nicht schlecht! Nachdem ich eine Diagnose bekommen habe oder einen Verlust erlitten, hätte ich gerne einen Ort, wo ich heulen und jammern und zittern und zagen darf… ohne dafür verurteilt zu werden. Einen Ort, an dem ich schwach sein darf. 

Oder wenn ich höre: „Anderen geht’s noch viel schlechter!“ Im Sommer 2016, als ich völlig verzweifelt war, weil ich überhaupt keinen Plan hatte, wie ich mit dieser angeblich unheilbaren Krankheit ME/CFS umgehen sollte und es mir körperlich richtig, richtig mies ging, bekam ich einmal zu hören: „Ach, du solltest froh sein – andere haben ein Arm oder ein Bein verloren – die sind doch viel schlimmer dran!“ Bäm!! Das hat weh getan. Ich hätte gebraucht, wie jeder Mensch übrigens, dass ich gesehen werde, so wie ich gerade bin – mit meinem Kummer und meiner Ratlosigkeit. Dass ich gehört werde, wenn ich erzähle, wie es mir geht. Ein Arzt sagte in dieser Zeit zu mir: „So krank sehen Sie gar nicht aus!“ Ich weiß, dass ich damit nicht alleine bin, das geht vielen ME-Patienten so – aber ich kann nicht sagen, wie wütend und enttäuscht ich war, das gerade von jemandem zu hören, von dem ich mir Hoffnung auf Heilung gemacht hatte… Und klar hilft es, sich in Erinnerung zu rufen, dass alles relativ ist, dass es immer Leute gibt, denen es noch schlechter geht – aber das muss von demjenigen selbst kommen, der gerade leidet, sonst fühlt es sich nicht nach Trost, sondern Vertröstung an. 

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Oder wenn jemand versucht, nach Lösungen für mein Problem zu suchen, obwohl ich eigentlich gerade einfach nur in den Arm genommen und ein bisschen gehalten werden möchte. Das gibt es nämlich auch und ist gar nicht so selten, glaube ich. Ratschläge können schnell Schläge werden. Eine Freundin, mit der ich mich mal im Café traf, erzählte mir diesen ganzen schönen Sommermorgen lang von all ihren Problemen und ich zermarterte mir das Hirn nach Lösungsvorschlägen, von denen sie aber keinen hören wollte. Am Ende strahlte sie: „Ach, das hat gut getan – ich glaube, ich wollte einfach mal nur so richtig jammern!“ Ja, so ist das halt manchmal… Das Bedürfnis gesehen und gehört zu werden in seinem Kummer ist riesig – und wenn es gestillt ist, kommt einem der Kummer schon gar nicht mehr so groß vor, erstaunlicherweise – weil man sich nicht mehr alleine fühlt, denke ich. 

Damals habe ich wieder mal verstanden, dass es einen Unterschied gibt zwischen trösten und beraten – manchmal braucht man eben nur Trost, keine Beratung…  Ich glaube, der Unterschied wird ganz klar, wenn man sich überlegt, dass viele Trost in Schokolade, Alkohol oder Zigaretten suchen – sich aber davon ganz sicher keine Beratung erwarten!

Und es hilft nicht, wenn man gerade Luft holt um sich zu erklären und der andere dann reingrätscht: „Ach, das ist ja noch gar nichts, ich weiß genau, wie’s dir geht – stell dir vor, was mir letztens passiert ist…“ Wenn du wirklich jemanden trösten willst, dann beiß dir auf die Zunge und lass deine eigenen Geschichten zu Hause, es sei denn, du wirst ausdrücklich danach gefragt. (Gar nicht so leicht!!) Der andere hat eh kein Ohr dafür gerade und im schlimmsten Fall zieht es ihn noch mehr runter. 

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„Was um Himmels Willen soll ich denn dann tun?“, fragt man sich vielleicht jetzt. Eigentlich ist es gar nicht so schwierig, eigentlich reichen wenige Dinge, glaube ich:

Zum einen ist ganz wichtig, dass man versucht sich wirklich einzufühlen in den anderen, versucht nachzuempfinden, wie es ihm in der Situation geht – unabhängig davon, wie wir uns in der gleichen Situation fühlen würden. Dazu gehört ihn ausreden zu lassen, weinen zu lassen, ohne dass man glaubt etwas tun oder sagen zu müssen. „Muss man gar nicht. Da bleiben und den Schmerz mit aushalten ohne sich selbst davon runterziehen zu lassen, reicht völlig“, sagte mir letzte Woche eine sehr nette, tolle Frau, die meine volle Hochachtung hat, weil sie eine Ausbildung zur Sterbebegleiterin für Kinder gemacht hat. 

Wenn du etwas sagen willst, dann so etwas wie: „Das ist wirklich hart“ oder „Ich verstehe, dass das richtig  schwer ist für dich.“ Dieses Gesehenwerden ist essentiell und tut demjenigen, der nur ganz stockend erzählen kann oder bei dem gerade die Tränen fließen, einfach gut. Aber sag´ es natürlich nur, wenn du es wirklich verstehen kannst! 

Sonst sag´ einfach nichts  – oder frage: „Darf ich dich in den Arm nehmen?“ Und das auch nur, wenn du das wirklich willst! Du kannst auch anbieten, etwas für den anderen zu tun – zu kochen oder einzukaufen zum Beispiel – aber wirklich nur, wenn du Kraft und Lust dazu hast, wenn du spürst, dass du genügend Abstand haben kannst, um dich selbst nicht runterziehen zu lassen. Dabei hilft mir die Vorstellung, die ich bei Susanne Hühn gelernt habe: Derjenige, dem es gerade schlecht geht, steht in dem einen Kreis einer goldenen Acht, und ich stehe in dem anderen. So sind wir wunderbar verbunden, aber die Gefühle des anderen müssen nicht auf mich überspringen – davon hat nämlich weder er noch ich im Geringsten etwas. 

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Nicken, eher wenig als viel sagen, da bleiben…

Ich glaube, das ist es schon: Wenn ich spüre, dass der andere mich in meinem Kummer nicht verurteilt, wenn er sich die Mühe macht nachzuvollziehen, wie es mir tatsächlich geht  – und wenn er dann da bleibt und es mit mir aushält, so lange, bis bei mir mehr Ruhe eintritt – und die wird kommen, sobald ich merke, dass ich verstanden werde und nicht allein gelassen. Als Tröstende müssen wir gar nichts Schlaues sagen und auch keine Lösungen für den anderen finden, das kann er eh nur selbst. Nur anerkennen, dass da Schmerz beim Anderen ist. Dieses Anerkennen, dieses „Das ist wirklich hart!“ – wenn es einen Zaubersatz gäbe, dann wäre es dieser, glaube ich… Und ich darf auf mich achten und die unangenehmen Gefühle zwar nachvollziehen, mich einfühlen, aber ich muss sie nicht übernehmen. Ich bin ich und du bist du. So habe ich auch die Kraft, wiederzukommen und wieder zuzuhören. 

Und dann dürfen wir uns immer sagen: Wir sind nicht perfekt. Wir sind nicht die perfekten Trostspender, die auf Knopfdruck funktionieren. Wir sind unperfekte Menschen, aber Menschen mit einem Herzen. Menschen, die es gut meinen, aber halt nicht immer gut machen. Die Freundin, die zu mir sagte, dass ich froh sein könne, noch zwei Arme und Beine zu haben, war einfach auch nur hilflos – und hatte zwei Stunden Autofahrt auf sich genommen, nur um mich 30 Minuten zu sehen, weil bei mir noch nicht mehr drin war, und ganz viel leckeren Kuchen mitgebracht… Und ich konnte das irgendwann sehen und dann war’s auch gut.

Ich will euch trösten wie einen seine Mutter tröstet. 

 – Jes. 66, Vers 13 –

Dieses Bibelwort rührt mich – zum einen weil, ja, wir Mamas können trösten! Endlich wird das mal gesehen! Anerkennung von ganz oben! Und zum anderen, weil ich vor meinem geistigen Auge Mütter durch die Jahrtausende sehe, in allen möglichen Situationen, die in immer gleicher Manier ihre Kinder auf den Schoss nehmen, ihnen über den Kopf streicheln und liebevoll mit ihnen reden… und Gott kann also trösten wie eine Mama. Gott ist freundlich und verständnisvoll… das freut mich sehr… aber nicht mal Gott kann es also besser als die Mütter…. obwohl: Ich glaube, das könnte man heute umschreiben: Im Urlaub in Korsika habe ich so viele liebevolle Väter beobachtet, die ganz selbstverständlich ihre Kinder trösteten, wenn sie Kummer hatten, und die nicht einfach das weinende Kind an die Mama weiterreichten, dass mir richtig das Herz aufging… Und Freunde und Nachbarn und Omas und Opas… sogar Unbekannte, die manchmal sogar besonders gut… alle können trösten. Jede*r kann´s – im Prinzip… 

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Ich muss lachen – jetzt beim Schreiben dieses Artikels wird mir das klar – wenn ich daran denke, welche Sorte von exakt zwei Telefonaten ich in letzter Zeit jeden Abend geführt habe: Ich hatte eine schreckliche Grippe, mit schlimmem Husten, Fieber, etc. und dazu noch Magen-Darm! Mann, ging’s mir schlecht! Also rief ich fast jeden Abend bei meiner Mama an – erstes Telefonat -, die mich tröstete. Nach einer Woche sagte ich: „Ach, das tut gut, mir jeden Abend ein bisschen Mitgefühl von dir abzuholen“, worauf sie mit Nachdruck sagte: „Du hast mein vollstes Mitgefühl!“ Später am Abend rief zu dieser Zeit immer meine Tochter an, die kurz vor einer großen Reise stand, aber vergessen hatte ihren Reisepass zu verlängern, dadurch kein Visum bekam, noch im Unklaren über die beste Reiseroute war, dazu körperliche Beschwerden hatte… Mann, ging’s ihr schlecht! Und da war ich dann in der Rolle derjenigen, die tröstete… Aber was für ein Geschenk, dass wir uns gegenseitig hatten.

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Spaßprogramm heute? Na ja – was ich jetzt erzähle, war für meinen Ältesten, als er drei Jahre alt war, nicht direkt spaßig. Aber vielleicht müsst Ihr trotzdem schmunzeln: 

Es klingelt an der Tür. Mein Sohn ist mit seinem Freund draußen, Roller fahren. Noch im Flur höre ich ihn schon bitterlich weinen und als ich erschrocken die Tür aufmache, steht er da, ein Häufchen Elend: Hände, Knie, Nase – alles blutig aufgeschlagen – Rollerunfall: „Er hat gar nicht gebremst, und dann ist er in den Gartenzaun gefahren!“, erzählt sein Kumpel, noch ganz verwundert über so viel Tollkühnheit… Ich hole meinen Sohn ins Haus, setze ihn auf meinen Schoss, tröste ihn und lasse mir alle Wunden zeigen. Da nimmt er meine Hand, legt sie auf sein Knie und sagt: „Fühl mal, Mama, wie’s weh tut!“

Und wenn Ihr gerade keine Mama zur Hand habt oder sonst jemanden, dann nehmt Euch einfach selbst in den Arm und sagt ganz liebevoll zu Euch: „Mann, das ist wirklich hart gerade.“ Versucht Geduld und Verständnis mit Euch selbst zu haben. Wer, wenn nicht Ihr? 

Welche Erfahrungen habt Ihr mit „Trost spenden“ gemacht? Decken sie sich mit den meinen oder seht Ihr die Sache ganz anders? Ich freu mich über Eure Kommentare!

Ihr Lieben, seid behütet in diesen Zeiten! Alles Gute!

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Immer schön langsam, Hase… 

Küchen ohne Musik sind natürlich die traurigsten Orte der Welt. Deswegen habe ich so ein multifunktionales Gerät auf dem Regal stehen, Ihr wisst schon, CD-Spieler, Radio, alles in einem. Der Bluetooth-Anschluss funktioniert seit einer Weile mit meinem Uralt-Smartphone nicht mehr, aber es gibt ja Aux-Kabel. Damit höre ich oft über Spotify Musik, wenn ich in der Küche schnipple oder brutzle oder spülen muss. So weit, so gut. Was ich an dem Ding aber gar nicht mag, ist seine Geschwindigkeit: Damit die blauen Buchstaben auf dem Display erscheinen, muss ich mindestens zwei Sekunden lang den Finger auf dem On-Knopf lassen. Und wenn ich eine CD hören möchte, das gleiche Spiel: Nur mal kurz über die Tasten huschen, und es macht sein Maul auf, damit ich eine CD einlegen kann? „Nicht so hastig!“, scheint es zu sagen und schiebt den CD-Teller erst nach so langer Zeit und so dermaßen langsam aus seinem Inneren, dass ich es mir manchmal schon anders überlegt habe.

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Außerdem hat es schwache Nerven: Erstens mag es nicht so gerne laut: „MAX!!!“ für „maximale Lautstärke“ schreibt es mir in zitternden blauen Buchstaben schon bei einer Lautstärke, bei der vielleicht meine liebe, zartbesaitete Lateinlehrerin aus dem vorigen Jahrtausend, Frau Drechsler, Musik gehört hätte („Ruuuuhe, bitte!“, sagte sie immer, ganz leise, indem sie eine Hand erhob, den Zeigefinger auf den Daumen legte und dazu wie ein kleines Vögelchen, das aus dem Nest gefallen ist, mit großen, verzweifelten Augen umherschaute… ) und: Wenn ich ganz schnell leise machen möchte – kommt ja mal vor – und den Lautstärkeknopf dazu flott nach links drehe, wird mein Gerät erstmal lauter! Ich schwöre!! So, als brächte es diese schnelle Anforderung völlig aus dem Gleichgewicht.

Ich muss zugeben, dass ich mich von ihm bevormundet fühle. Weil es mir einfach seine Geschwindigkeit aufoktroyiert. Und das Gerät in der Küche ist nicht das einzige, das sein Spiel mit uns treibt: Unser Fernseher geht seit langer Zeit ein- , zweimal pro Abend einfach aus. Völlig kommentarlos. Die Mattscheibe wird komplett schwarz – so, als wolle der Fernseher in Peter-Lustig-Manier sagen: „Leute – was für eine Zumutung hier! Abschalten! Und dann ab an die frische Luft!“ 

Auch mein Laptop weiß in letzter Zeit besser, was für mich gut ist, als ich selbst: Alle paar Tage geht es einfach nicht an, so, als wolle es sagen: „Schon wieder, Hase? Wir haben doch erst gestern… Ich glaub, ich hab Kopfschmerzen…“ Zum Glück hat mein Sohn recherchiert und eine bestimmte Tastenkombination gefunden, die ich eingebe  – und dann lässt das Ding mich noch exakt 5 Minuten zappeln, bevor es zweimal laut aufstöhnt und dann doch die roten Blumen, die meinen Bildschirmhintergrund darstellen, erscheinen lässt, und ich gnädigerweise das Passwort eingeben darf – das übrigens so was wie „100%wiederhergestellt“ lautet, nur so als kleine tägliche Erinnerung an mich, wo ich hin will… 

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Ich glaube, die technischen Geräte in unserem Haus sind einfach Anhänger von „Slow Living“ – „Langsam Leben“, dieser Bewegung, die in den 1980er-Jahren mit „Slow Food“ als Gegensatz zu „Fast Food“ begonnen hat. Ursprünglich wollte sie die traditionelle, naturverbundene Art Nahrung zu produzieren und zu genießen, hochhalten, aber diese Bewegung hat sich auf das gesamte Leben ausgebreitet. Es gibt Hunderte von Artikeln, Büchern, Blogs und Podcasts zum Thema – und während jeder Mensch natürlich seine eigenen Prioritäten hat, geht es für alle doch darum, unserem hektischen Lebensstil mehr Langsamkeit entgegenzusetzen – beim Essen, in Beziehungen, der Liebe, beim Kindererziehen, bei der Arbeit… Brooke McAlary, deren Blog „Slowyourhome“ oder auch ihr Buch „Slow. Einfach leben“ ich Euch sehr ans Herz legen möchte, schreibt:  

„Slow living ist eigentlich ein wunderlicher Mix aus Vorbereitet-Sein und bereit sein loszulassen. Aus sich mehr zu kümmern und sich weniger zu kümmern. Aus präsent zu sein und Dinge einfach sein zu lassen. Aus die wichtigen Dinge zu tun und die unwichtigen zu vergessen. Geerdet und frei. Schwer und leicht. Organisiert und flexibel. Komplex und einfach. Es geht darum, das überflüssige Zeug in unseren Häusern loszulassen, zu lernen achtsam zu leben, mit den persönlichen Werten in Kontakt zu kommen und sich dafür zu entscheiden, sie ins Zentrum all dessen, was wir tun zu setzen.“ 

Klingt für mich total anziehend, aber auch irgendwie schwierig, auch wenn sie das sehr schön gesagt hat. 

Aber perfekt ist bestimmt auch nicht „slow“, also dürfen wir uns mal wieder an ein Ideal annähern und uns schon bei unseren unperfekten Versuchen gut fühlen. Gupta, mithilfe dessen Programm ich gesund werde von ME/CFS, sagt auch, dass wir alles 30% langsamer machen sollen. 30%! Was für eine Herkules-Aufgabe für jemanden wie mich, der schon immer alles schnell gemacht hat: reden, schreiben, rennen… bis ich ausgebremst wurde. Aber jetzt, wo meine Kräfte zurückkehren, merke ich natürlich, dass ich gerne einfach so weitermachen würde wie damals, bevor ich krank wurde. Aber es soll nicht sein. Es tut mir nicht gut.

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Ich akzeptiere also, dass meine Geräte slow sind und gehe mit dem Flow – ich habe schon mehrmals einfach fünf Minuten meditiert, während ich darauf wartete, dass mein Laptop ansprang, und darauf bin ich ganz schön stolz. Und hej, ich stelle fest: Die kleine cremefarbene Teekanne aus Porzellan, in der ich abends oft Tee mache, und die ich wunderschön finde mit ihrer runden Form, ist gar keine Fehlkonstruktion! Bisher tropfte sie immer wie blöd, wenn ich Tee ausgoss  – mache ich aber 30% langsamer, fließt der Tee in einem einzigen schönen, ununterbrochenen Strahl in mein Tässchen…

Liebe Leute, „slow“ lässt sich auf jeden Lebensbereich anwenden, also auch auf Weihnachten – „slow christmassing“ sozusagen… Für mich bedeutet das jetzt, am Nachmittag, in der Dämmerung, den Adventskranz anzuzünden, uns eine Tasse Tee zu machen und mit meinem Mann und Sohn ganz gemütlich am Tisch zu sitzen, während sie von der Arbeit erzählen – ohne dass ich gleichzeitig noch die Spülmaschine ausräume oder Weihnachtskarten schreibe oder Listen anfertige… Einfach dasitzen, zuhören und sehen, wie es draußen dunkel wird. Sehr entspannend. Und ich hoffe, ich erinnere mich daran, dass unperfekt okay ist, wenn die Feiertage kommen… mit mir als unperfekter Gastgeberin… als unperfektem Gast… 

Wie geht es Euch damit? Was würden „langsame Weihnachten“ für Euch bedeuten? Oder überhaupt „Slow Living“? Das interessiert mich sehr und ich würde mich sehr über Eure Kommentare dazu freuen. (Und die müssen auch nicht perfekt sein!)

„Ich rate, lieber mehr zu können, als man macht, als mehr zu machen, als man kann, bis man so viel macht, wie man kann.“

– Bertolt Brecht (zugeschrieben) –

Passt das nicht wunderbar – zum Thema und auch zu ME/CFS, der Krankheit, bei der Pacing, also das Abstimmen der eigenen Geschwindigkeit auf das eigene Energielevel, absolut unerlässlich ist?

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Diese tanzenden Engel sind mir auf einer Waldwanderung begegnet – bestimmt haben sie ihr eigenes, schönes Tempo gefunden…

Spaßprogramm, wie immer an dieser Stelle? Klar: Mein ältester Sohn geht ein paarmal im Jahr in ein Zen-Kloster und er kommt immer völlig zentriert und tiefenentspannt wieder. Es wird viel meditiert, aber auch gearbeitet und auch beim Arbeiten wird versucht alles achtsam zu tun. Letzten Sommer jedoch stand ein besonderer Einsatz bevor: Es galt, die Klärgrube, die verstopft war, komplett auszuheben – bei 35 Grad! Wir fragten ihn entsetzt, als er davon erzählte: „Wie habt ihr das bloß gemacht?“ Er grinste und sagte: „Och – langsam halt.“

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Frohe, frohe Weihnachten Euch allen! Ganz herzlichen Dank für Eure Treue, liebe Leser*innen! Ich freue mich auf 2020, ein weiteres Jahr mit meinem Blog – und wünsche uns, dass das das Neue Jahr randvoll sein möge mit Heilung, mit Wiederherstellung, aber auch mit Akzeptanz dessen, was ist, mit Spaß und Lachen und schönen Begegnungen und Erlebnissen – möge es ein gesegnetes Jahr für uns alle werden. Alles Gute!

Ditschitäll Dietocks

 

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„Dann musst du aber auch spätestens um acht Uhr im Bett sein“, meint mein Mann und grinst herausfordernd. Schluck. Ohgottogottogott … Bei dieser „Vorschul-Therapie“, die ich mir selbst ausgedacht habe, gäbe es nach 20 Uhr tatsächlich kein Programm außer Heia machen mehr für mich.

Das Problem: Ich bin, wie fast alle ME-Patienten, immer total aufgedreht, kann öfters nicht gut schlafen, mein Herz klopft schon beim Aufwachen… Ich weiß, dass dadurch, dass ständig Stresshormone ausgeschüttet werden, mein Körper, z. B. mein Immunsystem, sehr belastet ist. Tut nicht gut und fühlt sich auch nicht gut an. Ich will das abstellen, unbedingt.

Die Lösungsidee: Wie wäre es, wenn ich ein Leben führte, dass dem ähnelte, das ich gelebt habe, als ich ca. fünf Jahre alt war? Keine Bildschirme, die mich trotz Blaulichtfilter doch irgendwie wach machen, kein Whatsapp, kein Youtube (Facebook habe ich nicht mal), keine Flut an nützlichen und unnützen Informationen, alle Reize, denen man sich aussetzt, deutlich eingeschränkt – sogar keine Zeitung und keine Bücher, die mich auch aufregen können! Denn als Vorschulkind kann man in aller Regel noch nicht lesen… okay, ich konnte es schon, aber egal… und auch kein Selber-Autofahren, was für mich oft stressig ist… Dafür manchmal Langeweile, unausgefüllte Zeit, die gut tut, auch wenn man das in dem Moment nicht so empfindet. Gerade als Hochsensible und als ME/CFS-Patienten ist es doppelt und dreifach wichtig, sich vor viel zu vielen Reizen zu schützen. Vielleicht ist es kein Wunder, dass diese Krankheit erst seit 25 Jahren so richtig auf dem Vormarsch ist, wie mein Neurologe meinte.

Aber Schlafengehen um 20 Uhr? Auf keinen Fall! 

Ich werde das ab nächster Woche ausprobieren, nehme ich mir vor, für drei Tage erstmal. Montag geht es los. So sitze ich also jetzt am Sonntag Abend vor meinem Handy und will die Nachricht formulieren, mit der ich allen Bescheid sage, dass ich in den nächsten Tagen nur per Festnetz, Post oder Brieftaube erreichbar sein werde – und schaffe es nicht. Was?? Ab jetzt keine interessanten Youtube-Filmchen mehr gucken? Keine Strand- und Essensbildchen mehr von den Freundinnen anschauen, die gerade im Urlaub sind? Kein Durchblättern des Kochbuchs, das ich gerade geschenkt bekam oder durch meine heißgeliebten Zeitschriften – und den neuen Roman von Karin Kalisa, der schon auf dem Wohnzimmertisch liegt, soll ich jetzt auch nicht sofort anfangen? Was soll ich um Gottes willen denn sonst mit mir anfangen?? 

Puh, ich merke tatsächlich, wie mir das passiert, von dem alle berichten, die „digital detoxen“: Panik. Das hätte ich wirklich nie gedacht, gar nie. Aber ich finde den Gedanken an diesen Verzicht so grauslig, dass ich die ganze Sache noch verschiebe und den ganzen Sonntag Abend vor allen möglichen Bildschirmen verbringe, bis ich Montag tatsächlich Bescheid sage: Bin drei Tage offline. Ich mach ditschitäll Dietocks. Digital Detox. Digitales Entgiften.

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1.Tag, Dienstag:

Ich wollte ja nicht, wie sonst sofort nach dem Aufwachen, noch im Bett, zum Handy greifen – aber ich muss. Weil da meine Gupta-Meditationen drauf sind, die ich sonst nirgends habe. Okay, das zählt nicht, denke ich, ich schaue ja nicht auf die Mails oder in Whatsapp rein – und ich tu´s tatsächlich nicht, aber ich sehe, dass ich sieben neue Mails habe. Das kann nur bedeuten, dass jemand auf meinem Blog etwas geschrieben hat – Mann, ich bin so neugierig – was das wohl ist? Ich werde gleich total aufgeregt… und denke die ganze Zeit bei Guptas „Welle der Heilung“ daran; auch während ich versuche 10 Minuten im Schneidersitz selbstständig zu meditieren. Nach dem Duschen: keine Zeitung. Ich habe aber eh nur wenig Zeit, denn ich will mit einer Freundin nach Tübingen – Mist, wo ist mein Rouge – wenn ich jetzt WhatsApp hätte, hätte ich gleich mal eine anklagende Nachricht an meine Tochter geschrieben, die ich letztens damit gesehen habe – oh, da liegt es ja auf meinem Schreibtisch – gut, dass ich nicht gleich schlechte Stimmung verbreitet habe!

In Tübingen genieße ich es sehr, durch die netten Gässchen mit den Fachwerkhäusern zu laufen; hier fühle ich mich wohl, hier habe ich studiert… wenn nur nicht dauernd der Impuls da wäre, auf dem Handy nachzugucken, ob jemand was von mir möchte. Ich habe zu Hause nicht Bescheid gesagt, dass ich hier bin, weil mein Sohn noch schlief. Als ich heimkomme, liegt da ein süßer Zettel mit Grinsgesicht auf dem Esstisch: Mein Sohn schreibt mir, dass er mit Freunden unterwegs ist. So ein handgeschriebener Zettel macht mir viel mehr Freude als eine Whatsapp-Nachricht mit Emoji, stelle ich erstaunt fest. Ich nehme mir vor, wieder mehr richtige Karten, zum Beispiel zum Geburtstag, zu schreiben. Weihnachtskarten hatte ich eh nie abgeschafft, aber immer viele gekauft und nur wenige tatsächlich verschickt… 

Und am Abend stelle ich fest: Ich kann Ukulele spielen, einen Spaziergang machen, Musik hören, telefonieren, mit den Nachbarn in der Sonne ein Schwätzchen halten, längst gekaufte Tulpenzwiebeln eingraben – es gibt tatsächlich ein Leben noch im Analogen! (Und ich muss  nicht um acht Uhr ins Bett, weil mir die Ideen, was es noch zu tun gäbe, ausgegangen wären!)

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2.Tag, Mittwoch:

So, jetzt ist es passiert: Ich hab’s nicht mehr ausgehalten – heute hab ich in meine Mails geguckt – aber erst, nachdem ich noch im Bett eine geführte Gupta-Meditation gemacht habe, dann geduscht, dann Yoga-Sonnengruß ausgeführt, dann noch 10 Minuten meditiert, zenmäßig, ohne Anleitung, einfach nur atmend und an nichts denkend (theoretisch) – und erstaunt festgestellt habe: Meditieren geht ohne vorherige Ablenkung ja sowas von viel leichter! Unglaublich! Vielleicht tauge ich ja doch dazu!! Ich finde mich super, kompetent, tatkräftig und willensstark – bis ich kochen will und dazu Musik hören, was ich gerne mit Spotify tue. Also mache ich doch das Handy an, weil ich Spotify dort installiert habe  – und meine Neugier wäscht in einer großen Welle die ganzen guten Vorsätze weg und ich schaue doch glatt in die sieben Nachrichten rein – tatsächlich, eine sehr nette Nachricht aus meinem Blog… aber ich ärgere mich doch über mein Schwachwerden.… 

Dafür bemerke ich, dass ich es total genieße, mich beim Kochen nicht unterbrechen zu lassen von den Nachrichtensignalen auf dem Handy: Ich mache Kürbissuppe und erledige einfach einen Schritt nach dem anderen, bis die dampfende Suppe auf dem Tisch steht – und erinnere mich, wie ich es immer so anstrengend fand, als die Kinder klein waren, dass ich nichts am Stück erledigen konnte, weil ständig jemand dastand, der eine Rotznase oder einen Popo hatte, die abgewischt werden wollten, oder Streit mit dem Geschwister und ein höchstrichterliches Urteil erwartete oder … wie oft habe ich mich darüber beklagt! Und jetzt beschere ich mir diese Unterbrechungen dauernd selbst! Und finde das ganz normal. 

Am Nachmittag beim Aufräumen in der Küche höre ich Musik und als ein tolles Lied kommt, tanze ich durch die Küche dazu… bis etwas Komisches passiert: Ich werde trotz des fröhlichen Liedes ganz traurig. Traurig über diese bescheuerte Krankheit, traurig über all die Schicksale, die ich so mitbekomme, traurig über das viele Leid… traurig auch darüber, dass ich seit Wochen wieder so schmerzende Beine habe und leichtes Halsweh, vielleicht ist das ein Rückfall… ich lasse aber die Tränen einfach fließen und danach nehme ich mir Zeit, all die Gedanken und Gefühle aufzuschreiben, was mir sehr gut tut. Wenn ich mich durch WhatsApp oder die neuesten Wetternachrichten hätte ablenken lassen, wären die Gefühle nicht so direkt gekommen, davon bin ich überzeugt. Wahrscheinlich hätte ich erst ein Symptom wie Kopfschmerzen oder so entwickeln müssen, um dem Ganzen Raum zu schenken. Ich bin froh, dass es diesmal anders lief. 

Am Abend des zweiten Tages stelle ich fest, dass ich deutlich ruhiger bin als gestern. Kann Zufall sein. Noch eine Nacht und einen Tag und eine Nacht. Ich schaffe das. Ich bin stark.

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3. Tag, Donnerstag:

Ich bin schwach und ich schaffe das nicht. Brooke McAlary beschreibt das Gefühl, das sie sich gegenüber hatte, als sie lernen wollte achtsamer zu sein, so: Man fühlt sich wie die Heldin in einem Horrorfilm: Man wünscht ihr ja, dass sie durchkommt, drückt ihr alle Daumen, aber sie stellt sich halt auch so unbedarft an und macht dauernd die gleichen Fehler wieder: Schaut nicht hinter der Tür nach! Glaubt, das Monster, das auf dem Boden liegt, sei tot, dabei verstellt es sich nur! Wähnt sich sicher in ihrem Auto! Ach… Genauso geht’s mir auch, als ich heute Morgen sehe, dass ich wieder viele Mails habe – ich muss einfach nachschauen… und nehme mir damit einen Teil der Konzentration fürs Meditieren, so unglaublich das zunächst klingt. Aber: Wie ich in der Psychologie Heute lese, schreibt der Neurowissenschaftler Daniel J. Levitin in seinem Buch „The Organized Mind“: „Jedes gelesene Status-Update auf Facebook, jede triviale Entscheidung… wie… welche der 20 Kaffeesorten im Supermarkt die beste ist, nimmt Energie für die wichtigeren Angelegenheiten im Leben.“ Das Gehirn erschöpfe sich schnell, weil es ständig entscheiden muss, ob Informationen wichtig sind oder nicht. Es ist in einer Zeit entstanden, in der viel, viel weniger Infos auf uns zugekommen sind. Und das überforderte Hirn kann sich dann nicht mehr richtig konzentrieren. Klingt eigentlich doch logisch. 

Aber es gelingen mir auch Dinge: Gerade esse ich oft allein und ich schaffe es zum Beispiel beim Frühstück, nicht dabei die Zeitung zu lesen, sondern nur aus dem Fenster zu schauen. Am Anfang denke ich noch: Was, so lange nichts anderes tun als essen, bis die ganze Müslischale leer ist? Wie langweilig! (Eigentlich verrückt, oder?) Aber es geht tatsächlich. Und am Nachmittag bleibe ich nicht eine uneingeplante halbe Stunde vorm Zeitmagazin hängen, wie sonst jeden Donnerstag, sondern stelle das Bügelbrett auf die sonnige Terrasse und mache mich über die Bügelwäsche her… zur Abwechslung mal ganz schön, den Boden des Wäschekorbs sehen zu können… 

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Und irgendwann gehe ich am Ende des dritten Tages ins Bett, schlafe gut und ziehe am Morgen des nächsten Tages ein Fazit:

  1. Tiefenentspannt fühle ich mich jetzt nicht die ganze Zeit, ein bisschen ruhiger aber schon. Ich habe den Eindruck, dass ich nur länger so leben müsste, dann würde es besser helfen. Drei Tage sind einfach zu wenig dafür.
  2. Ich habe sehr gut geschlafen in der Zeit.
  3. Ich kann viel besser meditieren, wenn ich vorher nicht online war.
  4. Ich will wieder mehr handgeschriebene Karten verschicken.
  5. Ich darf auch hier gnädig mit mir sein, mir inkonsequentes Handeln verzeihen und mich einfach wie die bedauernswerte Heldin in einem Horrorfilm fühlen, hihi…
  6. Ich habe festgestellt, dass ich sehr oft am Tag Dinge ganz unbewusst, so nebenbei tue – wie aufs Smartphone gucken z. B., weil das Gehirn eben so heiß auf alles Neue ist – und mir das aber gar nicht gut tut, weil dies oft verlangt, dass ich sofort reagiere; kann ich das nicht, beschäftigt es mich weiter – ich nehme mir vor, alle Dinge bewusster zu tun, mich wirklich dafür zu entscheiden.
  7. Ich habe einen besseren Zugang zu meinen Gefühlen und Gedanken, wenn ich nicht dauernd abgelenkt bin.
  8. Nach 21.30 Uhr, zwei Stunden, bevor ich das Licht ausmache, lasse ich alle Bildschirme ab jetzt in Ruhe.
  9. Ich kann sehr gut leben ohne zwanzigmal am Tag, warum auch immer, die Wettervorhersage zu checken!
  10. Ich bin – vorläufig? – kuriert von YouTube. Auch jetzt, zwei Wochen nachdem ich das Experiment beendet habe, gucke ich nicht mehr. 

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Und was ich auch weiß: In mir gibt es eine kleine Chaotin, die sich einen Pfifferling um ein zenmäßig geregeltes, zuckerfreies, intervallfastendes, bewusstes  Leben schert. Der muss ich auch gerecht werden. Ich beschließe, sie Freitag Abends in Ruhe zu lassen – da darf sie alles tun, was sie will, und wenn sie dann halt nicht schläft… ihr Pech… und den ganzen Sonntag lang natürlich auch! 

Bei Brooke McAlary, deren sehr persönliches, ehrliches Buch „Slow – Einfach leben“ ich erst nach meiner digitalen Auszeit entdeckte, habe ich übrigens eine simple Lösung gefunden: Man muss ja Mails und WhatsApp nicht schon auf dem Startbildschirm installiert haben – dann ist die Versuchung schnell nachzuschauen, nicht mehr so groß, wenn man eigentlich gerade nur an bestimmte Dateien möchte. 

Sie hat noch mehr gute Tipps wie

  • keine Handys am Tisch
  • Schlafzimmer sind monitorfreie Zonen
  • keine Bildschirme am Morgen
  • Signaltöne ausschalten
  • ein Einschlaf- und Aufwachritual etablieren
  • soziale Plattformen nur auf einem Gerät checken
  • E-Mails nur dann lesen, wenn genügend Zeit zum Antworten vorhanden ist
  • Zeitschranken einführen
  • ab und an offline gehen
  • bestimmte, ablenkende Apps vom Smartphone löschen.

Alles in allem: Es hat sich sehr, sehr gelohnt. Viel Überraschendes ist zutage gekommen. Bitte, liebe Leser*innen, vor allem Ihr Digital Natives, vielleicht mögt Ihr es auch einmal ausprobieren! Ihr Letztgenannten kennt das Leben ja gar nicht anders! Ich würde mich total freuen, wenn Ihr mir von Euren Erfahrungen berichtet. Im besten Falle winkt die Belohnung im Form von verbesserter Konzentration, effektiverem Arbeiten bei gleichzeitigem Gefühl weniger um die Ohren zu haben – einfach einem entspannteren Leben… 

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Die Fotos von heute sind übrigens aus dem Schönbuch, dem Naturpark quasi direkt vor unserer Haustür, für den ich unendlich dankbar bin. Was gibt es Entspannenderes als einen Waldspaziergang? Und der Herbst ist meine absolute Lieblingszeit im Wald – die bunten Farben, die würzigen Gerüche!! Und zur Zeit gibt es so viele Pilze, wie ich noch nie in meinem Leben gesehen habe! Vor ein paar Tagen habe ich zum ersten Mal auch am helllichten Tag eine Herde Wildschweine über einen Waldweg rennen sehen, mit mindestens 10 kleinen Frischlingen – und ganz nah! Süß, aber ein bisschen unwohl war mir danach doch… Passend dazu gibt’s im heutigen Spaßprogramm einen Witz: 

Ein Pilzsammler beobachtet zwei Jäger, wie sie ein geschossenes Wildschwein mühevoll zu ihrem Auto ziehen. Nach einiger Zeit lacht er und sagt: „Kein Wunder, dass ihr euch so schwer tut. Ihr zieht ja entgegengesetzt zur Richtung der Borsten.“ Die beiden bedanken sich für den guten Tipp und ziehen nun weiter in Richtung der Borsten. Nach einigen Minuten sagt der eine Jäger zum anderen: „Also, leichter geht es schon, aber leider entfernen wir uns so auch immer mehr von unserem Auto!“

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Alles Gute, Ihr Lieben! Und berichtet mir bitte, bitte, wie´s war, als Ihr digital gedetoxt habt!!

„Es wird höchste Zeit, sich um die Bedürfnisse unseres Gehirns zu kümmern.“

– Daniel J. Levitin –

 

 

 

 

 

Quentin Tarantino, ein rosa Klo und ich

 

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Herrlich, einfach herrlich: Dieses Klo, drei Meter hohe Decke, Altbau, ist halbhoch in dem unverschämtesten Schweinchenrosa gestrichen, das ich je gesehen habe. Und das Beste: Wenn man das Licht einschaltet, springt das Radio an, das jemand auf ein Regal in luftiger Höhe gestellt hat – und alle Lichterketten, die sich um den Spiegel und durch den Rest des Raumes winden, fangen an zu leuchten! Eine unerwartete Explosion für alle Sinne. Wahnsinn. Ich liebe es. Ich liebe die Farbe Rosa, ich geb’s an dieser Stelle zu, und ich liebe den kreativen Vibe, den dieses Klo und die ganze dazugehörige Studenten-WG ausstrahlt – auch wenn man sich die Kloschüssel besser nicht genau anschaut, auch wenn der Wanne im Bad, die von orangefarbenen Roststreifen verziert ist, gerade die komplette Vorderfront fehlt, so dass man auf grauen Mörtel und Estrich guckt, sobald man den Blick vom silbernen Gaffa-Tape, das rings um den Rand geklebt ist, gelöst hat – auch wenn der Küche die Arbeitsplatte abhanden gekommen ist und der sich gelb verfärbte Kleber auf dem Schränkchen darunter sich anklagend wie ein schlimmer Ausschlag ins Licht streckt – aber es steht ein Klavier im Flur, denn hier wohnen Musiker, und Gitarren lümmeln auf dem weißen Sofa, und ein wunderschöner blau-roter Perserteppich liegt da – und es gibt Fischgrät-Parkett, einen tollen Balkon ins Grüne und ein himmelblaues Treppenhaus mit kunstvoll blau-bunt verzierten Glasfronten zu den Wohnungen, die bestimmt 100 Jahre alt sind, und beim Reinkommen riecht es nach frischer Farbe und Zitronen – und all das mitten in der Stadt, nur fünf Gehminuten vom angesagtesten Platz mit der besten Eisdiele überhaupt entfernt.

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Ich beneide die Leute, die hier wohnen ein bisschen, irgendwie. Auch wenn mir gerade einfällt, als ich das Licht in der Toilette an und aus mache, nur aus Jux und Tollerei, dass unser Klo zu Hause tatsächlich auch rosa ist, halt nur ganz zart, und die Kinder haben vor Jahren eine Wand bunt bemalt, mit Regenbogen, Blumen, Grinsgesichtern und viel Fantasie… Eine Art Seelenverwandtschaft also, von Klo zu Klo. Obwohl ich eine Ahnung habe, dass diese Toilette hier doch anders ist, also – anders gemeint… ich glaube fast, all das hier ist ironisch gemeint… glaube ich – was meint Ihr? Irgendwie so cool halt.

Eine Offenbarung in Richtung Coolness hatte ich vor sehr langer Zeit: Da kam in den Skaterladen, in dem mein Sohn damals seine Klamotten kaufte, ein junges Mädchen herein, die eine beigefarbene patentgestrickte Wollmütze auf dem Kopf trug, die meine Oma im Winter höchstens noch zur Gartenarbeit angezogen hätte, wenn es im Winter etwas im Garten zu arbeiten gegeben hätte. Sie hatte sie nicht ordentlich am Rand aufgerollt oder umgeschlagen, sondern trug das ziemlich lange Ende wie eine Schlumpfmütze tief im Nacken. Auf ihrer Nase prangte eine riesige Hornbrille, die sehr ernsthafte Sparkassendirektoren in den 70er-Jahren trugen – ich konnte einfach meine Blicke nicht von ihr wenden und begriff damals zum ersten Mal: Es gibt Menschen, die meinen ihre Klamotten nicht so, wie sie sie tragen. Auch dieses Mädchen musste wissen, dass es eigentlich Vorteilhafteres für sie gegeben hätte – aber sie wollte es eben genau so – sie trug ihre Klamotten nicht im Ernst, sondern sie waren ironisch gemeint. Das fand ich ziemlich cool, aber ich wusste: Für mich würde das nie in Frage kommen…

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Und jetzt, wie ich am Küchentisch sitze, der natürlich nicht fehlt, an diesem wackligen, unendlich gemütlichen Küchentisch, bin ich ein bisschen wehmütig. Denn hier, zwischen den vielen Weinflaschen im Regal und den vertrocknenden lila Astern auf dem Balkon, riecht es nach Freiheit und Abenteuer, nach durchgemachten Nächten, nach Unabhängigkeit, nach Neubeginn im Denken und Fühlen, nach ersten Malen aller Art, nach Kultur und Kreativität … genau davon hätte ich gerne auch ein bisschen mehr, bitte. Ich bin schon so lange einfach nur mit Gesundwerden beschäftigt…

Was wohl Quentin Tarantino zu diesem Klo sagen würde? Letztens sah ich ihn im Fernsehen, lässig redend, mit einem schwarzen T-Shirt, auf dem „classicism“ stand, und ich verstand nicht, warum. Da traf es mich wieder wie eine Offenbarung: Dieser Mann und seine Filme, die ich eigentlich nur vom Hörensagen kenne, weil ich jegliche Art von Gewalt einfach nicht anschauen kann, da sie mir körperlich weh tut – also dieser Mann, der Schöpfer von „Kill Bill“, „Inglorious Basterds“ und seinem neuesten Werk „Once Upon a Time in Hollywood“ und ich, wir sind so unterschiedlich, wie Menschen nicht unterschiedlicher sein können: Der Mann wirkte einfach so unendlich cool. Wieso bin ich nicht auch cool, fragte ich mich dann, ich bin es nicht und war es nie … dann aber die plötzliche Erkenntnis: Dazu bin ich nicht auf die Welt gekommen. Ich bin nicht auf die Welt gekommen, um Filme zu machen, in denen Gewalt eine große Rolle spielt, offensichtlich gute Filme, wohlgemerkt! Ich will hier nicht urteilen über etwas, das ich gar nicht gesehen habe!

Ich bin dazu auf die Welt gekommen, zu sein, wie ich eben bin, hochsensibel, empathisch, verträumt manchmal, oft unorganisiert und Unordnung verbreitend, mit einem Faible für die Farbe Rosa, das ich nicht ironisch meine (na ja, außer Schweinchenrosa vielleicht) und einem Talent für Sprache und dafür, Leuten das Gefühl zu geben willkommen zu sein … kennt Ihr das auch, dass manchmal eine Erkenntnis vom Kopf ins Herz rutscht, so dass man sie dann erst wirklich richtig begriffen hat? Nicht nur verstandesmäßig, sondern samt dazugehörigem Gefühl? Eigentlich wusste ich das nämlich alles längst, theoretisch, aber beim Anblick dieses so unglaublich selbstsicher wirkenden Tarantinos, sagte ich mir: Probier’s gar nicht erst, so zu sein wie er, das hat keinen Sinn – und das ist auch gar nicht deine Aufgabe. Zum ersten Mal gab ich mir die Erlaubnis, genau so zu sein, wie ich bin. So uncool.

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Was ist meine Aufgabe? Als ich noch berufstätig war, habe ich es geliebt, Menschen Worte an die Hand zu geben, mit denen sie ihre Gefühle und Bedürfnisse ausdrücken konnten, in Konfliktsituationen zum Beispiel, mithilfe der Empathischen Kommunikation nach Rosenberg oder der Erkenntnisse aus der Systemik oder ihnen interkulturelle Kompetenz zu vermitteln. Und ich liebe es mich selbst auszudrücken, beim Schreiben, Tanzen, Singen, Ukulele spielen, Malen, Schauspielern … und das konnte ich auch mit meinen TeilnehmerInnen in meinen Kursen machen, was einfach wunderbar war… und eigentlich macht Tarantino das ja auch, sich ausdrücken – halt nur ganz, ganz anders als ich…

Und im Moment, wo ich noch nicht wieder arbeite, halte ich mit meinen Fähigkeiten die Familie zusammen, denke ich. Gebe den Kindern noch ein bisschen Wurzeln, noch ein bisschen Gelegenheit zum Reden und Zuhören, da ich die Zeit gerade habe, damit sie ihre Flügel spreizen können – was sie ja auch schon tun.

Als ich wieder zu Hause bin, gehe ich in meinen kleinen, aber feinen Garten (nicht nur auf einen Balkon!) und freue mich an dem Anblick des frisch eingeölten und gar nicht wackligen, sondern sehr stabilen Gartentisches, an dem es sich auch herrlich sitzen lässt, noch dazu unterm Apfelbaum. Und eine Arbeitsplatte hat doch auch noch nie geschadet, denke ich, als ich in meine Küche gehe… nur Lichterketten! Die fehlen uns noch im Klo! Aber, denke ich hoffnungsvoll, jetzt haben wir Ende August – bald gibt es Lebkuchen, da können doch Lichterketten auch nicht weit sein. Ich will welche. Viele. Und das meine ich gar nicht ironisch!

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Und ich kann doch auch mit meinen noch begrenzten Möglichkeiten mehr Kultur in mein Leben holen – letztens hatte ich so eine Stimme im Kopf, die sagte: Geh mal in die Staatsgalerie, such dir ein Bild aus, setz dich stundenlang davor – das hilft dir runterzukommen und zu gesunden. Das mach ich am nächsten Regentag!

Und heute Abend stoße ich mit einem Glas Lillet – die Entdeckung des Sommers für mich! – auf uns an und sage: „Quentin Tarantino – du, die rosa Klos und ich – wir sind alle okay so, wie wir sind. Voll okay. Cheers!“

„Coolness kannst du dir nicht kaufen. Cool bist du dann, wenn du ganz du selbst bist. Aber versuch ja nicht, cool zu sein – das ist extrem uncool.“

-Will Smith-

Spaßprogramm darf nie fehlen an dieser Stelle! Also erzähle ich euch, was mein kleiner Nachbar Lukas und ich letztens erlebt haben: Lukas ist vier Jahre alt und total süß, wie aus dem Bilderbuch, mit großen blauen Augen und Haaren, die er fast schulterlang und gelockt trägt… Er spielte mit seiner etwas älteren Schwester bei uns auf der Wendeplatte „Pferdles“, dazu hatte man ihm ein rotes Geschirr um den Bauch gelegt und seine Schwester, die die „Zügel“ in der Hand hielt, und er galoppierten immer im Kreis. Das war ein so netter Anblick, ich habe mich so gefreut, als ich die beiden gesehen habe – „Pferdles“ war definitiv eines meiner Lieblingsspiele, als ich ein Kind war – und heutzutage ist das auch noch beliebt! Wie schön! Hurtig rannte ich in den Garten, wo Gott sei Dank Pferdefutter auf dem Rasen wächst – Klee, Löwenzahn, Gänseblümchen – rupfte zwei große Hände voll aus, lief zur Wendeplatte und hielt den beiden das Grünzeug mit den Worten hin: „Hier, schaut mal, Futter für die Pferde!“ Die Schwester bedankte sich artig, aber Luki schaute mich total erschreckt an, bekam große Augen, wandte sich ab, rannte zur Oma, die auch zuschaute, versteckte sich hinter ihrem Rücken und dort begann er laut zu schluchzen. Ich hatte so eine dumpfe Ahnung, was los war, die sich bestätigte, als ich seine Oma sagen hörte: „Nein, Luki, du musst das Gras nicht fressen. Die Carola wollte doch nur mitspielen.“ Der arme Kleine, hochsensibel auch er, bestimmt… Aber seither frage ich mich: Wie der kleine Quentin wohl reagiert hätte??

Was mich brennend interessieren würde: Wie geht´s Euch mit „Coolness“? Steht Ihr auch auf Dinge, die andere uncool finden? Mögt Ihr dazu was schreiben?

Liebe Grüße!

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Glücklich im Schneidersitz

 

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Im Schneidersitz sitzt das junge Pärchen auf dem harten Kiesweg zwischen den Weizenfeldern, ohne Unterlage, die glücklich wirkenden Gesichter der gerade untergehenden Sonne zugewandt. Sie schauen und reden und lachen, umgeben von roten Mohn- und blauen Kornblumen – und sie wärmen mein Herz, wie sie da so sitzen, vielleicht süße 17 Jahre alt. Es freut mich so, dass die jungen Leute sich spontan die Zeit nehmen, dieses Schauspiel zu genießen, den goldfarbenen Himmel, die Strahlen der sinkenden Sonne, die sich ins immer heller werdende Blau verlieren. Als ich näher komme, liegt es mir auf der Zunge zu sagen: „Wie ihr da so sitzt, das wärmt mein Herz!“, aber vielleicht würden sie mich für eine komische Alte halten, so redet man bei uns nicht mit Fremden, also lächle ich bei ihrem halbherzigen Versuch mir auszuweichen, der natürlich scheitert, wenn man im Schneidersitz im Kies sitzt, und um sie zu entlasten, weil ich merke, dass es ihnen unangenehm ist, mir den Weg zu versperren, sage ich: „Ihr macht alles richtig!“ Da lacht der Junge und das Mädchen auch und sie ruft: „Der Himmel sieht heute Abend ganz besonders schön aus, das kann man sich doch nicht entgehen lassen!“, und ich gebe ihr recht und dann unterhalten wir uns noch darüber, wie gut der frische Wind tut, der jetzt nach der grandiosen Hitze des Tages vom Tal herauf weht und im Gehen meine ich: „Dass sich so junge Leute wie ihr die Zeit nehmen, den Sonnenuntergang zu betrachten, macht mir Hoffnung“, und ich lege die Hand auf mein Herz, und da lachen sie wieder und wünschen mir einen schönen Abend. 

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Ich gehe mit einem warmen Gefühl den Weg hinunter Richtung Tal. Sie machen wirklich alles richtig und ich hatte es in letzter Zeit vergessen, wie das geht: sich Zeit zu nehmen für die wirklich wichtigen Dinge. Ich habe mich in den letzten Monaten irgendwie verloren, seit Wochen spüre ich das. Immerhin spüre ich es jetzt. Etwas fehlte: Lebendigkeit, Intensität, die war da die letzten Jahre, trotz oder gerade wegen der Krankheit – vor allem, als ich anfing zu gesunden und jedes kleine Zwischenziel wie eine Königin feierte. 

Wie konnte es aber kommen, dass ich mich in der Außenwelt verloren habe? Zum einen glaube ich, dass es im Februar begann mit meinem neuen Kleiderschrank und dem großen Ausmisten – seither habe ich den Blick nur auf die Welt der Dinge gerichtet und nicht mehr so sehr auf die Innenwelt. Habe Videos auf YouTube geguckt, wie man richtig aufräumt, wie man seine Garderobe optimiert… all diese Dinge. Im Urlaub auf Korsika, wo wir im Juni wieder waren, ist dieses Gefühl, das mir etwas fehlt, gekommen und die Lebendigkeit langsam zurückgekehrt. Bei langen Strandspaziergängen, beim spontanen Mitternachtsbad im Meer, vom Vollmond beleuchtet und von Leuchtplakton begleitet, beim Lachen auf dem Balkon mit meiner Tochter, während wir die herrliche Aussicht genossen haben… Ich muss, ich darf diese Lebendigkeit pflegen, indem ich mir wieder Zeit nehme fürs Meditieren, das ich immer noch langweilige finde, das mir aber trotzdem gut tut. Für Yoga. Für die Übungen aus dem Gupta-Programm. Für Kreativität, fürs Schreiben an meinem Blog, so wie jetzt.

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Zum anderen gestehe ich mir gerade ein, wer noch daran beteiligt war, dass ich mich verloren habe: Es sind die Wildschweine in meinem Kopf, die Antreiber, die inneren Kritiker, die Entwerter, die sagten: Ach komm, lass es, die Welt braucht deinen Blog nicht, sie kann sehr gut ohne ihn leben, es ist alles eh nicht wichtig. Befördert durch die Erlebnisse in der Selbsthilfegruppe im März: Ich wollte gerne erzählen, dass ich wieder gesund werde mit Gupta – beim letzten Mal, vor zwei Jahren, hat mich die Leiterin quasi in der Luft zerrissen, und gemeint, Gupta sei kompletter Blödsinn. 

Es fällt so gut wie allen ME/CFS-Kranken schwer sich vorzustellen, dass diese Krankheit mit ihren so überwältigenden Symptomen etwas mit unserer Psyche zu tun haben könnte. Klar weiß man, dass man vor einer Prüfung vor Aufregung Durchfall bekommen kann oder nasse Hände – aber diese abgrundtiefe Erschöpfung, diese Reizempfindlichkeit und Nervosität, die Nerven- und Muskelschmerzen, die Sehstörungen, das ständige Halsweh, die Missempfindungen, die Konzentrationsstörungen und das ultraschwere Krankheitsgefühl nach Belastung? Alles ausgelöst durch Stress???  – das kann sich keiner vorstellen, ich am Anfang auch nicht. Aber als ich merkte, dass ich durch Meditation die Muskelzuckungen verringern konnte, wurde ich neugierig – und ehrlich gesagt, ich hatte ja auch keine anderen Optionen. Es gibt ja keine Medikamente. Also öffnete ich mich für die Idee, dass Stress der Auslöser sein kann – und ich bin fast wieder gesund, mithilfe des Gupta-Programms. 

Als im März klar war, dass es eine neue Leitung der Selbsthilfegruppe gibt, bin ich nochmal hingegangen zu einem der Treffen – die alte Leiterin hatte mich übrigens einfach vom Verteiler gestrichenen, dermaßen war ich zur Persona non grata geworden – aber anstatt meine Freude teilen und anderen Hoffnung machen zu können, wie ich mir das vorgestellt hatte, traf ich diesmal auf etwas, das man nur mit „freundlichem Desinteresse“ bezeichnen konnte. Die neue Leiterin ist wirklich eine Seele von Mensch – aber auch jetzt wollte keiner hören, wie man es machen kann ohne Medikamente wieder gesund zu werden. Alle warten nur auf eine Wunderpille, ist mein Eindruck, die es bisher noch nicht gibt. Es war eines der seltsamsten Erlebnisse meines Lebens, denn ich weiß genau, wenn ich jemanden treffen würde, der sagte, er gesunde von ME/CFS, würde ich ihn dermaßen löchern, wie er das gemacht hat … aber es kamen keine Fragen, nichts. 

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Meine Therapeutin meinte: „Die Leute sind in einer Problemtrance. Sie können nichts hören, was sie da heraus holen könnte.“ Ja, wenn man die Idee hat, dass ME/CFS unheilbar ist, dann können all die Leute, die sagen, sei seien gesund geworden, nicht wirklich ME/CFS gehabt haben… Das ist mir schon öfter begegnet. Wobei mir natürlich bewusst ist, dass ME/CFS viele Auslöser habe könnte. Man weiß es ja einfach nicht, es gibt viel zu wenig Forschung in dieser Richtung. Ich weiß nur, dass es sich für mich absolut gelohnt hat, mich für die Idee zu öffnen, dass meine Art Stress zu erleben und zu verarbeiten diese Krankheit bei mir ausgelöst hat, weil darin der Schlüssel zu meiner Heilung liegt – für mich und für Tausende anderer ja auch, die wieder gesund geworden sind. 

Nach dem Treffen war ich unglaublich frustriert, traurig und demoralisiert. Es ist einfach nur unendlich schade für die, die heilen könnten! Aber wer weiß, vielleicht war ja jemand unter den 27 Leuten, der sich angesprochen gefühlt hat und ich habe es halt nicht gemerkt? Ich habe keine Lust mehr zu einem weiteren Treffen zu gehen, die Erfahrung war zu enttäuschend – und auch viel zu aufregend für mich, seither bin ich nämlich so nervös! Das war vorher schon viel besser! 

Danach habe ich mich einfach ins Außen gestürzt, ausgemistet, arrangiert, organisiert… um nicht diese Stimmen in meinem Kopf hören zu müssen, die sagten: „Lass es, die, die es betrifft, wollen eh nicht hören, wie man gesunden könnte…“ und auch die Miesmacher, die jedesmal, wenn ich mich an den Computer setze, kommen und sagen: „Ach, Carola, so wie das letzte Mal kriegst du’s eh nicht mehr hin…“ Und auch die nicht, die sagen: „Wenn die anderen nicht gut finden, was du machst, ist es nichts wert!“ Die vor allem, merke ich gerade. Verrückt.

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Aber jetzt, wo mir das klar ist, erwacht mein Kampfgeist – ich mache weiter. Beim Schreiben wird mir vieles klarer, so wie jetzt auch, und es macht mir so Spaß! Ich zwinge ja keinen, diesen Blog zu lesen, verdammt… Und ich habe noch sooo viele Ideen!! Und kennt Ihr das auch? Dass Ihr das Gefühl hattet, Ihr könntet etwas Schönes geben, aber die, für die es gedacht war, wollen es gar nicht haben?

Also, liebe Leute, macht’s gut, jetzt will ich in den Garten gehen, meine Yogamatte ausrollen, wie ich das in den letzten Tagen immer morgens gemacht habe und den „Sonnengruß“ machen und ein bisschen unterm Apfelbaum meditieren, während der Duft von Sommerflieder und Phlox mich umhüllt, der warme Wind um meine Beine streicht und die Amsel im Vogelbad hinter mir plätschert… Und dann bin auch ich tatsächlich glücklich im Schneidersitz.

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Halt, Spaßprogramm nicht vergessen, wie immer an dieser Stelle! Ich erzähle Euch einfach, was ich letztens beim Vogelbad beobachtet habe: Ein Amselpärchen hüpft heran, die Männchen sind schwarz mit gelbem Schnabel, die Weibchen braun, daran kann man sie leicht unterscheiden. Er darf zuerst rein, natürlich, spreizt die Flügel, plustert und plätschert, macht und tut, und genießt es sichtlich, sich bei der großen Hitze abzukühlen, während sie daneben ein bisschen im Gras pickt, hier und da, scheinbar desinteressiert,  aber eigentlich darauf wartet, dass sie auch mal darf. Endlich ist er fertig, aber als sie ins Bad hüpft, will er mit rein. Das möchte sie jedoch unter keinen Umständen, sie pickt nach ihm, zetert, aber so schnell gibt er nicht auf, immer, wenn sie ihn vertrieben hat, steht er wieder da, doch sie bleibt hartnäckig – jetzt ist sie an der Reihe, und zwar ganz alleine!  Schließlich will er nur noch vom Beckenrand zugucken, aber auch das lässt sie nicht zu – sie hackt nach ihm, rennt dem Fliehenden nach, so lange, bis er gebührend Abstand hält – mit dem Rücken zu ihr! Erst, als er sich tatsächlich abgewendet hat und nicht mal mehr guckt, ist sie zufrieden und genießt ihrerseits das frische Wasser, benässt sich, trinkt und tropft… ich musste so lachen. Und Ihr hättet mal sehen sollen, als sie fertig war – da hüpfte er demonstrativ wieder rein, und mit doppelt so lautem Getöse wie vorher badete er nochmal – spreizte sein Gefieder, schüttelte sich und zeigte allen anderen, wer seiner Meinung nach der Herr im Bade ist… 

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Das folgende Zitat ist mir übrigens zugefallen – im wahrsten Sinne des Wortes: Als ich fertig war mit diesem Beitrag, fiel ein Buch von Frédéric Lenoir aus meinem Bücherregal, an dem ich schon tagelang nicht mehr gewesen war (das ist wirklich wahr, ich schwöre): „L´Âme du Monde“ – darin war eine einzige Stelle angezeichnet und die muss ich Euch zeigen, ich habe ja gar keine andere Wahl: Nachdem Lenoir beschrieben hat, dass der Mensch nie zufrieden sein wird, mit dem was er hat, dass „Dinge“ ihn nie zur Ruhe bringen können, weil er immer nach „noch mehr“ strebt, sagt er: 

„Pour être heureux, l´homme doit quitter la logique de l´avoir pour passer a celle de l´être. …  C´est de découvrir que le bonheur et le malheur sont a l´intérieur de nous, et non dans les choses ou les événements extérieurs.“

„Um glücklich zu sein, muss der Mensch die Logik des Habens verlassen und zu der des Seins vorstoßen… Es bedeutet zu entdecken, dass das Glück und das Unglück in uns liegen und nicht in den Sachen oder äußeren Ereignissen.“ 

– Frédéric Lenoir –

Ist das nicht unglaublich, wie gut das hier passt? 

Allerdings: Es ist deutlich einfacher ohne eine doofe Krankheit glücklich zu sein, finde ich – aber es gibt welche, die sind trotzdem glücklich – und es gibt welche, die haben eigentlich alles und sind trotzdem unglücklich…

Was meint Ihr dazu?

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Einen schönen Sommer wünsche ich Euch allen! Mit Zeit und Kraft fürs Draußensein und für Freunde, Feste, Sonnenuntergänge… und alles, was den Sommer so unvergleichlich schön macht…

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Bäääääh, wie lecker!!!

(Ein Wort vorneweg zu den Fotos dieses Beitrags: Ich habe mich auf die Suche nach „Schönheit“ in der Küche und ums Haus gemacht…)

Sie sieht unglaublich leidensbereit aus, aber sympathisch, die kleine sehr, sehr dünne Frau mit den brav zurückgebundenen grauen Haaren und dem schmalen Gesicht. Auf Youtube ist sie gerade dabei, einen Smoothie zuzubereiten, von dem sie sagt, sie habe am Anfang davon würgen müssen, aber jetzt könne sie sich ein Leben ohne gar nicht mehr vorstellen. Tja. Ein Smoothie, der Würgreiz auslöst, aber halt tooootal gesund ist? Der entgiftet? Und von dem ich am Ende auch so eine zauberhafte schmale Taille bekommen werde? Und vielleicht sogar für immer geheilt sein werde von ME/CFS – geheilt, weil rückstandsbefreit? Wär´ das was für mich?

Die Frau ist eine „Jüngerin“ Anthony Williams, der sagt, ME/CFS sei eine Erkrankung, die durch Epstein-Barr-Viren ausgelöst werde. Auch die Schulmedizin hat übrigens EB-Viren im Blick als ME-Auslöser. Stress, aber unter anderem auch hormonelle Umstellungen, wie zum Beispiel in den Wechseljahren (so wie bei mir), ließen die Epstein-Barr-Viren sich vermehren, die auf Quecksilber stehen wie andere auf Gummibärchen, und mit denen 90% aller Erwachsenen in der westlichen Welt schon Kontakt hatten, meint William. Und da sei es nur logisch, dass man das Quecksilber aus dem Körper irgendwie raushauen müsse. Die Leber, die normalerweise fürs Entgiften zuständig ist und das auch super hinbekommt, sei leider durch Schwermetalle, Pestizide, etc., beim modernen Menschen arg geschwächt und brauche Unterstützung.

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Abdruck Teebeutel mitsamt Etikett auf Untertasse

 

Bei William habe ich auch gelesen, dass u.a. Gerstengraspulver und Spirulina-Algen die ganzen Quecksilber-Rückstände aus meinem Körper entfernen werden, die bei mir natürlich da sind, weil ich massive Amalgam-Füllungen in meiner Jugend eingebaut bekommen habe. Nichtsahnend habe ich mir das Zeug kommen lassen – hm, Gerstengraspulver riecht nach Heu, ich bin ganz angetan. Dann mache ich die Packung mit dem Spirulina auf und sofort wabert eine Wolke grünen Feinstaubs heraus, die unglaublich übel riecht. Ich mische zwei Teelöffel des Pulvers mit Wasser, so wie von William empfohlen – und fasse es einfach nicht, was für eine stinkende, giftgrüne Brühe da entstanden ist: Genauso gut hätte mir jemand vermodertes Teichwasser anbieten können, mit den Hauptnoten verrotteter Pilz und vergammelter Fisch… bah, wirklich, wer so was trinkt, hat doch mit dem Leben eh schon abgeschlossen, denke ich… Und das sage ich, die sich fast klaglos an den Geschmack von Jiaogulan-Tee gewöhnt hat, den Freunde, die nicht so leidensbereit sind, „Selbstmord-Tee“ genannt haben! Aber er war zumindest noch als Nahrungsmittel zu identifizieren…

Anthony William. Das ist nun wirklich Glaubenssache. Ein Freundin hat mir sein Buch „Mediale Medizin“ empfohlen und ich konnte es gar nicht aus der Hand legen, weil alles, sobald man sich auf die unglaubliche Geschichte, die er erzählt, eingelassen hat, einen Sinn ergibt: Er höre seit seinem vierten Lebensjahr eine göttliche Stimme, die ihm erzähle, wie es um die Gesundheit aller Menschen um ihn herum bestellt sei. Als erstes diagnostizierte die Stimme Lungenkrebs bei seiner Oma, die daraufhin erschreckt zum Arzt ging und feststellen musste: Der Vierjährige hat Recht. Lange Zeit sei es ihm lästig gewesen, besonders als Teenager, eine Zeitlang habe er sich aber auch für den tollsten Hecht im Teich deswegen gehalten – er erzählt mit so viel Offenheit, dass ich ins Grübeln kam: Was, wenn er Recht hat?

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Morgensonne auf der Schlafzimmerjalousie

 

Seine Erklärung für ME/CFS beißt sich nicht direkt mit der von Gupta – Stress spielt bei beiden eine entscheidende Rolle. Aber während Gupta Wert auf Entspannung legt, um die Stresshormone wieder ins Lot zu bringen, legt Williams Wert auf die richtige Ernährung, um das gestresste Immunsystem zu stärken – er empfiehlt z. B. auch, sich einen Entsafter zu kaufen und jeden Tag einen halben Liter Selleriesaft zu trinken. Boh, Selleriesaft… ich hab mir mal welchen aus dem Reformhaus geholt – sehr gewöhnungsbedürftig – und sauteuer: 200 ml kosten knapp acht Euro – aber ein Entsafter! Wer will schon 600 Euro für so ein Monsterteil, das die Hälfte meiner Arbeitsfläche in der Küche zustellen würde, ausgeben? Andererseits: Viel Obst und Gemüse, kein rotes Fleisch und Milchprodukte, kein genmanipuliertes Essen wie Soja, kein Zucker und kein Weißmehl, etc. – William ist ja nicht der Einzige, der das erzählt. Klingt eigentlich ganz vernünftig, finde ich. Und bei mir ist in der Richtung doch noch einige Luft nach oben…

Sein Buch erklärt seine ganz eigene Thesen zu den Gründen für die Krankheiten, die gerade in aller Munde sind: Borreliose, Hashimoto, Gürtelrose, Multiple Sklerose, Migräne, Depressionen und natürlich ME/CFS – und einiges mehr… Er hat Vorschläge für eine heilsame 28-Tage-Saftkur, für Meditationen und betont die hilfreiche Rolle, die Engel im Leben spielen können – wobei ich wirklich lachen musste, als er sagte, dass diese keinen Bock hätten, sich die ständigen Selbstgespräche der Menschen anzuhören und darauf zu warten, bis sie vielleicht irgendwann einmal das Wort an sie richteten – nein, wenn man möchte, dass die Engel wirklich helfen, dann muss man schon laut und deutlich mit ihnen reden – also, ich hab’s ausprobiert – ich finde, es hilft! Und ist deutlich angenehmer als Algen zu schlucken, die im brackigen Wasser vor Hawaii aus dem Meer gefischt wurden…

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Brezelabdrücke auf Backpapier

 

Die kleine Frau im Internet hat eine große Küche, in der ein Entsafter locker Platz findet. Leider habe ich noch nicht herausgefunden, an was genau sie gelitten hat. Aber richtig, richtig wie das pralle Leben sieht sie auch nicht aus… Ich überlege also noch und gebe solange das Rezept weiter, das sie von William hat für einen Smoothie, der den abgrundtief schlechten Geschmack von Spirulina vielleicht übertüncht:

2 reife Bananen

2 Tassen wilde Blaubeeren

1 Tasse Koriander

1 Tasse frisch gepresster Orangensaft

1 TL Gerstengraspulver

1 TL Spirulina

1 kleine Handvoll atlantische Dulse/Lappentang

 

Lappentang!! Das hört sich auch gar, gar nicht lecker an… Ich habe meiner Freundin Heidi, die sich auskennt mit allen Säuen, die gerade so durchs Dorf getrieben werden, von Spirulina erzählt und sie meinte lapidar: „Nur böse Geschmäcker killen Quecksilber. Die Story muss halt passen.“ Will sagen: Bös muss bös vertreiben. Aber sie habe es auch daheim… Tja, so ist das mit der Ambiguitätstoleranz, einer der Hauptqualifikationen dieser Zeit und besonders als interkulturelle Trainerin, als die ich vor meiner Erkrankung gearbeitet habe: Heutzutage muss man einfach Widersprüche aushalten können…

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Im Hof unseres Kaminbauers 

 

Leute, ich werde es ausprobieren und berichten. In letzter Zeit geht es mir energiemäßig eigentlich sehr gut, vielleicht eine Folge auch des Intervallfastens, das ich seit ca. 4 Wochen mache: Ich esse einfach nachts nichts. Super Idee, werdet Ihr sagen, wir auch nicht, weil, da schlafen wir! Jaha, aber bei mir dauert es 14 bis 16 Stunden, bis ich meinem Magen wieder etwas zumute. Am Anfang war ich ein bisschen benommen, wenn ich ohne Frühstück einen Spaziergang gemacht habe, aber es wird besser. Ein Kilo habe ich auch verloren. Sehr gute Blutwerte – bis auf Entzündungswerte – hatte ich erstaunlicherweise immer, da erwarte ich nicht die große Veränderung, die sich sonst wohl einstellt beim Intervallfasten. Aber es fühlt sich gut an, mal wieder richtig, richtig Hunger zu haben. Und dann zu merken: Oh, der geht ja weg, wenn ich einfach nichts tue. Dann kommt er irgendwann wieder und wenn ich dann etwas esse, esse ich mit noch größerer Leidenschaft als sonst… auch schön! Und was das Beste ist: In der Zeit, in der Essen erlaubt ist, darf man einfach alles essen – ohne schlechtes Gewissen, das mich seit meiner Jugend beim Essen begleitet! Das finde ich wunderbar…

Aber: Noch vor kurzem hätte ich nicht die Kraft dazu gehabt – und in meiner ganz akuten ME/CFS-Phase schon gleich gar nicht. Da darf man sich nicht überfordern, auch wenn man mit angucken muss, dass der Zeiger auf der Waage fröhlich nach oben klettert, weil man sich ja nicht bewegen kann – und Essen doch fast die einzige Freude ist, die einem noch bleibt…

Und gut, wenn ich das giftgrüne Zeug gar nicht runterbekomme, dann kann ich’s doch immer noch zum Ostereierfärben nehmen – das werden die allergrünsten Eier, die wir je hatten! Aber, gibt mein Sohn zu bedenken, „am Ende überträgt sich der Geschmack!“ Au weia. Dann lieber doch nicht.

Liebe Leser und Leserinnen, habt Ihr Erfahrung mit sowas? Das würde mich sehr interessieren!

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Granatäpfel: so schön – und gut gegen Epstein-Barr-Viren, sagt William

 

Und was gibt’s heute als Spaßprogramm, wie immer an dieser Stelle? Einen Nachtisch mit Kirschen, deswegen total gesund: Monchéris. Viele. Und zwar schnell, bevor die Sommerpause beginnt. Halt! Da ist Zucker drin! Ach, ich finde, auch hier gilt es Ambiguitätstoleranz zu zeigen und Widersprüche einfach … aufzuessen!

„Ich bin einfach, kompliziert, selbstlos, egoistisch, unattraktiv, schön, faul und voller Tatendrang.“

– Barbra Streisand –

Wird Carola vielleicht ein normaler Mensch?

Ich räume auf. Seit Tagen. Ich kenne mich selbst nicht mehr. Ich gucke Videos im Internet von Marie Kondo, der zierlichen Japanerin, die aussieht wie ein süßes Püppchen, die´s aber knallhart drauf hat, das Aufräumen. ( Marie Kondo räumt auf ) Mit ihren Büchern und ihrer Netflix-Serie ist sie zur Zeit in aller Munde. Ich wage einen Blick in Fächer, in die ich seit Jahrzehnten immer nur Zeug reingestopft habe und selten etwas rausgeholt, miste aus, fahre zum Diakonie-Laden mit Bergen von Klamotten, mit Krimskrams und zur Bücherei mit Wäschekörben voller Bücher. Ich glaube fast… also… ich glaube fast, ich werde normal. So ein ganz „normaler“ Mensch, der Sachen kauft oder geschenkt bekommt, sie benutzt und wenn er sie nicht mehr schön oder nützlich findet und sie auch keinen sentimentalen Erinnerungswert mehr für ihn haben, dann einfach weggibt oder wegschmeißt.

Marie Kondo sagt: „Nimm die Dinge in die Hand – und wenn du dann keine Freude empfindest, dann tu sie weg“. Und sie sagt auch: „Bedank dich bei den Dingen, bevor du sie weggibst.“ Das finde ich super. Es kommt meiner verrückten Seite sehr zugute, die allen Dingen einen sentimentalen Erinnerungswert zuschreiben möchte – na ja, fast allen. Außerdem sagt sie: „Ehre das Haus, in dem du wohnst.“ Sie kniet sich tatsächlich hin, bevor sie aufräumt und erweist der Wohnung ihre Ehre. Das finde ich auch klasse.

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Gefühle spielen eine so große Rolle beim Aufräumen, habe ich gemerkt. Ich bin ein kleiner Messie. Kein so ein schlimmer, bei dem man sich in der Wohnung zwischen Gängen von Zeugs und Müll wie in einem Mäusebau den Weg bahnen muss und in dem die Spüle, ja, sogar die Betten nicht benutzbar sind, weil überall Zeug liegt. So schlimm beileibe nicht! Aber ich neige zum Sammeln, zum Horden, am liebsten Bücher und Zeitschriften… Und irgendwie habe ich eine große Zuneigung zu den armen Menschen, die nichts wegwerfen können. Ich kenne das, dass einem Dinge ein Gefühl von Sicherheit geben.

Ganz ehrlich, lacht nur, aber es gibt die Theorie, die sagt, wir seien zu früh aufs Töpfchen gesetzt worden, zu früh gezwungen loszulassen… Ich meine, wer weiß das schon? Vielleicht können nur verrückte Theorien „ver-rücktes“ Benehmen erklären… (Und verrückte Therapien können verrückte Krankheiten heilen! So, wie die Gupta-Therapie meine Krankheit ME/CFS heilt!) Oder auch, dass uns nicht genug gestattet war, unser Leben so zu gestalten, wie wir das wollten, so dass wir gar nicht das Gefühl entwickeln konnten von Selbstwirksamkeit, von: Ich kann meine äußere Umgebung beeinflussen und es ist wichtig und okay, was ich darüber denke und fühle. Ich muss das nicht anderen überlassen, die das angeblich besser können.

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Ich habe in letzter Zeit verstanden: Um gesund zu werden, sein Leben in die Hand zu nehmen, gibt es keinen anderen Weg, als sich erstmal radikal selbst anzunehmen – mit den Falten, den Spleens, dem Bäuchlein, der Krankheit … mit allem Unperfekten eben. Erst das, dann das andere. Es fiele mir nicht so leicht Dinge loszulassen, wenn ich mir jetzt selbst nicht Sicherheit geben könnte – durch Selbstannahme. Davon bin ich überzeugt. Ich kann mir auch vorstellen, dass sich das für Leute, die damit kein Problem haben, völlig verrückt anhört. Für die Tüchtigen, die Zupackenden, die Macher… Die, die das Glück gehabt haben, entweder mit einem bestimmten Temperament geboren worden zu sein oder die dazu ermuntert worden sind, ihrem eigenen Urteil zu vertrauen und sich etwas zuzutrauen. Letzten Endes sind alle „Verrücktheiten“ nur die logische Folge von bestimmten Ausgangssituationen, glaube ich.

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Und wie bin ich dahin gekommen, dass ich plötzlich loslassen kann? Erinnert Ihr Euch an die Wildschweine? Die, die ich aus meinem Kopf verbannt habe? („Wildschweine in meinem Kopf“ vom Oktober 2018)  – An die entwertenden Stimmen, die mein Leben lang gesagt haben: „Du bist nicht gut genug, wenn du nicht perfekt bist“? In einer Sitzung bei meiner Verhaltenstherapeutin habe ich eine solche Wut auf diese Stimmen bekommen, die mich mein Leben lang geknechtet haben! All die vergeudete Lebenszeit! Das Aufschieben aus Angst vor unperfekten Resultaten! Das Ja-Sagen, obwohl mir viel mehr nach „Nein!!“ zumute gewesen wäre – all der Stress!!!!!. Nie mehr wollte ich das zurückhaben, nie, nie mehr. Und tatsächlich merke ich jetzt genau, wenn diese Stimmen sich wieder melden – immer, wenn ich anfange, scheinbar grundlos unzufrieden oder traurig zu werden, dann sind sie am Werk, machen alles schlecht, weil es angeblich nicht perfekt sei und wollen mich vor sich hertreiben. Aber nicht mehr mit mir! Ich sehe es jetzt immer deutlicher, wenn ich wieder an einem Scheideweg bin: Ich kann ihnen glauben und den Weg nehmen, der in die Selbstabwertung führt – oder ich glaube ihnen nicht und halte dagegen: Niemand muss perfekt sein. Perfekt ist überhaupt nicht mehr gefragt und war es übrigens auch noch nie. Verpisst euch, bevor ich die Treibjagd auf euch eröffne…

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Der Anlass für die Aufräumaktion ist übrigens, dass ich einen neuen Kleiderschrank bekomme; der alte ist kaputt. Der neue, ein antiker, der gerade noch hergerichtet wird, ist deutlich schöner, da er nicht zu wesentlichen Teile aus Pressspan besteht… (oh! drei „s“ in Pressspan! Ich liebe das! Fast hat man das Gefühl, heutzutage dürfe man so viele Buchstaben nehmen, wie man gerade Lust hat…) Aber mein Neuer ist auch deutlich kleiner – also muss ich loslassen… und stelle fest: Ich kann das. Bei manchen Dingen ist es allerdings nicht so leicht, vor allem bei Geschenken … aber im Prinzip kann ich das.

Es hat keine Würde, nach unerreichbarer Perfektion zu streben und sich dadurch fertig zu machen.

Es hat keine Würde, in einem Wust aus Zeugs zu leben.

Ich erobere mir meine Würde zurück.

Ich scheine ein normaler Mensch zu werden.

„Affirm with me: It is easy for me to change.“

„Bekräftige es mit mir: Es fällt mir leicht mich zu ändern.“

Louise Hay

Also, ehrlich gesagt: Leicht fällt es mir nicht! Und oft falle ich in alte Muster zurück! Aber auch da darf ich gnädig mit mir sein. Und man kann ja schon mal so tun, als ob… um den Respekt vor der großen Aufgabe zu verlieren…

Für das Spaßprogramm dieser Woche habe ich lange überlegt – aber mir ist einfach nichts Besseres eingefallen als: Ausmisten. Ich werde mich jetzt weiter ranmachen und eine kleine Extratour über meinen Schreibtisch machen, der seit Monaten nicht aufgeräumt wurde. Als ich noch sehr krank war, habe ich einfach alles, was ankam, darauf gelegt – ich hatte einfach nicht die Kraft. Aber jetzt hätte ich sie – ich muss es nur tun – erst die Bücher, sagt Marie Kondo, die darauf liegen, dann das Papier und daraufhin das „Verschiedene“, auch „Kruscht“ genannt… Ich habe ein bisschen Angst davor, aber ich freue mich auch drauf – und das ist so ziemlich das Verrückteste, das ich jemals von mir gegeben habe! Als Einstimmung können die, die des Englischen mächtig sind, ja mal gucken, wie Jimmy Kimmel sich so anstellt, wenn Marie Kondo zu Besuch bei ihm ist… Marie räumt bei Jimmy Kimmel auf – sehr lustig, finde ich…

Liebste Leser und Leserinnen – wie geht’s Euch mit dem Aufräumen? Was hilft Euch? Wo sind die Grenzen? Erzählt doch mal, vielleicht können wir uns gegenseitig motivieren! Ich bin sehr gespannt.

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PS: Die Fotos für diesen Beitrag habe ich im Winter gemacht, als es an manchen Tagen Raureif hatte. Ich liebe die Veränderung, die dadurch in der Natur entsteht – manche Konturen werden hervorgehoben, andere verschwinden – aber insgesamt werden die Dinge auch härter natürlich, die Blätter zum Beispiel. Kommt die Sonne wieder, tauen sie auf und dürfen entspannen – vielleicht ist es mit uns Menschen genauso: Manchmal tragen wir die perfekte Maske vor uns her, weil wir glauben, dass Perfektion von uns erwartet wird – aber entspannter sind wir und es geht uns besser, wenn wir loslassen, uns selbst die Erlaubnis geben so zu sein, wie wir in Wirklichkeit sind… und wenn wir ganz entspannt sind, dann funktioniert das mit der Fantasie und wir sehen sogar kleine Eisbären im Schnee…

Ich wünsche Euch eine sehr gute Zeit!

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So was von tüchtig: Die Eiligen Drei Könige

Am sechsten Januar, dem Dreikönigstag, waren die Heiligen Drei Könige bei mir zu Besuch. Die Sternsinger, meine ich, und eigentlich waren es die Heiligen Vier Könige – Caspar, Melchior, Balthasar und Janine. Und eigentlich die Heiligen Vier Königinnen, denn alle Herren waren dieses Jahr Damen.

Es war schon dunkel, wir waren der vorletzte Haushalt von 44 (!) an diesem Tag und sie waren durchnässt vom Dauerregen. Und erschöpft. Also eigentlich ein Zustand, den die Original-Könige bestimmt auch kannten. Und weil der Weg schon lang und beschwerlich gewesen war, sangen sie dieses Mal auch nur ein Lied, nicht drei oder vier wie sonst, die etwas Eiligen Drei Könige, wer mag es ihnen verdenken…  Da sangen sie also, mit ihren zarten Stimmchen, den großen Kinderaugen, ein bisschen schüchtern immer noch, auch nach 42 mal vorsingen. Vielleicht auch nur müde. Aber dafür begleitet vom Akkordeon, das auch ganz nass war. Sie wollten nicht mal mehr Süßigkeiten, bis auf Melchior, der ein Bounty nahm, aber sie sprachen uns den Segen zu, der wieder für ein Jahr reicht. Und sie erneuerten die Kreideschrift an unserer Haustür. 20 * C+M+B+ 19 steht da jetzt also. Christus Mansionem Benedicat – Christus segne dieses Haus.

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Es rührte mich unendlich, wie sie da so standen im Schummerlicht des großen beleuchteten Sterns in unserem Flur: Eine hatte einen orangefarbenen Turban um den Kopf gewickelt, eine andere eine goldene Krone aufgesetzt, die dritte hatte sich mit Mutters Bräunungscreme die Gesichtshaut gefärbt, wahrscheinlich in der Nuance „Hawaiian Tropic“, mehr so eine natürliche Braunfarbe, tiefschwarz ist, glaube ich, nicht mehr politisch korrekt. Wie gesagt – es rührte mich so. Es wird jedes Jahr schlimmer mit mir – kennt Ihr das auch, dass Euch Eure Großmutter mit zitternder Stimme alles, alles Gute zum Geburtstag gewünscht hat? So eine werde ich auch mal, ich merk´s genau. Was soll’s. Ich hatte so eine Freude an dem immer gleichen Ritual und an der Bereitschaft der Kinder und ihrer beiden Begleiterinnen, diesen Tag der guten Sache zu opfern, für behinderte Kinder in Peru Spenden zu sammeln und Leuten wie mir auch noch eine Freude zu machen. So tüchtig. Und was auch sehr schön ist: Der 6. Januar ist mein Geburtstag. Jedes Jahr! Ein bisschen habe ich immer das Gefühl, sie kommen extra mir zu Ehren… Ganz uneitel.…

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Und jetzt dachte ich mir, diesen Segen, den wir an Dreikönig empfangen haben, gebe ich einfach an Euch weiter: Gottes Segen mit Euch, meine lieben Leser und Leserinnen, für jeden einzelnen Tag im Jahr 2019. Möge es ein gutes für Euch werden, an das Ihr Euch gerne erinnern werdet. Es wird Mühsal geben, wie in jedem Jahr, aber mögen die guten Momente, die mit den wunderbaren Erlebnissen und tiefen Begegnungen und auch die mit den kleinen, unerwarteten Schönheiten – wie zum Beispiel Buchstaben-Kerzen auf der Geburtstagstorte! – bei weitem überwiegen. Ein Stück weit liegt es ja immer an uns, worauf wir den Blick heften.

Und möge es uns gelingen, die schönen Momente zu genießen, ohne sie krampfhaft festhalten zu wollen und die nicht so schönen zu ertragen in dem Bewusstsein: Auch dies geht vorbei. Ein bisschen habe ich das gelernt durch ME/CFS, immerhin.

Weil die Sternsingerlein so müde waren, habe ich mich nicht getraut, sie zu fragen, ob ich ein Foto von ihnen machen und veröffentlichen darf – dafür hier eines von den güldenen, aufblasbaren (!) Geburtstagsbuchstaben, die ich dieses Jahr aus Paris von meinem Ältesten und seiner Freundin mitgebracht bekam! Ich finde sie super.

 

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Als Spaßprogramm dient mir wieder einmal der Schatz an Sprüchen meiner Kinder, als sie klein waren – buchstäblich eine Goldgrube: Als mein Ältester drei Jahre alt war, schaute er begeistert die Olympischen Winterspiele mit seinem Papa. „Gell, die Ersten bekommen Gold!“, sagte er einmal, „Ja, ganz genau! Und weißt du auch, was die Zweiten und Dritten bekommen?“ – „Hm – Weihrauch und Myrrhe?“

Güldene Zeiten wünsche ich Euch… alles Gute!

 

„Herr Janosch, wie verabschiedet man das alte Jahr?“ – „Am besten sehr deutlich. Wondrak etwa ruft am 31. Dezember aus dem Fenster: „Hinweg, hinweg, du altes Jahr!“ In der Regel versteht das Jahr und geht.“

Ein Bad im Walde – ohne Schaum, aber sehr schön…

Das Auto habe ich auf dem Waldparkplatz gelassen. Ich nehme den Weg auf die kleine Anhöhe, während ich mir noch den Mantel zuknöpfe und den Regenschirm aufspanne. Ich sauge tief die gute Luft hier ein: Manchmal riecht es im Wald feucht, so wie jetzt, weil es seit Stunden regnet. Manchmal nur frisch, und im Herbst hat es oft nach Blättern gerochen, was mich immer lecker an reife Birnen und Nüsse erinnert. Während ich gehe, fällt mein Blick auf meine braunen Wanderstiefel, die ich über alles liebe. Sie sind aus Leder, riesig und mit ihnen wage ich mich, wie mit treuen Freunden, in jedes Schlammloch und in jede Pfütze auf den Waldwegen, so wie jetzt. Es macht „pling-plinge-di-ding-ding“ auf meinen Schirm und überall auf den Blättern, den Ästen und dem Waldboden. Eine kleine Wassermusik aus Tropfenperlen.

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Hier gibt es Stellen, an denen hauptsächlich Buchen mit ihren glatten Stämmen wachsen, dann wieder Orte mit knorrigen Eichen, vorne an der Kreuzung viele Kiefern, die ich so mag, weil jede mit ihrer wolkigen Baumkrone anders aussieht und oben am geraden Weg stehen junge Birken, die mit ihren weißen Stämmen weithin leuchten.
Ich setze einen Fuß vor den anderen, immer weiter. Und irgendwann kommt der Moment, der eigentlich immer kommt, wenn ich im Wald bin, mal früher, mal später: Ich tue einen tiefen Seufzer. Einen Atemzug der Erleichterung, ein Aufatmen. „All drama remains on stage“ steht angeblich am Abgang jeder englischen Bühne, „Das ganze Drama bleibt auf der Bühne“ – der Wald ist für mich der Ort, wo die kleinen und großen Dramen meines Lebens draußen bleiben. Im Auto, auf dem Parkplatz, oder schon auf dem Weg dahin, lasse ich sie. Natürlich kann ich nicht jeden Gedanken an das, was mich gerade beschäftigt, abstellen und das muss ich auch gar nicht. Aber ich gewinne mit jedem Schritt, den ich tue, Abstand. Ich kann nicht sagen, wie dankbar ich bin, dass ich das wieder kann, was ich mit akuten ME/CFS-Symptomen gar nicht konnte: Im tiefen Wald spazieren gehen, ja, sogar wandern.

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Bewegungsmenschen wie ich, die sich mit Meditation schwer tun, haben hier ihr Refugium: Nicht zu viele Reize und trotzdem gibt’s was zu sehen, zu jeder Jahreszeit etwas anderes, so dass unser neugieriger Geist ein bisschen beschäftigt ist, aber nicht zu sehr – und rumtappen ist ausdrücklich erwünscht… Erst vor kurzem faszinierten mich die bunten Blätterteppiche, die um die Bäume lagen, wie Auslegeware, jeder in seiner ganz eigenen Mischung.

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In Japan schicken sie seit einigen Jahren gestresste Städter in den Wald zum „Waldbaden“ – „Shinrin Yoku“ heißt das. Manchmal habe ich das Gefühl, wenn ich so vor mich hingehe, immer wieder stehen bleibe, um eine Baumkrone zu bewundern oder den sich plötzlich orange färbenden Abendhimmel zwischen den Ästen, weil der Regen aufgehört hat, oder wenn ich dem Gesang der Vögel lausche und dem „Krah-Krah“ der Krähen in der Ferne, oder wenn ich Rehe sehe, erst eines, dann noch eines, wie sie den Weg vor mir kreuzen – oder auch wenn ich vor einer mächtigen Buche stehe und ein nie gekanntes Gefühl der Ehrfurcht mich packt, so dass ich nur ganz langsam wage näher zu treten: Nicht ich bade im Wald, sondern der Wald badet mich. Fürsorglich greift er nach mir, nach meinem Arm, meinem Körper, wischt sachte mit einem großen weichen Schwamm über mich, wäscht mir sanft den Kopf, poliert mir ein bisschen die Nase und die angelaufenen Stellen, so lange, bis sie wieder glänzen … und reinigt meine Seele. Die vor allem. Immer, wirklich immer, mache ich mich mit einem wohligen Gefühl auf den Heimweg. Neu beherzt. Ermutigt und erleichtert. Ich bin dem Wald zutiefst dankbar, dass er wie eine liebe Mama für mich sorgt, ohne Eigennutz, nur auf mein Wohlergehen bedacht.

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Und einmal im Jahr kommt der Wald zu mir nach Hause: An Weihnachten, wenn wir einen Christbaum aufstellen. Dann muss eine arme Nordmanntanne dran glauben und keine winzige noch dazu, denn hier gilt: Mehr ist mehr. Das ist ungefähr so, wie wenn man behauptet, Tiere zu lieben und doch kein Vegetarier ist… Das Leben steckt voller Widersprüche. Ich auch. Aber den Tannenbaum im Haus genießen wir sehr! Der Duft! Die Lichter! Wir haben immer echte Kerzen am Baum… und Strohsterne und all den altmodischen, geliebten Kram. Morgen wird er aufgestellt, was in der Regel immer eine mittelschwere Krise auslöst. Aber dann, wenn er einigermaßen gerade steht: Die Erleichterung! Die Wiedersehensfreude über die altbekannten Engelchen und Krimschen und Krämschen … und dann immer wieder die gleiche Frage: Darf Carola ihre ungezählten Filz-Rotkehlchen und anderen Vögelchen an den Baum hängen?? (Im Ernst: Was ist ein Baum ohne Vögel??) Bisher durfte sie jedes Jahr wieder. Aber die Diskussionen wurden heftiger. Mal sehen, was dieses Jahr passiert… Drückt mir die Daumen.

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Und jetzt: Spaßprogramm! Erst hatte ich mir überlegt, ein Quiz zu machen und Euch zu fragen, was sich hinter dem lateinischen Namen Abies alba verbirgt oder Abies nordmannina… oder etwas ähnlich wahnsinnig Spannendes… aber jetzt will ich doch viel lieber ein Anti-Quiz machen: Denn der Geist der Weihnacht, des Nichts-Leisten-Müssens, des Einfach-so-Angenommen-Seins soll auch in diesem Blogbeitrag herrschen… und deswegen: Wenn Ihr sagt: „Ach, Bäume sind mir eigentlich gar nicht so wichtig, ich bin schon froh, wenn ich einen Weihnachtsbaum von einem Maibaum von einem Wunderbaum unterscheiden kann“ – dann meldet Euch! Jede/r bekommt einen wunderschönen, von mir höchstpersönlich gewaltfrei zusammengebäbbten  weißen, großen Papierstern! Und meldet Euch auch, wenn Ihr Bäume so liebt wie ich! Ihr könnt das entweder tun, indem Ihr unter dem Titel des Beitrags auf „Kommentare“ klickt oder mir über das Kontaktformular in der Menüleiste Bescheid gebt. Ich bin gespannt!

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Und dann muss ich Euch noch was erzählen: Erinnert Ihr Euch an die Zystengeschichte vom Sommer, mit den erhöhten Tumormarkern, wo sie mir im Krankenhaus nicht nur eine Zyste rausnehmen, sondern auch gleich beide Eierstöcke entfernen wollten? Meine Intuition sagte damals ganz klar: Das machst du nicht! Da warten wir schön ab und heilen uns derweil selbst, indem wir uns vorstellen, dass diese Zyste verschwindet. So habe ich mir ein Lied ausgesucht, „Put your records on“ von Corinne Bailey Rae, in dem es heißt: „Three little birds sat on my window and they told me not to worry“… (Put Your Records On,  hier der Link dazu) , habe dazu getanzt, oft, und mir vorgestellt, wie ich High Five mit meiner Gynäkologin mache, weil sie nichts mehr findet und welche Gefühle von Erleichterung und Dankbarkeit mich dann fluten werden – solange, bis ich diese Gefühle schon spüren konnte. (Nichts anderes als das, was das Gupta-Programm auch sagt.) Letzten Montag hatte ich also den Termin zum Nachschauen – die Ärztin macht das Licht aus, so dass es stockdunkel ist, damit sie den Monitor mit den Bildern des Ultraschallgeräts besser sehen kann, fährt auf meinem Bauch herum, hin und her und sagt irgendwann: „Ich finde nichts! Alles weg! Na, man kann sich auch mal positiv überraschen lassen!“ Oh ja, in der Tat!! Und genau, wie ich mir das hundertmal vorgestellt habe, lasse ich meine ausgestreckte Hand in die ihre klatschen und dann wird es in dem dunklen Zimmer ganz hell in mir und Erleichterung und Dankbarkeit fluten mich… ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk, halleluja! Gott ist groß! Amen!
Friedliche, fröhliche, gesegnete Weihnachten für Euch und einen guten Rutsch! Ich hoffe, Ihr könnt Euch diese Zeit irgendwie so einrichten, dass Ihr sie ein bisschen genießen könnt. Vielleicht habt Ihr frei, vielleicht sogar zwischen den Jahren… und Zeit für ein Bad im Walde… Alles Gute!

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“I went to the woods because I wished to live deliberately, to front only the essential facts of life, and see if I could not learn what it had to teach, and not, when I came to die, discover that I had not lived.“

„Ich ging in die Wälder, denn ich wollte wohlüberlegt leben; ich wollte mich nur den wesentlichen Tatsachen des Lebens gegenüber sehen und schauen, ob ich nicht lernen könnte, was es mich zu lehren hatte, denn ich wollte nicht, wenn es ans Sterben ginge, feststellen, dass ich gar nicht gelebt hatte.“
– Henry David Thoreau (1817-1862)