Die Jugend sieht nicht mehr gut – und zieht zu Billy Boy

Vor ein paar Wochen stand ich mit zwei großen Taschen an der Fußgängerampel. Brav wartete ich auf Grün, aber nur, weil neben mir eine Mutter stand, die einen Zweijährigen an der Hand hielt. Man muss ja ein Vorbild sein. Plötzlich hörten wir, wie sich Sirenen näherten. „Aua, laut!“, meinte der Kleine. Er schaute mich an, während er mit seinen Händchen seine Ohren bedeckte und sagte: „Oma auch!“ Ich musste lachen, aber trotzdem: wie uncharmant! Das war das erste Mal in meinem Leben, das mich jemand Oma nannte!

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Keine halbe Stunde später kam ich vom Tanken. Mit mir verließ eine junge Frau, die eine blondgelockte Einjährige auf dem Arm hatte, die Tankstelle. Die Kleine strahlte mich an und winkte mir zu – so süß! Ich winkte zurück. Dann schaute sie mich intensiv an und sagte fragend: „Mama?“ Die Frau, die das Mädchen trug, lachte und meinte: „Nein, das ist doch nicht deine Mama!“ Daraufhin guckte das Kind enttäuscht und startete einen zweiten Versuch: „Papa?“ Da die Mutter schon den Raum verlassen hatte, bekam ich ihre Antwort nicht mehr mit, aber für mich steht fest: Die Jugend von heute sieht nicht mehr gut. Liegt bestimmt am ungezügelten Gebrauch von Smartphones, Tablets, Computern und dem ganzen digitalen Rest. Allerdings könnte es natürlich auch sein, dass das Kind nur wissen wollte: „Du, Frau – bist du auch eine Mama?“ – „Ja, mein Schatz“, hätte ich dann geantwortet, „ich hab´ sogar drei Babys – von denen das mittlere Ende der Woche auszieht.“ Meine einzige Tochter, mein Fröschlein, mein Schnuffelchen, 20 Jahre, zieht aus. Damit ist von meinen Dreien nur noch der Jüngste zu Hause.

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Ich sehe es mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Ihr müsstet mal sehen, wie sie strahlt, wenn man sie darauf anspricht, dann könntet auch Ihr nicht anders als euch mitzufreuen – sie hätte eigentlich schon zum Wintersemester letzten Jahres ausziehen wollen, aber es gab einfach keine Zimmer in der Großstadt in unserer Nähe und auch mit ihrer Gesundheit haperte es. Jetzt hat es endlich geklappt. Eine Dreier-WG in einem Altbau! Mit Balkon! Nur 10 Minuten mit dem Rad bis zur Uni! Und nur vier Häuser von einer ihrer besten Freundinnen entfernt! Und: bezahlbar! So viel Glück auf einmal.

Und auf der anderen Seite… Die Trips zum Drogerie-Markt, die wir in gutgelaunter Frauen-Gemeinschaft unternommen haben, einmal pro Monat, werden so wohl nicht mehr stattfinden. Die abendlichen, gemütlichen Besuche in unseren jeweiligen Zimmern, bei denen wir uns über Gott und die Welt und die Bücher, die wir lesen, ausgetauscht haben… Wie oft kam sie rein und sagte: „Mama – das Buch XY soll toll sein, das will ich mir kaufen – kennst du das?“, und ich ging ans Regal und hatte es schon da… Unheimlich, fast! Die vielen selbstverständlichen Gelegenheiten sich zu treffen, beim Essen, im Bad, etc., bei denen wir uns oft schlapp gelacht haben, weil wir einen so ähnlichen Humor haben, dass wir uns nur angucken müssen oder einen Halbsatz aussprechen und schon gibt’s kein Halten mehr… So wie gestern zum Beispiel: Gefragt, worauf sie sich am meisten in der Großstadt freue, sagte meine Tochter: „Das wird super!! Wenn ich Lust auf Sushi habe, zum Beispiel – dann kann ich mir das in 10 Minuten einfach holen!“ – worauf sie kurz inne hielt – und mir eine Bemerkung auf der Zunge lag – aber sie hat die Pointe selbst gebracht: „Und dann schaue ich in meinen Geldbeutel und stelle fest: Ich hab gar kein Geld für Sushi!“

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Dabei können wir uns auch zoffen, so ist es nicht! Aber genau das schätze ich auch an meiner Tochter: Bei ihr, bei diesem Kind, dessen erstes Wort „Nein!“ war, weiß man sofort, woran man ist. Ich kann unmöglich all ihre weiteren tollen Eigenschaften aufzählen, aber sie macht, dass die Welt ein besserer Ort wird. Sie war mit gerade mal 18 in der Türkei, um dort in Flüchtlingslagern zu helfen, die vom UNHCR nicht erreicht werden. Sie ist letztes Jahr sechs Wochen allein durch Indien gereist und danach hat sie ihre gesamte Zeit und Energie in ein politisches Projekt gesteckt. Nun hat sich dort, wo sie jetzt wohnen wird, eine öffentliche Diskussionsplattform etabliert, bei der alle zwei Wochen die unterschiedlichsten Menschen zusammenkommen, um sich über unser aller Zukunft auszutauschen. Sie hat gleichermaßen Herz wie Verstand. Das finde ich super.

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Als ich 2016 so krank mit ME/CFS war, dass ich nichts im Haushalt machen konnte, hat sie jeden Samstag eingekauft und Staub gesaugt ohne zu murren – wie die anderen auch. Sie war die Erste, die immer wieder gesagt hat, auch als noch gar nichts klar war: „Mama, du wirst wieder gesund. Daran zweifle ich keine Sekunde.“ Ihr Vertrauen hat mir unheimlich gut getan. Im April haben wir den ersten Mutter-Tochter-Urlaub zusammen gemacht, am Bodensee – am Anfang haben wir uns gleich mal richtig gezofft, aber danach lief´s super. Die Fotos, die Ihr dieses Mal seht, stammen von dort… Alles, was sie macht, macht sie mit Herzblut, mit Sensibilität, mit Empathie und mit viel gesundem Menschenverstand. Sie hat einen wachen, beweglichen Geist – und sie ist schon so weise, dass ich glaube, dass sie eine ganz alte Seele ist…. (Und psssst! Bildhübsch ist sie auch noch und sie hat einen tollen Style, aber das darf man heutzutage nicht mehr sagen, weil Äußerlichkeiten sind nicht so wichtig, nicht in ihren Kreisen, Ihr versteht… ) Mit anderen Worten: Sie ist einfach perfekt. Wie übrigens alle meine Kinder und das sage ich mit der 100 prozentigen Objektivität, die das Kennzeichen eines Mutterherzens ist, wie jeder weiß…

Es fällt mir nicht immer leicht loszulassen, ich geb’s zu. Aber weise, wie meine Tochter ist, hat sie mir schon die passenden Worte zugesteckt – das war, als ich vor ein paar Wochen die Gürtelrose hatte. Da gab sie mir ein Kärtchen…

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This too shall pass – auch dies vergeht. Zigmal hat mir dieser Spruch seither schon geholfen – Gürtelrose? This too shall pass. Entzündung im Zeh ist zurückgekehrt? Auch dies vergeht. Mesut Özil lässt ein Foto mit Erdogan machen??? Oh Gott, das ist hart – aber: This too… Nee! Das kann ich ihm nicht verzeihen…!! Aber: Abschiedsschmerz? Ja, auch das vergeht. Aber er wird wiederkommen … und dann wieder vergehen…

Und ich bin sicher: Sie wird ihren Weg gehen. Als sie vier Jahre alt war, hat eine Freundin gesagt: „Um die brauchst du dir keine Sorgen zu machen! Sie wird alles hinkriegen und wenn sie beschließt Lehrerin zu werden, wird sie Direktorin, so viel steht fest!“ Delegieren können, das Kennzeichen einer jeden guten Führungskraft, hat sie schon drauf – seit Jahren bin ich es, nicht sie, die den Urban Jungle, die vielen Pflanzen in ihrem Zimmer, versorgt… Als sie auf Bali war, drei Monate, um Kindern Englischunterricht zu geben, oder in Indien, hab ich das aber sehr gerne getan – es war eine Gelegenheit ihr in ihrem Zimmer nahe zu sein, auf eine Art etwas für sie zu tun und ihr gute Wünsche und liebevolle Gedanken zu schicken… So wie ich das jetzt auch tue. Meine allerbesten Wünsche sind mit ihr bei ihrem langersehnten Schritt ins neue, aufregende Studenten-Großstadtleben… Und ein paar ihrer Pflanzen bleiben ja noch hier, in ihrem alten Kinderzimmer… so dass ich noch was zu tun habe… Und auf die Geschichten aus dem Großstadt-Dschungel freue ich mich jedenfalls auch schon sehr…

Alles, alles Liebe und einen guten Start für Dich, mein Schatz!

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PS: Schnuffelchen, ähm – so gerne ich kleine Kinder habe – mit dem Oma-Werden hab ich’s in deinem Falle aber noch gar nicht eilig, ok??? Da fällt mir ein: Im neuen WG-Klo hängt ein riesiges Plakat mit Werbung für Billy Boy-Kondome – (O-Ton: „Wo steckst du denn schon wieder?“) – ach, also, wie gesagt: Um dieses Kind muss ich mir keine Sorgen machen…

PPS: Schätzchen, du weißt, wo unser Haus wohnt. Sushi machen wir… sehr, sehr selten. Aber es gibt manchmal Kartoffelsalat. Und offene Ohren und offene Herzen voller Liebe für dich, weißt du? Immer. Für alle Zeit und Ewigkeit.

Loszulassen ist auch eine Form von Liebe.

– unbekannt –

 

Richard Linklater hat 2014 einen ganz wunderbaren Film (Spaßprogramm jetzt wie immer an dieser Stelle!!) zum Thema gemacht namens „Boyhood“. Über 12 Jahre wurde gedreht, in denen aus dem kleinen Jungen Mason, der von Ellar Coltrane gespielt wird, ein junger Mann wird, der schließlich von zu Hause auszieht. In 12 Jahren passiert viel, die (fast) ganz normalen Freuden und Dramen  einer alleinerziehenden Mutter werden gezeigt, dementsprechend ist der Film fast drei Stunden lang – aber als ich ihn zum erstenmal sah, war ich wie festgeklebt auf meinem Kinosessel und dachte immer: Das gibt’s doch nicht – die Dialoge! – saßen die bei uns zu Hause unterm Sofa oder im Auto und haben alles mitgeschrieben? Nach den drei Stunden, in denen ich fasziniert war, die Entwicklung von Mason und seiner Schwester, die sich ja im richtigen Leben auch von kleinen Kindern zu jungen Erwachsenen veränderten, mitzuerleben und ich so mit den Personen mitgefiebert hatte, kam ich in die Realität zurück und wusste: Das ist einer der besten und besondersten Filme, die ich je gesehen habe. Spannend, mitreißend, lustig und auch herzergreifend… Und hier kommt der Trailer…

Boyhood – Trailer

Es lohnt sich! Auch Patricia Arquette als Mutter und Ethan Hawke als Vater, der sich langsam wandelt, sind einfach unglaublich gut…

Eine letzte Frage hätte ich noch: Wie geht es Euch mit dem Loslassen? Was hilft Euch? Bis ganz bald, Ihr Lieben!

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13 Gedanken zu “Die Jugend sieht nicht mehr gut – und zieht zu Billy Boy

  1. Erwischt! Wenn eine(r) von Euch einen Übungsplan für Loslassen hat, bitte her damit. Liebe Carola, ich hab viele gute Tipps zu so vielem, aber loslassen kann ich einfach überhaupt nicht… es dauert immer UNENDLICH lange und läuft durch wirklich alle Emotionen, bis ich es beiseite legen kann. Angefangen von einfachen Gegenständen (die meine Erinnerungs-Anker sind) bis hin zu Beziehungen. Einer der wichtigsten Punkte für mich, die zu lernen noch auf meinem Plan steht… Ich nehme jede Unterstützung an!!
    Und zu Dir und Deiner Tochter: ich sitze hier mit Tränen in den Augen – und mein Gefühl sagt, wie wunderschön ist das, was Du da alles erlebt hast mit ihr… sooo schön, dass Du sie und die Zeit mit ihr überhaupt zum Loslassen bekommen hast… Sag ihr ganz liebe Grüße!

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    • Loslassen ist hart… ich merke, es hilft sehr, wenn ich mich nicht wehre – mich dem natürlichen Werden und Wachsen nicht entgegenstelle, da ich den Fluss der Zeit nicht aufhalten kann… ich versuche mitzuschwimmen und mich diesem Fluss anzuvertrauen…
      Und du hast absolut recht: Es ist ja nur hart, weil es so schön war – und ist! Unsere Beziehung endet ja nicht hier, sie wird sich nur verändern, denke ich… Ich bin unendlich dankbar für diese Zeit – das hätte ich noch schreiben sollen, merke ich! Danke! 🙂
      Ich richte die Grüße gerne aus, danke schön!
      Und es rührt mich,dass Dich mein Text rührt… Danke für Dein Mitfühlen, liebe Brigitte!

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  2. liebe carola, mein erster besuch hier bei dir auf deinem blog. deinen eintrag hier über deine tochter und dich, habe ich gerade gelesen und dachte immer wieder: das ist ein engel. deine tochter ist ein engel. es ist schön, dass ihr euch habt, auch wenn sie auszieht und ihren eigenen weg geht, mit soviel kraft und enthusiasmus, ihr werdet durch eure liebe füreinander immer im herzen verbunden bleiben. und sie ist ja nicht aus der welt. ich finde es sehr schön zu lesen, wie mutig sie ihren weg geht. und auch du. alles liebe und schönen sonntag.

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    • Hallo, liebe Wolkenbeobachterin,
      herzlichen Dank für Deinen mitfühlenden, ermutigenden, wohlwollenden Kommentar!
      Ich habe meiner Tochter erzählt, dass eine Leserin geschrieben hat, sie sei ein Engel und da sagte sie: „Wo sie recht hat, hat sie recht!“ Ich musste so lachen… Ich habe sie nämlich gestern besucht und das war schön und lustig – zum ersten Mal war sie es, die mich gefragt hat: „Hast Du Durst? Magst du was essen?“, und dann ging sie an ihren Kühlschrank und hat mir ein Brot gemacht und hinterher abgespült… So macht es Spaß, erwachsene Kinder zu haben! 🙂
      Ich wünsche Dir einen sehr schönen Wochenanfang!
      Liebe Grüße!
      Carola

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